Henschel Verlag prüft Widersprüche in Aussagen Abbados

Im Rechtsstreit um die Biografie Claudio Abbado. Die Magie des Zusammenklangs zwischen der Verlagsgruppe Dornier und dem Maestro ist keine Einigung in Sicht: Der zur Dornier-Gruppe gehörende Henschel Verlag lässt in Erwartung der Verhandlung zur zweiten einstweiligen Verfügung jetzt prüfen, ob wegen der Widersprüche zwischen der eidesstattlichen Versicherung Abbados zu Aussagen, die von ihm in Zeitungen veröffentlicht wurden, die Staatsanwaltschaft eingeschaltet werden muss.

Nachdem eine gütliche Einigung nicht mehr möglich erscheint, geht der Verlag nun mit Einzelheiten an die Öffentlichkeit:
Als am 11. Oktober 2001 die Biografie im Henschel Verlag erschien, reagierte Abbado am 16. Oktober mit einer einstweiligen Verfügung. Sie untersagte dem Verlag, in dem Buch zu behaupten, er sei 1968 zum „Leitenden Dirigenten des Orchesters der Scala berufen worden“. Außerdem wurde untersagt, in Pressemitteilungen zu behaupten, Abbado
1. habe „in der Zeit von 1959 bis 1962 als Honorarkraft Kammermusik am Konservatorium Arrigio Boito in Parma unterrichtet“,
2. sei zum „leitenden Dirigenten des Orchesters der Scala berufen worden“,
3. sei 1973 „nach langer Krankheit wieder genesen durch Amerika getourt“.

Zu diesen Aussagen legte Claudio Abbado dem Landgericht Berlin eine eidesstattliche Erklärung vor, in der er versichert, dass er Musikdirektor der Scala gewesen sei, vor seiner Amerika-Tournee keine lange Krankheit kurieren musste und in den Jahren 1961 bis 1963 am Konservatorium Arrigio Boito fest angestellt gewesen sei.
Zu ihrer Verteidigung vor dem Landgericht Berlin verwies die Verlagsgruppe Dornier GmbH darauf, dass in allen deutschen und ausländischen Quellen einschließlich namhafter Musiklexika, die bis in die 80er Jahre zurückgehen, angegeben wird, dass Claudio Abbado in der Zeit von 1968 bis 1972 Leitender Dirigent der Scala gewesen sei und erst 1972 Musikdirektor wurde. Außerdem wurden vom Verlag veröffentlichte Interviews mit Claudio Abbado vorgelegt, in denen er selbst von seiner Krankheit im Jahr 1972 spricht.
Das Landgericht Berlin bestätigte in der mündlichen Verhandlung vom 1. November 2001 die einstweilige Verfügung. Eine Begründung der Entscheidung liegt dem Verlag noch nicht vor. Der Verlag wird prüfen, welche rechtlichen Schritte er gegen das Urteil einleitet.

Am 25.10.2001 erging eine zweite einstweilige Verfügung Abbados gegen die Verlagsgruppe Dornier, in der weitere Punkte aus der Biografie beanstandet wurden. Sie stützt sich ebenfalls auf eine eidesstattliche Versicherung des Maestros. Gegen die einstweilige Verfügung wurde vom Verlag Widerspruch eingelegt. Zu seiner Verteidigung wird der Verlag dem Gericht wiederum zahlreiche Interviews Claudio Abbados vorlegen, die die im Buch aufgestellten Behauptungen belegen sollen. Es geht unter anderem um Aussagen Abbados in veröffentlichten Interviews, über die der Maestro im Gerichtsverfahren eidesstattlich versichert, dass er sie nie aufgestellt habe.

Zudem gab Henschel bekannt, dass der Autor Christian Försch sowie der Verlag bereits während der Recherchen über verschiedene Kontakte (Abbados Schwester, seine Tochter, weitere enge Mitarbeiter in Ferrara und seinen persönlichen Assistenten in Berlin) versucht hatten, Abbado in die Entstehung des Manuskriptes zu involvieren. Der Maestro lehnte eine Zusammenarbeit ab, sodass der Autor sich durch Gespräche mit Zeitzeugen und Weggefährten sowie aus veröffentlichten und privaten Quellen informierte. Das Buch wurde nach Überzeugung des Verlags unter Beachtung aller Regeln der publizistischen Sorgfalt geschrieben und lektoriert. Es zeichnet ein positives Bild vom Leben, Werdegang und künstlerischen Werk Abbados.

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