Unser Kolumnist Rainer Dresen hat den neuen Kindle getestet: Er kann noch kein deutsch, erspart aber schon manchen Weg zum Kiosk

Als am 7.Oktober bekannt wurde, dass man nun auch in Deutschland den sagenumwobenden Amazon-Kindle bestellen kann, konnte ich nicht widerstehen und habe mir auf der US-Website sofort ein Gerät bestellt.

Umgehend wurde ich per Mail unterrichtet, wann der Kindle voraussichtlich in München ankommen wird: Am 18. Oktober sollte er verschickt werden und am 21. Oktober eintreffen.

Kindle mit Leselampe
und Bildschirmschoner

Weiter wurde mitgeteilt, dass man unter einer mitgeteilten Webadresse jederzeit überprüfen könnte, wo genau sich das Gerät gerade befindet. Um mir das Warten auf das Gerät etwas zu verkürzen, habe ich tatsächlich ab und zu nachgesehen, wie es dem Kindle denn gerade so ergeht und stets war ich überrascht, wie präzise man informiert wird, wie weit er auf seinem weiten Weg vom Lagerhaus zu mir schon vorangekommen war.

Vermutlich will Amazon dadurch erreichen, dass einem das Gerät schon vor Erhalt ein wenig ans Herz wächst, bei mir jedenfalls trat dieser Effekt rasch ein. So erfuhr ich auf die Sekunde genau, wann das Gerät das Lagerhaus verlassen hatte und von Kentucky nach Philadelphia und von da über den Atlantik („Hoffentlich passiert ihm nichts“) geflogen war, wann es in Köln ankam, wann seine Zollabfertigung begann („Macht ihm bloß keinen Ärger“) und wann sie („Puhh!“) erfolgreich abgeschlossen war und wann es über Kirchheim in München-Ost („Endlich“) exakt am versprochenen Tag ankam.

Um die Vorfreude zu verkürzen hatte ich auch schon ein paar Bücher im Kindle-Shop

Kindle mit FAZ-Startseite

bestellt, bisher gibt es ja nur US-Ausgaben. Dabei hatte ich aber auch entdeckt, dass es dort (neben anderen internationalen Zeitschriften und Zeitungen und in deutscher Sprache auch noch die Wirtschaftswoche) die tägliche Ausgabe der FAZ gibt und gleich ein Probe-Abo abgeschlossen. Und tatsächlich, als ich meinen Kindle in Händen halten konnte, waren alle bestellten Bücher und die aktuelle FAZ schon geladen.

Der Leseeindruck selbst ähnelt dank überall verwendeter elektronischer Tinte (E-Ink) dem anderer Lesegeräte, der Kindle blättert allerdings mit am schnellsten um. Allerdings verfügt der Kindle im Gegensatz zu den meisten anderen Modellen über eine direkte drahtlose Mobilfunkanbindung zum Kindle-Store, wo nahezu 300.000 eBooks für den sofortigen Download verfügbar sind. Der Umweg über den Computer und das Laden per Kabel auf den Reader wie bei anderen Lesegeräten entfällt. Mobile Buchbestellungen sind zukünftig kein Problem mehr. Die Datenübertragung per Mobilfunkanbindung funktioniert, alle bestellten Bücher waren in kürzester Zeit verschickt und lesefertig.

Bemerkenswert sind auch noch Zusatzfunktionen. Schön anzusehen sind die Bildschirmschoner, die auftauchen, wenn man den Kindle ausschaltet. Man sieht dann abwechselnd Portraitzeichnungen von Klassiker-Autoren wie etwa Mark Twain, Edgar Allen Poe oder Jane Austen, aber auch gestochen scharfe Abbildungen aus alten Architektur-, Botanik- oder Zoologie-Büchern. Verspielt aussehend, aber praktisch zu handhaben ist die Leselampe.

Wirklich verblüffend aber ist die Vorlesefunktion text-to-speech. Das Gerät hat zwei eingebaute Lautsprecher, durch die man in erstaunlicher Realitätstreue einer digital generierten Stimme mit angenehmen US-Akzent beim Vorlesen der gespeicherten Inhalte zuhören kann. Zeitgleich zur Lesestimme erscheint der ausgewählte Text zum Selber-Mitlesen auf dem Bildschirm und wird selbständig umgeblättert, sobald der „Vorleser“ eine neue Seite erreicht hat.

Die Vorlese-Qualität ist so gut, so dass man verstehen kann, dass die US-Rechteinhaber um ihre originären Hörbuch-Verwertungsmöglichkeiten fürchten und Amazon nur mit ausdrücklicher Zustimmung diese Funktionalität freigeben.

Kurios ist der Effekt, wenn man die US-Vorlesefunktion nutzt, um die ja deutschsprachige FAZ zu lesen: Deutsche Worte werden bislang noch, der deutsche Markt wird ja gerade erst erschlossen, rücksichtslos amerikanisch ausgesprochen, was sehr lustig klingt.

Ein absolutes Highlight ist der Erhalt der täglichen FAZ. Als deren Kindle-Abonnent erhält man sie jeweils zwischen 23 Uhr und Mitternacht des Vortages automatisch zugeschickt. Die Artikel der Print-Ausgabe werden übersichtlich präsentiert und sind leicht lesbar. Den Gang zum Kiosk kann man sich so künftig sparen. So verändert der Kindle vielleicht nicht nur die Buchbranche, sondern bietet auch neue Verwertungsmodelle für Zeitungen. Schon bald wird man sich so seine persönliche Zeitung zusammenstellen können.

Hierbei wird sicher helfen, dass Amazon für 2010 den Verkauf des Kindle DX in Deutschland plant, einer größeren Version des aktuellen Kindle 2. Der Kindle DX hat ein fast doppelt so großes Display, lässt sich wie ein iPhone auch im Querformat lesen, bietet doppelt so viel Speicherkapazität (4 GByte anstatt 2), hat aber auch ein deutlich höheres Gewicht (530 anstatt 290 Gramm). Auch der Preis ist allerdings entsprechend höher: Kostet der Kindle 2 279 US-Dollar, soll der DX 489 US-Dollar kosten.

Ob altes oder neues Modell: Amazon verkauft den Kindle bereits jetzt offenbar sehr gut. Zu dem soeben vermeldeten Gewinnsprung des Händlers von 62 Prozent trug er als meistverkaufter Artikel nicht unmaßgeblich bei.

Rainer Dresen ist Rechtsanwalt, Verlagsjustitiar und Ausbilder für Verlagsrecht im Fachanwaltslehrgang Urheber-und Medienrecht der Anwaltakademie. Für BuchMarkt schreibt er regelmäßig zu Rechtsfragen. Hier geht es zu seiner Rechte Kolumne

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