Patrick Marc Sommer und Rüdiger Quass von Deyen thematisieren die Zukunft des Lesens Wir sprachen mit den Organisatoren zur Veranstaltungsreihe FURE-The Future of Reading

Am 24. November 2017 fand die „FURE – The Future of Reading“ Design Konferenz in Münster zum ersten Mal statt. Die Initiatoren, Prof. Rüdiger Quass von Deyen und Patrick Marc Sommer, Typoint und Design made in Germany, hatten dafür mehrere namhafte Referenten gewinnen können, wie Holger Windfuhr, Artdirector der FAZ, Wikipedia-App-Entwickler Frank Rausch und Hanne Mandik vom Verlag Kiepenheuer & Witsch (KiWi). Wir fragten mal genauer nach:

BuchMarkt: Wie kam es ursprünglich zu der Idee einer solchen Veranstaltungsreihe?

Patrick Marc Sommer und Rüdiger Quass von Deyen

Patrick Marc Sommer: Die Branche bewegt sich sehr stark in Richtung Digitalisierung – positiv wie auch auch negativ. Wo kann sich dabei der Printbereich neu etablieren? Welche neuen Ansätze gibt es beim digitalen Lesen? Wie können wir uns als Gestalter darauf vorbereiten? Der Name FURE ist übrigens eine Abkürzung von FUture of REading.

Rüdiger Quass von Deyen: Wir leben nun mal in einer globalisierten Gesellschaft die gerade erst lernt  mit einem deutlich mehr an Informationen umzugehen hat. In der Lehre, wie auch in meinem professionellen Agenturalltag, begleite und bin ich Teilnehmer der Diskussion, rund um Veränderungen und Verschiebungen in multisensorischer und analoger Kommunikation. Lesen ist dabei mehr als die Aufnahme von Information. Patrick und ich wollten schon länger ein gemeinsames Format entwickeln, das sich mit Inhalten auseinandersetzt und von den üblichen Portfoliodarstellungen absetzt. So näherten wir uns über die Themen die Gestalter betreffen der FURE –  da lag es in unseren Gesprächen irgendwann nah, Diskussionen eine Plattform zu bieten, den Austausch von Wissenschaft, Experiment und Praxis zu fördern und zu fordern.

Wie kommen Sie da ins Spiel?

Sommer: In meiner Tätigkeit als Grafikdesigner und Buchgestalter befasse ich mich mit der Gestaltung und Umsetzung von Publikationen mit Typografie als Schwerpunkt. Daher ist das Thema für mich auch sehr bedeutend und ich freue mich auf neue Aspekte rund um die Zukunft des Lesens.

Quass von Deyen: Storytelling. Dieses Gespenst, welches seit einiger Zeit durch unser mediales Dorf getrieben wird, beschäftigt mich bereits über mein gesamtes berufliches Leben hinweg. Als Editorial Designer, also journalistischer Gestalter, habe ich es von Anfang an gelernt visuell Geschichten zu erzählen.  Die Zeit als Art Director der Handelsblatt Gruppe oder auch für Gruner + Jahr ist dementsprechend die Basis dafür gewesen, von Beginn meiner Agenturgründung an, in unserer Arbeit einen gestalterischen Weg immer aus den Inhalten abzuleiten und visuell strategisch zu entwickeln. Genau das verfolge ich nun auch in der Lehre. In zunehmendem Maße natürlich durch die intelligente Verknüpfung aller zur Verfügung stehen den Kanäle. Die Diskussionen darum verfolge ich nicht nur, sondern bin Teil der digitalen Auseinandersetzung bereits seit der New Economy und dem Internet 1.0.

Die Lehre, in der ich nun zudem seit geraumer Zeit engagiert bin, gibt mir endlich die Gelegenheit und den Raum dem Ganzen eine Plattform zu bieten. Gemeinsam mit Patrick versuchen wir dem Diskussionshype jährlich ein Update zu geben, um uns allen die Möglichkeit zu bieten, wenigstens ein Stückweit Überblick zu erhalten und vielleicht sogar Jahr für Jahr uns der Zukunft Schrittweise zu nähern.

Können Sie uns zentrale Inhalte der Veranstaltungsreihe kurz näher bringen?

Sommer: Die Konferenz befasst sich mit  Print und Web gleichermaßen. Unsere Sprecher stammen aus den unterschiedlichsten Bereichen. Uns ist die Vielseitigkeit der Sprecher sehr wichtig. Als Sprecher waren zum Beispiel dabei: Hanne Mandik (Kiepenheuer & Witsch), die sich mit der Gestaltung typografisch anspruchsvoller E-Book-Layouts und der Zukunft von E-Books beschäftigt,  Frank Rausch der (App-Entwickler und Spezialist für digitale Typografie) über gute Lesetypografie für dynamische Inhalte, Holger Windfuhr (Artdirector der Frankfurter Allgemeine Zeitung). Oder auch Florian Adler, der sich mit der Gestaltung von Publikationen und Webseiten beschäftigt, damit sie für Menschen mit und ohne Seheinschränkungen gleichermaßen gut lesbar und attraktiv sind.

Quass von Deyen: Klar, wie gerade gesagt: Die Erfindung des Buchdrucks war die Geburtsstunde der Massenmedien. Mit fortschreitender Alphabetisierung konnten durch Bücher, Flugblätter und Zeitungen mehr und mehr Menschen erreicht werden, Der Buchdruck war aber aus heutiger Sicht das kurze Zeitalter zentralisierter Einweg Kommunikation.

Hat man heute einmal Zugang zum Internet, sind die Schranken der technischen Kompetenz deutlich niedriger geworden. Wem das geschriebene Wort nicht liegt, der kann mit seinem Handy in Sekunden ein Video ins Netz stellen. Die Konkurrenz, der Kommentar, die Gegenposition ist nur einen Klick entfernt. Das sorgt für eine völlig andere, neue Konkurrenzsituation, eine Markt- und vor allem Machtverschiebung. Veränderte Erwartungen, ein anderes Selbstverständnis des Rezipienten oder Prosumenten. Mit dem Fallen der Publikationsschwelle wird die Konkurrenz um Aufmerksamkeit schärfer. Die Vielfalt der Inhalte unserer Referenten zeigt doch, welchen Aufgaben wir  Designer uns heute und in Zukunft stellen müssen.

Wen wollen Sie damit konkret ansprechen? Mit welchem Ziel?

Quass von Deyen: Eigentlich allen, die als Gestalter Medien entwickeln oder erstellen. Mag es ein Buch, ein eBook, ein Magazin, eine Zeitung oder mag es der Umgang mit Typografie in analogen und multisensorischen Kanälen sein. Am Ende geht es einfach darum ein Gefühl zu entwickeln, an welcher Stelle wir uns in diesem Experiment der Digitalisierung befinden. Was das für unsere jeweilige Arbeit bedeutet und wohin uns der Weg noch führen könnte. Welches Chancen und Risiken ich für mich als Designer sehen, entdecken und nutzen kann.

Sommer: Nächstes Jahr wird es eine weitere FURE Konferenz geben.

Raum für Diskussion: Patrick Marc Sommer im regen Austausch mit dem Publikum

Entwicklung. Das ist wohl das Wort der Stunde hierzu.Welche neuen Rollen wird Print denn in Zeiten der Digitalisierung einnehmen?

Quass von Deyen:Digitale Kanäle, ob stationär oder mobil, haben analoge ja nicht vollends ersetzt. Allein die demografische Entwicklung steht dem zum Teil entgegen. Die Menschen sind selektiver in der Wahrnehmung, aber breiter informiert, und wir leben in einer Gesellschaft, die gerade erst lernt, mit vielen Informationen umzugehen. Das ist nicht ganz einfach, denn es gibt immer mehr, die etwas sagen wollen, und immer mehr, die zuhören sollen. Inhalte gut und leicht lesbar, vor allem verstehbar anzubieten und diese ansprechend zu gestalten sind die alltäglichen Aufgaben, die sich uns Gestaltern stellen. Für mich kristallisiert sich die Tendenz heraus, dass sich print und digital nicht ausschließen. In absehbarer Zeit wird jeder ernsthafte Leser wissen müssen, wie man zwei unterschiedliche Leseerlebnisse pflegt – und gerade darin liegt eine große Chance und viel Potenzial.

Welchen Stellenwert hat das Buch heutzutage?

Quass von Deyen:Wenn ich mir allein die Auflagenzahlen und die Titel die jedes Jahr neu hinzukommen ansehe, muss einem um das Buch wohl erst mal nicht bange werden. Ich vermute dass die „analoge User Experience“ dieses Mediums kaum zu ersetzen ist. Allein das Gefühl, eine letzte Seite zu erfahren, ist ein unschätzbarer Vorteil in dieser Erlebniswelt.

Wo sehen Sie das Buch in 50 Jahren?

Sommer: Ich denke, dass es weniger Taschenbücher werden, dafür mehr gebundene Bücher. Es wird mehr Wert auf Qualität und interessante Materialien gelegt.

Quass von Deyen: Ha. Wenn das irgendjemand sagen könnte, wäre er als Verlagsberater aber mal richtig ausgebucht.

Sind gedruckte Bücher in Gefahr?

Sommer: Nein

Quass von Deyen: Aktuell sehe ich keine Gefahr. Fragen Sie mich nach der FURE 2018 noch mal.

Nun sind wir ja eine Fachzeitschrift für Buchhändler. Inwiefern muss sich die Rolle und Einstellung des stationären Buchhändlers verändern, um in diesen Zeiten überleben zu können?

Quass von Deyen: Schwierige Frage. Solange ich  außerhalb großer Zentren einen langen Anfahrtsweg zu einer Buchhandlung habe um zu erfahren, dass mein Buchwunsch bestellt werden muss und ich meine Anreise deswegen wiederholen darf … ist es schwer dies als Alternative zu amazon zu sehen. Ich kenne mich tatsächlich nicht gut genug in den Geschäftsmodellen aus. Welche Services kann ich als Buchhandel heute alle bieten, um Beratungs- und Kauferlebnisse zu schaffen? Die traditionelle Verkaufsfläche wird es in Zukunft nicht sein. So viel steht für mich fest.

Inwiefern verändert die Digitalisierung das Einkaufsverhalten?

Quass von Deyen: Bestellungen und Lieferungen funktionieren natürlich schneller, wenn ich bereits weiß , was genau ich haben möchte. Bezahlvorgänge sind problemloser. Das lässt einen unbeschwert und zeitnah entscheiden.

Digital oder Print? Was lesen Sie gerade?

Quass von Deyen: Oje. ich bin ein ziemliches Sammelsurium. Aktuelle Nachrichten lese ich eher Mobil. Sehr bewusst aus verschiedenen Perspektiven … ich nutze Spiegel-Online wie auch die Die Welt App. Ich finde beide Tendenzen wichtig für meine eigene Meinungsbildung, um erst mal nur die beiden zu nennen. Am Wochenende sollte es für mich danach schon die FAS sein. Vielleicht so ein Generationsding. Aber ich liebe es, am Sommersonntag oder auch im Novemberregen am Kamin, mich mit einem solchen Format auseinanderzusetzen.

Große Geschichten auf alle Fälle als Buch. Ich brauche die Dimension, die hohe, sichtbare Seitenzahl. Das hat für mich fühlbare Bedeutung. Gerade ist es die Mao Biografie von Jung Chang und Jon Halliday. Ich mag historische Stoffe und Romane. Magazine gehören für mich auch immer noch dazu. Für eines meiner wichtigsten Themen, Fußball, gehört 11Freunde als einzige von mir abonnierte Zeitschrift zu meinem medialen Leben.

Sommer: Bücher lese ich am Liebsten in gedruckter Form. Bisher konnte ich mich mit Ebooks wenig anfreunden. Ich stehe sehr auf gut gestaltete Bücher mit schönem Papier. Haptik finde ich sehr wichtig!

Bei mir liegen gerade 7 Bücher neben dem Bett von denen ich zwei am Lesen bin. Momentan: »Der Club« von Takis Würger vom Kein & Aber Verlag und »Watten: Ein Nachlaß« in der Suhrkamp Letterpress Edition.

Ich lese Nachrichten und Neuheiten rund um Design über verschiedene Nachrichtenseiten, Twitter, Facebook etc.

Mobil lese ich gerne Artikel über Blendle (https://blendle.com/) – sehr praktisch um einzelne Artikel von verschiedenen Magazinen und Zeitungen zu lesen.

Ansonsten bin ich täglich natürlich immer online auf Design made in Germany und auf dem neuen Blog Design We Like, für die ich beide selbst schreibe.

 

 

 

 

 

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