Weltenbrand – szenische Collage in der Nationalbibliothek

Adolf Riesiger (Michael Bideller)
meldet sich freiwillig

Gestern Abend fand in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt die Aufführung der szenischen Collage Weltenbrand statt. Das Stück der Hamburger Theatergruppe Axensprung thematisiert den Ersten Weltkrieg auf ganz besondere Weise.

Es setzt sich aus Texten der expressionistischen Schriftsteller und Kriegsteilnehmer Edlef Köppen und August Stramm, offiziellen Heereskommuniqués und Fragmenten aus damaligen Tageszeitungen zusammen und wird von Klangkompositionen von Markus Voigt sowie Bildern des Malers Otto Dix unterstrichen.

Das erste Bühnenbild zeigt eine vergrößerte Feldpostkarte: „… die besten Grüße und Wünsche, frohe Weihnachten. Gruß Papa“ kann darauf entziffert werden. Es ist ein Lebenszeichen von Paul Ueberschär, dem im Ersten Weltkrieg gefallenen Urgroßvater des Schauspielers und Sprechers Oliver Hermann. „Die über 100 Feldpostkarten und Tagebücher bekam ich vor zehn Jahren in die Hände. Sie ließen mich nicht mehr los“, erzählt Oliver Hermann nach der Aufführung. Mit dem Schauspieler Michael Bideller und dem Musiker Markus Voigt – beide hatten ebenfalls Großväter, die am Ersten Weltkrieg teilnahmen – kam ein überzeugendes Team zusammen.

Der Roman Heeresbericht von Edlef Köppen, erstmals 1930 im Horen-Verlag veröffentlicht, lieferte schließlich die Steilvorlage, so Hermann, für die Collage. Einschneidende Erlebnisse des Kriegsfreiwilligen Adolf Reisiger, der sich im Laufe von vier Jahren zu einem absoluten Kriegsverweigerer wandelt, werden punktuell und mit sparsamsten Mitteln auf die Bühne gebracht. Von den zunächst langweiligen, öden Tagen mit sinnlosen Arbeiten wie das Putzen und Anstreichen der Kanonen spitzt sich das Kriegsgeschehen zu. Reisiger nimmt an ersten Kampfhandlungen teil und beginnt sich zu fragen, was Krieg, das Töten von Menschen, für einen Sinn hat.

Zwischen diesen banalen wie unvorstellbar schrecklichen Situationen des Kriegsalltags werden Bekanntmachungen, Bekenntnisse und Zeitungsanzeigen verlesen, die das ganze Geschehen ad absurdum führen. Das Inserat über „die beste Seife für Zuhause und im Felde“ ist grotesk angesichts des Ausharrens der Soldaten in einem halb voll Schlamm gelaufenen Schützengraben und unter stundenlangem Dauerbeschusses.

Der Krieg ist in solchen Momenten nicht mehr weit weg, anonym und längst vorbei – die Collage bringt ihn dem Zuschauer sehr nahe, und zwar ohne den kübelweisen Einsatz von Theaterblut, sondern mit sparsamen Gesten, einprägsamen Gedanken. Der Krieg mit all seinem Irrsinn wird hier zu einem eindrucksvollen Kammerspiel mit drei Protagonisten.

Die szenische Einrichtung übernahm Erik Schäffler, Marcella Dix zeichnet für die Grafik verantwortlich; die Bilder ihres Großvaters Otto Dix unterstreichen neben Fotodokumenten den Wahnsinn des Krieges auf schockierende Weise.

JF

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