Verständnis, Gicht und Galle: Briefe von Turgenev und Flaubert

Christian Brückner, Gerd Wameling

Gestern Abend fand die vierte Veranstaltung der im November 2014 begonnenen Reihe Salon kontrovers in der Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen statt.

Die von Hanne Kulessa konzipierte literarische Reihe beschäftigte sich zuvor mit Arten des Lesens, also im Buch oder auf elektronischen Geräten, mit Briefen von Schriftstellern, mit Handschrift und Tastaturgebrauch und am gestrigen Abend mit dem Briefwechsel zwischen Ivan Turgenev (1818 – 1883) und Gustave Flaubert (1821 – 1880).

Als Gäste konnte Kulessa dazu Christian Brückner und Gerd Wameling begrüßen – beide haben zahlreiche Hörbücher eingelesen. Brückner übernahm den Part von Flaubert, Wameling las die Briefe von Turgenev. Auch die Übersetzerin der Briefe aus dem Französischen, Eva Michel-Moldenhauer, saß im Publikum.

Der Briefwechsel begann 1863 und sollte bis zum Tod Flauberts anhalten. Beide Schriftsteller verbanden eine innige Freundschaft und ein tiefes Verständnis füreinander. Die Sehnsucht nach gemeinsamen Plauderstunden wird in nahezu jedem Brief deutlich.

Flaubert entdeckte eine „verzaubernde Traurigkeit“ in Turgenevs Texten, so schrieb er zwei Wochen nach ihrer ersten Begegnung. Doch das Herz des Dichters sei bislang nicht genug gelobt worden, äußerte Flaubert. „Ihr Brief hat mich erröten lassen“, antwortete Turgenev und schickte ihm seine Texte mit der Bemerkung: „Sie sehen, dass ich Sie nicht in Ruhe lassen werde.“

Immer wieder ist auch von Krankheiten die Rede, Turgenev plagt die Gicht, Flaubert der Schmerz an der Welt. Turgenev rät: „Arbeiten Sie!“, Flaubert mahnt: „Pflegen Sie sich!“

Ratschläge zur Literatur gibt es ebenfalls: „Der Titel ‚L’Éducation sentimentale’ ist schlecht“, schreibt Turgenev, hat den Autor aber nicht umstimmen können.

„Ich kann wohl sagen, daß das einzige Gute, das ich seit langem erlebt habe, Ihr letzter – zu kurzer – Besuch war. Warum leben wir so weit voneinander entfernt? Sie sind, glaube ich, der einzige Mensch, mit dem ich gern plaudere. Ich sehe niemanden mehr, der sich mit Kunst & Poesie befaßt. Das Plebiszit, der Sozialismus, die Internationale und anderer Unrat verstopfen alle Gehirne“, schreibt Flaubert im Mai 1870.

Flaubert beklagt sich später erneut: „Wo wird die Flut der öffentlichen Dummheit enden? … Wenn ich meine Galle verspritzt habe, werde ich hoffentlich ruhiger.“

Im Juni 1872 steht in einem Brief Turgenevs: „Im Augenblick befinde ich mich in Moskau, geplagt von einem häßlichen Gichtanfall, der mich an mein Sofa fesselt. … Ich werde wie ein Pfeil nach Paris fliegen … Ich flaniere, ich arbeite, wenn ich kann, dann gehe ich nach Paris, um dort einen gewissen Flaubert zu treffen, den ich sehr liebe und mit dem ich entweder zu ihm nach Croisset oder zu Madame Sand George Sand nach Nohant fahren werde, die uns anscheinend dort sehen will.“

George Sand stirbt am 8. Juni 1876. Turgenev schreibt zehn Tage später: „Seit heute morgen bin ich in meinem Patmos – und traurig wie eine Nachtmütze. – (Haben Sie bemerkt, daß dies der Augenblick zu sein pflegt, da man an seine besten Freunde schreibt?)“

Flaubert beklagt sich später erneut: „Wo wird die Flut der öffentlichen Dummheit enden? … Wenn ich meine Galle verspritzt habe, werde ich hoffentlich ruhiger.“

Oft verhindern Gichtanfälle oder Rebhuhnjagden angekündigte Besuche Turgenevs in Croisset. Flaubert hat Turgenev in Spasskoje nie besucht, obwohl er sich das gewünscht hatte.

„Es ist ganz erstaunlich, wie witzig man über Krankheiten vorlesen kann“, sagte Hanne Kulessa am Schluss der Veranstaltung. Der Abend war tatsächlich ein Ohrenschmaus und machte Appetit auf mehr: Am Büchertisch der Buchhandlung Wendeltreppe konnte man die passende Lektüre und Hörbücher erwerben.

Der Briefwechsel zwischen Turgenev und Flaubert, der 235 Briefe umfasst, ist 1989 in der Friedenauer Presse erschienen, herausgegeben von Peter Urban. 2008 wurde er zudem bei Diogenes publiziert.

Der Salon kontrovers wird im September fortgesetzt.

JF

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