Symposium über den Groschenroman oder „Die Schwere Kunst der leichten Unterhaltung“

Was schreibt jemand, der auf keiner Bestsellerliste auftaucht, den als Autor keiner kennt und der trotzdem 160 000 Leserbriefe bekommt? Pünktlich, jeden Tag um 7.45 Uhr („mal 5 Minuten früher oder später sind schon drin“), sitzt Helmut Rellergerd, ein bescheiden freundlicher Herr Ende Fünfzig und bekannt unter dem Pseudonym Jason Dark, vor seiner Olympia Schreibmaschine und dichtet an seiner Grusel- und Geisterserie „John Sinclair“. Und das, sehr diszipliniert, wie er selbst sagt, seit 1973, als das erste John Sinclair Groschenheft – „Die Nacht des Hexers“ im Bastei Verlag http://www.bastei.de erschien. Inzwischen hat er 282 Romanhefte und Taschenbücher geschrieben, die, Lizenzausgaben mitgerechnet, über 270 Millionen mal verkauft wurden.

Fast so viele, wie jährlich von den „Schundromanen“ mit so bekannten Namen und Helden wie „Jerry Cotton“, „Dr. Stefan Frank – dem Arzt, dem die Frauen vertrauen“ oder „Perry Rhodan“ in Deutschland verkauft werden: 300 Millionen Stück. Alleine der im Bergischen Land beheimatete Bastei Verlag liefert wöchentlich gut 1 Million Exemplare der Groschenromane aus und hat seit 1953 über 2 Milliarden Stück verkauft. Heutiger, durchschnittlicher Ladenpreis 1,35 Euro – eine Handvoll Cents.

Weil aber diese Gattung der Medien, um es mal vorsichtig zu sagen, ein Image-Problem hat, hatte der Bastei Verlag und die Ursula Lübbe Stiftung http://www.ursula-luebbe-stiftung.de ins Haus der Geschichte nach Bonn zu dem Symposium „Die schwere Kunst der leichten Unterhaltung“ eingeladen. In drei Podiumsdiskussionen, denen jeweils ein Walter Benjamin Zitat zugeordnet wurde, wie zum Beispiel „Tasten wir uns unbeholfen an diese unbeholfenen Werke heran“, das ja immer gut funktioniert, sollte dieses spezielle Genre der Volksliteratur beleuchtet werden. Flankiert wird die Veranstaltung von der Ausstellung „Mythen für Millionen“, die noch bis zum 2. Mai im Haus der Geschichte http://www.hdg.de zu sehen ist.

Der Bastei Verlag gehört zur Verlagsgruppe Lübbe, einem der letzten grossen und unabhängigen Buchverlage Deutschlands, den wir getrost als Gemischtwarenladen bezeichnen dürfen, allerdings als sehr erfolgreichen. Ähnlich illuster und verschieden wie die Buchprogramme der Lübbe Verlage waren die Menschen, die in den Podiumsrunden beieinander sassen: Vom Schriftsteller und Drehbuchautor Bodo Kirchhoff, der Erfinderin und Autorin von „Dr. Stefan Frank“, Elfie Ligensa, bis zum Groschenroman-Sammler Heinz J. Galle und dem Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in Paris, Dr. Johannes Willms reichte die Bandbreite.

Wild ging’s her und hin und wieder zurück: Von der Einsamkeit des Schreibers zur Einsamkeit des Lesers, vom Abbilden des Zeitgeistes in den Groschenheften, um das, was gekauft und das, was wirklich gelesen wird, um die festen Erwartungen, die erfüllt werden müssen und um das vorgegebene Happy-End im Genre der Groschenromane. Doch bereits im ersten Podium, der „Erforschung der geologischen Struktur des Buchgebirges“ brachte der Suhrkamp Autor Andreas Maier („Wäldchestag“, „Klausen“) schnell auf den Punkt, worin der prägende, der essentielle Unterschied besteht zwischen „Literatur“ und der „Unterhaltungs-Literatur“ eines Groschenromanes: In der Wahrhaftigkeit. Maier nannte es „meine Suche nach der Wahrheit, der ich mich unterordnen muss“, und damit formulierte er das, was uns in der Literatur berührt, weil es verdichtet auftaucht und es plötzlich Wörter (und damit Bilder) gibt für Situationen, Lebenszusammenhänge und -gefüge, die bisher namenlos und trotzdem bekannt, vertraut waren. Der unike, berührende Punkt. Wie im richtigen Leben, wo wir ja auch den Unterschied zwischen einer durchaus gut geführten Unterhaltung mit Menschen und dem vertrauten, intensiven Gespräch mit Freunden spüren.

Stunden später sagte der sprach- und schauspielbegabte Maler Johannes Grützke nichts anderes, als er ins Publikum rief: „Es geht doch um die Wahrhaftigkeit, um nichts anderes!“ Als wahrer Stachel im Fleisch der Diskutanten entpuppte sich die Schriftstellerin und Autorin des S. Fischer Verlages Marlene Streeruwit („Verführungen“, „Jessica, 30“). Sie hat schon vor Jahren eine dreiteilige Heftchenserie vorgelegt, richtig schön schundig, allerdings im Suhrkamp Verlag erschienen und im Schuber versteckt. Ihrer durch und durch kritischen Haltung, ihren literaturwissenschaftlichen Kenntnissen und ihrem steten Nachhaken verdankten Podium und Publikum, dass die Nivellierung der Genregrenzen und dem Abgleiten ins alltäglich Banale rigoros der Riegel vorgeschoben wurde. Gar nicht gesprochen wurde leider über die Darreichungsformen bzw. Verpackungen von Literatur. Weil es eben schon einen Unterschied macht, ob das Werk fein gebunden, mit Lesebändchen, Schutzumschlag und Vorsatzpapier versehen im Suhrkamp, Fischer oder Schoeffling Verlag erscheint oder „nur“ als Reclam-Heftchen oder doch als Groschenroman im Bastei Verlag. Denn wie wir seit Marshall McLuhan wissen: „The Medium is the Message“. Auch die eigentliche Verlagsseite, der tägliche Umgang mit und die wirtschaftlichen Komponenten der Unterhaltungsliteratur kamen überraschender und sicherlich gut gemeinter Weise zu kurz. Aber der Verleger Stefan Lübbe hatte ja schon zu Beginn gesagt, dies sei nur der Auftakt einer ganzen Reihe von Veranstaltungen und Massnahmen für die Populärkultur. Und für einen ersten Versuch war dieses Symposium schon ganz gut gelungen. Allerdings könnte es gut sein, dass es gar nicht so schwer ist, leicht zu unterhalten. Auch wenn es eine eigene Kunst sein mag, so geht es doch immer um Unterhaltung. Tiefe, Vertrauen, Ernsthaftigkeit und vielleicht ein bisschen Wahrhaftigkeit sind niemals leicht und keine Unterhaltung.

STEFAN BECHT stefan@stefanbecht.de

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