Stationen des Gedenkens

Erinnerung auf dem Römerberg

In Frankfurt am Main wurde dem gestrigen 80. Jahrestag der Bücherverbrennung in drei Veranstaltungen gedacht. Wer an allen teilnahm, war fünf Stunden in der Stadt unterwegs.

Der Auftakt des Gedenkens unter dem Motto Verbranntes lesen fand um 17 Uhr in der Literaturlounge des Hauptbahnhofs statt. Organisator Lothar Ruske vom Verein Kultur & Bahn begrüßte die zahlreichen Gäste.

Lisa Straßberger, Katholische Akademie Rabanus Maurus, führte in die Lesung aus Über das Verbrennen von Büchern von Erich Kästner, gerade im Atrium Verlag erschienen, ein. Die Schauspielerin Barbara Englert trug Passagen daraus vor. Die Zuhörer erfuhren dabei, dass erste „Bücherhinrichtungen“ bereits in der Antike stattfanden.

In der gut vorbereiteten Aktion der Studentenschaft am 10. Mai 1933 erreichten sie einen erschreckenden Höhepunkt in über 20 deutschen Städten.

Das Ende solcher Vernichtung von Büchern war das indes nicht. Erich Kästner selbst berichtet von einer Bücherverbrennung 1965 in Düsseldorf. Dabei fielen nicht nur Groschenromane und Sex-Magazine, sondern auch Werke von Günter Grass und Vladimir Nabokov den Flammen zum Opfer.

Nicht alle Teilnehmer an den insgesamt 93 Bücherverbrennungen, die innerhalb von sechs Monaten im Jahr 1933 in Deutschland stattfanden, sahen diesem schaurigen Spektakel begeistert zu. Manche hoben Bücher auf, versteckten sie unter der Kleidung, lasen sie anschließend heimlich.

Nach dieser Gedenkstunde konnten die Interessierten an einem Tisch der Buchhandlung Schmitt & Hahn Erich Kästners Über das Verbrennen von Büchern kaufen. Auf den Tischen lagen außerdem etwa 120 Bücher bereit – all jene Titel, die vor 80 Jahren dem Feuer übergeben wurden. Jeder Besucher hatte die Möglichkeit, diese Bücher mitzunehmen, zum Ort des damaligen Geschehens zu tragen und sie gleichsam als „Rückgabe“ wieder aufzustellen.

Auf dem Frankfurter Römerberg fand die zweite Veranstaltung, organisiert von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten und Antifaschistinnen (VVN-BdA), statt. Auch hier wurde aus „verbrannten“ Büchern gelesen.

Höhepunkt war die Aufreihung der mitgebrachten Bücher auf den Tischen – an jenem Ort also, wo vor 80 Jahren die Flammen loderten. Seit 2001 erinnert eine Plakette an dieses unheilvolle Ereignis.

Von hier aus wurden die Bücher schließlich ins nicht weit entfernte Haus am Dom gebracht. Die Regale standen schon bereit für die Bücher, die der Atrium Verlag, der Aufbau Verlag, der Deutsche Taschenbuch Verlag, der Elsinor Verlag, der Fischer Verlag, der JBM Verlag, der Verlag Kiepenheuer & Witsch, der Luchterhand Literaturverlag, der Reclam Verlag, der Suhrkamp Verlag, der Rowohlt Verlag, Tredition, der Ullstein Verlag und der Wallstein Verlag gespendet hatten.

Eine kleine Ausstellung im Foyer informierte über die in Frankfurter aktiv an der Bücherverbrennung Beteiligten und ihre Lebenswege.

Im großen Saal ging Lutz Becht, Institut für Stadtgeschichte, auf Hintergründe der Geschehnisse vor 80 Jahren ein, nannte Namen der damaligen aktiv Beteiligten, schilderte ihren weiteren Werdegang – viele blieben unbehelligt.

Schauspielerin Uta Eckhardt rezitierte aus Werken von Ernst Erich Noth (Paul Albert Krantz), Valentin Senger, Hannah Tillich, Oskar Maria Graf, Bertolt Brecht, Ernst Toller, Alexandra Kollontai, Anna Seghers, Alfred Kerr und Mascha Kaléko.

Musikalisch begleitet wurde diese Lesung von Walter Haimann, der Kompositionen des jüdischen Musikers Mátyás Seiber vortrug. Seiber richtete 1928 die weltweit erste Jazzklasse an Dr. Hoch’s Konservatorium in Frankfurt ein und musste 1935 emigrieren.

JF

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