„So lacht die Hölle“ – Ein Abend für Ulrich Becher

Eva Menasse, Peter Härtling, Stefana Sabin (v.l.)

“Wissen Sie, Gnädige Frau, es hat wirklich keinen Sinn, sentimental zu sein.“
Mit diesem ersten Satz aus Ulrich Bechers Murmeljagd begann auch der gestrige Abend in der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt am Main.

Der Verlag Schöffling & Co. und die Nationalbibliothek hatten eingeladen, um den Autor, dessen Geburtstag sich am 2. Januar zum 100. Male jährte, und seinen großen Gesellschaftsroman zu ehren.

Felix von Manteuffel las den Romanbeginn, einen verhinderten Selbstmordversuch.

Die Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt, Ute Schwens, begrüßte die zahlreichen Zuhörer und würdigte den Schöffling Verlag und seine Anstrengungen, beinahe vergessene Literatur wieder ans Licht zu holen und der Öffentlichkeit zu präsentieren.
Eine enge Verbindung bestehe zwischen der Bibliothek und Ulrich Becher, denn im Exilarchiv befinden sich viele Stücke aus dem Nachlass. Ein kleiner Teil davon war an diesem Abend in Vitrinen ausgestellt.

Der Verleger Klaus Schöffling räumte zunächst mit einem „Unfug des Feuilletons“ auf; sein Haus sei nicht der Fachverlag des Deutschen Literaturinstituts in Leipzig. Allerdings kümmere sich der Verlag um die Wiederentdeckung beinahe vergessener Autoren. Das begann 1998 mit Paul Kornfelds Blanche oder Das Atelier im Garten.
Zu Bechers Murmeljagd zitierte der Verleger aus einem Brief von Peter Härtling, der bereits im Mai 2008 positiv auf das Editionsvorhaben reagierte: „Welch ein Fund!“

Stefana Sabin stellte Ulrich Becher (1910 bis 1990) kurz vor und wies auf das Urteil Klaus Manns hin, der das Werk des Autors als „redliche Prosa“ einordnete.

Murmeljagd, ursprünglich im doppelten Umfang von 1500 Seiten, ist in einem Zeitraum von 20 Jahren entstanden und erzählt die vielschichtige Geschichte einer Flucht vor den Nazis im Jahr 1938. Das Buch erschien erstmals 1969 im Rowohlt Verlag. Stefana Sabin charakterisierte den Roman als experimentelle Literatur mit politischer Aussage.

Auch Eva Menasse, die das Werk mit 19 Jahren erstmals gelesen hatte und eine großartige Erfahrung damit verbindet, sieht das Politische des Romans als Wuchtigstes der Geschichte: „Der Erzähler sitzt im Auge des Orkans.“ Mit Sarkasmus schlägt der Autor der Angst ein Schnippchen. Groteske Situationen reihen sich aneinander, gegen den Untergang wird wütend getobt.

Ähnlich urteilt Peter Härtling, der den Roman im Alter von 20 Jahren las: „Ulrich Becher war auf unerhörte Weise jung, das vermittelte mir das Buch. Seine Figuren sind wie Zeichnungen seines Freundes George Grosz. Als Murmeljagd erstmals erschien, konnte man noch viel von Ulrich Becher entdecken, zum Beispiel Das Herz des Hais, eine großartige Geschichte.“

Dem Gespräch folgte die Szene beim Hundeverkäufer, hervorragend und alle im Buch beschriebenen Dialekte meisterhaft wiedergebend gelesen von Felix von Manteuffel. Signifikant für den Zusammenhang von Angst und Absurdität die sich anschließende Episode der Verhaftung.

Im dann fortgesetzten Gespräch würdigten Menasse, Härtling und Sabin den Roman als Stück europäischer Geschichte, als schwieriges, merkwürdiges, ungewöhnliches Buch, „in dem ein Wüstling mit Sprachschlamm um sich wirft“ (Menasse).

Zum Abschluss des Abends trat noch einmal Felix von Manteuffel ans Mikrofon und las, nein zelebrierte den Besuch des Erzählers und seiner Frau beim Großvater auf der Burg.

JF

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.