Literaturfestival Read!Berlin erfolgreich gestartet

Mit einer Veranstaltung zum Thema Flüchtlingsgespräche wurde gestern Abend in der Kalkscheune in Berlin Mitte die erste Ausgabe des Literaturfestivals Read!Berlin [mehr…] eröffnet. Trotz des lauen Frühlingsabends konnten sich die Veranstalter, der Verein lit-mitte e.V. über ein volles Haus freuen.

Jörg Braunsdorf, Mitinitiator des Festivals und Inhaber der Tucholsky-Buchhandlung in Mitte, begrüßte rund 150 überwiegend junge Gäste und versprach ein philosophisches, politisches und literarisches Festival. „Wir wollen dem Thema Berlin in all seinen Möglichkeiten, Chancen und Widersprüchen, historischen und gegenwärtigen Geschichten komplexen Raum bieten“, sagte er.

Die Auftaktveranstaltung widmete sich dem Thema Flüchtlingspolitik und stellte die Streitlust des Festivals unter Beweis. „Wenn Leute in Seenot sind, fragt man nicht nach der Religion. Man hilft.“, zitierte Jörg Braunsdorf Ignaz Wrobel, alias Kurt Tucholsky. Der Satz sei heute so aktuell wie 1927. Auch der Fraktionsvorsitzende der Berliner SPD-Fraktion, Raed Saleh, war gekommen und warnte vor der Gefahr, dass „uns als Europäer das Mitgefühl abhanden kommt“.

Zum Gespräch mit zwei aus Syrien geflohenen Autoren übernahm Thomas Böhm das Mikrofon. In Anlehnung an Brechts Flüchtlingsgespräche von 1940/41 erzählten Dima Wannous und Aboud Saeed, beide Anfang 30, von ihren Erfahrungen vor und während des Krieges in ihrer Heimat. Dima Wannous, die heute in Beirut lebt, hatte ihre Erzählungen Dunkle Wolken über Damaskus (Edition Nautilus) mitgebracht, übersetzt aus dem Arabischen von Larissa Bender, die ebenfalls anwesend war und die Diskussion übersetzte. Aboud Saeed wurde durch Facebook-Posts aus seiner Heimat bekannt. Der Autor, der heute in Berlin lebt, stellte Der klügste Mensch im Facebook (Mikrotext) vor.

Bis zum 30. April stehen in Berlin Mitte vielfältige Veranstaltungen in Galerien, Kneipen, und Clubs, in der Charité, in Stiftungen und anderen Kulturinstitutionen auf dem Programm. Unter anderem kündigte Braunsdorf vier Buchpremieren an, mit Kolja Mensing, Mark Terkessidis, Ingo Fietze und Eva Ruth Wemme.

„Wir wollen dazu beitragen, der Anonymität gelebte Nachbarschaft entgegenzusetzen. Dieser Ansatz soll ausgebaut werden. Und das ist auch ein Beitrag zum Buylocal-Gedanken, sagte Braunsdorf, Mitgründer des Vereins Buy Local, am Rande der Veranstaltung. „Es geht uns nicht nur um bekannte Namen, die aufgrund der Popularität ziehen. Auch begreifen wir klassische und digitale Formen des Erzählens nicht als Gegensatz. Wir öffnen multimediale Räume fürs Erzählen, nutzen bekannte Erzähl-Formen, Facebook-Stories bis zu Tweets und Youtube-Videos.“

Finanziert wird das Festival mit Mitteln der Lotto Stiftung Berlin, durch Sponsoren und Eintrittsgelder. Und die Veranstalter haben viel Zeit investiert. „Wir sind alle Literaturarbeiter. Das ist unser Job und in einer sich verändernden Welt ändern sich auch unsere Berufsformen- und –inhalte“, begründet Braunsdorf das Engagement. „Ein Buchhändler schließt nicht nur die Ladentür auf, sondern tritt auch nach draußen. Wir begreifen uns als Kommunikatoren, vernetzen uns als Verlegerin, Autor, Buchhändler und öffnen uns Anderen.“

Auch das politische und soziale Engagement der Veranstalter ist mehr als nur ein Lippenbekenntnis. Während des gesamten Festivals können die Besucher für syrische Kinder spenden. Die Gelder gehen an die von Rafik Schami gegründete Einrichtung Schams e.V..

Das komplette Programm: www.read-berlin.de

ml

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