Lese-Premiere in der Synagoge

Eldad Stobezki in der Synagoge

Erstmals wurde in der Synagoge aus Nentershausen gestern Abend eine Lesung veranstaltet. Der Ort war ungewöhnlich: Der kleine Sakralbau war vermutlich ursprünglich 1785 im nordhessischen Nentershausen, Kreis Hersfeld-Rotenburg errichtet worden.

In der Pogromnacht 1938 wurde das Gebäude beschädigt, die wertvollen Schriften und das Kultgerät wurden verbrannt und zerstört. Noch im gleichen Jahr kaufte ein Bauunternehmer das Haus und den Anbau, wandelte den Komplex in Garage und Scheune, Abstellraum und Werkstatt um. Renoviert wurde das Gebäude nie, 1985 musste es abgerissen werden.

1996 wurde die Synagoge im Freilichtmuseum Hessenpark in der Nähe von Neu-Anspach wieder aufgebaut. Sie zeigt die Einrichtung aus dem Jahr 1925, auf den schmalen Bänken haben etwa 30 Besucher Platz, außerdem gibt es eine ursprünglich den Frauen vorbehaltene Empore.

Pia Preuß, verantwortlich für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit im Hessenpark, freute sich, die Besucher an diesem außergewöhnlichen Ort begrüßen zu können und wies auf die Bedeutung des Hauses hin: „Wir sind wohl der einzige Freilichtpark, in dem gleich zwei Synagogen stehen. Und noch etwas Besonderes: Es ist die erste Lesung, die hier stattfindet.“

Auf die Idee kam Martina Ricken-Bollinger, die seit Ende Juni 2011 neben ihrem Hauptgeschäft in Oberursel auch eine Buchhandlung im Hessenpark betreibt [mehr…]. Der Anlass war die Aktion Frankfurt liest ein Buch [mehr…]. Martina Ricken-Bollinger hatte den in Israel geborenen und seit 1979 in Deutschland lebenden Autor und Übersetzer Eldad Stobezki eingeladen, um unter dem Thema Ist es möglich, nach der Flucht aus Nazi-Deutschland normal weiterzuleben? sowohl aus Silvia Tennenbaums Buch Straßen von gestern, das im Mittelpunkt des Frankfurter Lesefestes steht, vorzutragen als auch für Gespräche zur Verfügung zu stehen.

Außerdem beantwortete Manfred de Vries vom Vorstand der Jüdischen Gemeinde Bad Nauheim Fragen der Gäste.

Ein interessanter Abend, an dem nicht nur die Straßen von gestern im Fokus standen, sondern viel über jüdisches Leben nach dem Holocaust in Israel und in Deutschland gesprochen wurde.

Bereits am Montag Abend, 16. April, wurde das dritte Frankfurter Lesefest mit einer fulminanten Veranstaltung in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main unter Anwesenheit der Autorin Silvia Tennenbaum und vielen Prominenten der Mainmetropole eröffnet.

Schon am Montag Vormittag hatte sich die 1928 in Frankfurt geborene Schriftstellerin, die gegenwärtig ihren Wohnsitz auf Long Island (New York) hat, mit einigen Interessierten auf die Spuren ihrer Kindheit begeben und war fast anderthalb Stunden in Frankfurt unterwegs gewesen. Dabei kam es zu einer skurrilen Begebenheit: Recht rüde wurden sie und ihre Begleiter aus dem Vorgarten ihres ehemaligen Hauses gewiesen: Dies sei Privatbesitz.

Später am Abend bekundeten die Standing Ovations in der überfüllten Nationalbibliothek, dass man Silvia Tennenbaum in ihrer Geburtsstadt sehr wohl herzlich willkommen heißt.

Am Dienstag, 17. April, wurde in der Stadtbücherei Frankfurt eine Ausstellung zu Straßen von gestern eröffnet. Die vom Literaturbetrieb in Kooperation mit der Stadtbücherei und dem Historischen Museum gestaltete Exposition zeigt historische Aufnahmen von Schauplätzen des Romans, verbunden mit den entsprechenden Textstellen aus dem Buch und einem Zeitstrahl, der über die damaligen geschichtlichen Ereignisse informiert.

Außerdem sind in Vitrinen persönliche Fotos und Dokumente aus der Sammlung von Silvia Tennenbaum zu sehen.

JF

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