Kartenpost von Jörg Steiner

Arno Camenisch, Hanne Kulessa und
Thomas Casura

Gestern Abend kamen zahlreiche Gäste in das halbfertige Hessische Literaturforum im Mousonturm, um bei einer besonderen Premiere dabei zu sein: Jörg Steiner. Im Sessel von Robert Walser, im November 2015 im Limmat Verlag, Zürich erschienen.

Herausgeberin Hanne Kulessa hatte im Dezember erfahren, dass Autor Arno Camenisch Anfang Februar 2016 in Frankfurt sein würde, so reihte sich Zufall an Zufall. Ergebnis: Eine feierliche und fröhliche Buchpremiere.

Björn Jager, seit Anfang dieses Jahres Geschäftsführer des Literaturforums [mehr…], begrüßte die Gäste auf der „Baustelle“: „Hanne Kulessa rief mich an, nannte den Termin. Ich sagte, dass wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht fertig sein würden. Sie meinte: Macht nichts, das hat Charme. Also sitzen wir heute Abend zwischen noch weißen Wänden und ohne Teppich im Raum. Aber es gab gute Gründe, am Termin festzuhalten: die Anwesenheit von Arno Camenisch und die Unterstützung des Schweizer Generalkonsulats.“

Konsul Thomas Casura unterstrich: „Dieser Abend hat tatsächlich viel mit der Schweiz zu tun. Jörg Steiner, Arno Camenisch und Robert Walser sind Schweizer Autoren. Zu Gast sind an diesem Abend Jörg Steiners Tochter Rachel Stuber und ihr Mann Urs Stuber, der das Buch gestaltete.“

Ruthard Stäblein stellte im Gespräch mit Hanne Kulessa das Projekt vor. Kulessa lernte Jörg Steiner 1997 kennen, als er Stadtschreiber in Bergen wurde. „Wir haben ab und an Kaffee miteinander getrunken, uns unterhalten“, erzählte die Herausgeberin. Als Steiner 1998 vom Stadtschreiberamt zurück nach Biel ging, entspann sich ein 15-jähriger Briefwechsel. „Aber im Buch sind nur Steiners Karten. Warum?“, fragte Stäblein. „Ich wollte nie einen Briefwechsel herausgeben. Als Jörg Steiner am 20. Januar 2013 starb, habe ich ein Jahr gebraucht, bis ich die Karten wieder zur Hand nehmen und sichten konnte. Dann habe ich bemerkt: Das ist Literatur. Ich war fasziniert von den Texten. Eine Freundin regte schließlich an, ein Buch daraus zu machen. Also habe ich Steiners Töchter Rachel und Sarah gefragt, die mir ihr ok. gaben. Im Januar 2015 gab es das erste Gespräch im Limmat Verlag in Zürich.“

„Ihre eigenen, an Steiner gerichteten Karten sind nicht im Buch, aber diese Lücke verwandelt sich für den Leser in einen Raum für Phantasie. Und Steiner selbst sagte einmal, dass er vor allem das Nebensächliche für erzählenswert halte“, schlussfolgerte Stäblein.
„Das Buch enthält viel Poesie und einen großen Humor. Ich finde, seine Karten sind das Schönste, was er je geschrieben hat“, bemerkte Kulessa. „Warum gibt es keinen ausführlichen Anhang in diesem Buch?“, fragte Stäblein. „Eigentlich hatte ich so etwas vor, aber wo fängt man an? Der Anhang wäre viel zu groß für so ein kleines Buch geworden und hätte ihm die Leichtigkeit genommen. Und der Leser kann ja nachschlagen, wenn er mehr über einen Namen wissen möchte“, erklärte die Herausgeberin.

Sie fügte hinzu: „Ich habe Jörg Steiner meist Kunstpostkarten geschickt. Wenn wir die Kunstwerke veröffentlicht hätten, wäre der finanzielle Rahmen gesprengt worden – die Urheberrechte müssen schließlich gewahrt werden. Urs Stuber hat aber auch ohne diese Kunstkarten das Buch gut gestaltet.“

Hanne Kulessa erläuterte zudem, dass nicht alle Karten veröffentlicht seien. „Und manchmal haben wir Namen herausgenommen, um noch lebende Personen nicht zu verletzen.“ Dann erzählte sie die Geschichte mit dem Arzt aus Berlin, der mit zwei großen Taschen 2008 zu einer Lesung anreiste und sich alle Bücher signieren ließ, „mein ganzes Buchstabenleben in Buchform“, schrieb Jörg Steiner einen Tag später an Hanne Kulessa. Steiner signierte geduldig.
Die Herausgeberin traf sich mit diesem Steiner-Begeisterten in Berlin: „Für mich stieg bei dieser Begegnung ein Mann aus dem Buch“, schilderte sie.

Kulessa berichtete noch davon, wie sich die Autoren Arno Camenisch und Jörg Steiner – beide wohnten in Biel, wussten voneinander, ohne je miteinander gesprochen zu haben – zum ersten Mal begegneten. Camenisch brachte im Auftrag von Hanne Kulessa den Steiners einen Blumenstrauß. „Ich kannte Jörg Steiner vom Sehen, aber als ‚Blumenbote’ habe ich im März 2012 erstmals mit ihm gesprochen“, unterstrich Arno Camenisch.

Camenisch, der am Vorabend in der Frankfurter Romanfabrik seine Erzählung Die Kur, 2015 im Engeler-Verlag, Schupfart erschienen, vorgestellt hatte, liest lieber im Stehen, am Pult. Doch für die Kartenlesung setzte er sich im Literaturforum, blieb gelassen – wie Jörg Steiner im Korbstuhl von Robert Walser, als er die Karten an Hanne Kulessa schrieb.

Camenisch erinnerte sich an seine letzte Begegnung mit dem vielfach ausgezeichneten Schriftsteller: „Jörg Steiner saß auf einer Bank. Ich setzte mich zu ihm. Vielleicht 15 Minuten. Wir haben nichts gesagt. Das war schön.“

Die Sammlung von Kartengrüßen ist humorvoll und traurig zugleich. Am Schluss der Lesung erklang das Largo aus der neunten Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch – in Anlehnung an Jörg Steiners Wer tanzt schon zu Musik von Schostakowitsch.

JF

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