Juli Zeh hielt erste (Anti-)Poetik-Vorlesung in Frankfurt

Juli Zeh im Hörsaal

Wer bislang nicht wusste, was „Treideln“ ist, bekam das in der Antrittsvorlesung von Juli Zeh am gestrigen Abend im gut besuchten Hörsaalzentrum der Goethe-Universität in Frankfurt erläutert [mehr…].

Die Zuhörer erfuhren auch, dass der Titel Treideln, der die Vorlesungen in Buchform vereint und soeben im Verlag Schöffling & Co. erschienen ist, die Abwandlung einer ursprünglich anderen Idee ist.

Zunächst stellte Prof. Dr. Susanne Komfort-Hein die Autorin vor, verwies auf ihre seit 1996 erschienen Veröffentlichungen, würdigte ihre Bücher und Essays und erwähnte ihre zahlreiche Auszeichnungen.

Juli Zeh erhielt von der Goethe-Universität eine Einladung für die seit 1959 dort stattfindenden Poetikvorlesungen und antwortete: „… muss ich leider absagen. Im Jahr 2013 werde ich mit dem Verfassen mehrerer Romane, Theaterstücke, Essays, Drehbücher, E-Mails, Steuererklärungen, Tagebucheinträge und Einkaufszettel so beschäftigt sein, dass mir zum Ausarbeiten einer Poetikvorlesung leider die Zeit fehlt.“ Drastischer formuliert sie an Klaus Schöffling: „Mein lieber Verleger, das kannst du vergessen. Kommt nicht in Frage. Man ist entweder Autor oder Poetikbesitzer. Ich bin doch nicht mein eigener Deutsch-Leistungskurs. Ohne mich.“ Zum Thema setzt sich Juli Zeh auch mit ihrem Ehemann, dem „Chef“, und einem Kollegen, dem „Alten Schweden“, auseinander. Außerdem mit „Wanda“, der Lyrikerin. Alle raten ihr, die Gastdozentur anzunehmen.

Auf einem Reader, Geschenk ihres Mannes für „einen vollverknöcherten Papierjunkie“, wie Zeh sich selbst bezeichnet, verbinden sich Der große Gatsby von F. Scott Fitzgerald und Grunewaldsee von Hans-Ulrich Treichel „zu der Gewissheit, dass ich ein Buch schreiben muss“. „Weil Treichel gewissermaßen der geistige Vater ist, hätte ich meinen Gatsby reloaded am liebsten so genannt.“ Aber: „Eine Treichel ist im Schweizerdeutschen eine Kuhglocke.“ Die Leute vertreiben damit die bösen Geister. „Treicheln würde ich auch gern: Schreiben als Geistervertreibung. Aber der Name ist nun leider schon an eine real existierende Person vergeben.“ So verschiebt Zeh das Alphabet ein bisschen, ihre Hauptfigur soll nun „Treidel“ heißen.

Da Juli Zeh vor dem Publikum steht, weiß man: Sie hat die Gastdozentur schließlich angenommen – mit einem überaus lesenswerten und witzigen Brief.

Ebenfalls gestern Abend wurde die zur Dozentur gehörende Begleitausstellung im Fenster zur Stadt/Restaurant Margarete in der Braubachstraße eröffnet. Kurator ist Wolfgang Schopf.

JF

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