Im Fokus: der modulare Mensch

Claus Leggewie, Roland Kaehlbrandt und
Tilman Allert

Bereits zum vierten Mal finden im Juni die Frankfurter Hausgespräche statt. Während zum Auftakt 2010 die deutsche Sprache im Mittelpunkt stand [mehr…], es 2011 um die Persönlichkeitsbildung ging und 2012 der Sprach- und Lebensstil der Gegenwart diskutiert wurden, wird in diesem Jahr über den modularen Menschen debattiert.

Veranstalter der Gespräche sind das Frankfurter Goethe-Haus/Freies Deutsches Hochstift, die Frankfurter Bürgerstiftung im Holzhausenschlösschen, die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main, das Literaturhaus Frankfurt sowie das Haus am Dom.

Mit hochkarätiger Besetzung wurden die Gespräche gestern Abend eröffnet. Im Goethe-Haus begrüßte dessen Direktorin, Anne Bohnenkamp-Renken, die Gäste. Zum Streitgespräch unter dem Thema Der modulare Mensch – Schrecken oder Verheißung debattierten der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Claus Leggewie und der Soziologe Prof. Dr. Tilman Allert.

Dr. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, moderierte und führte ins Thema ein. Dabei verwies er auf Leggewies Bücher Das Ende der Welt, wie wir sie kannten, 2009 im S. Fischer Verlag erschienen, sowie auf das 2011 in der Edition Körber-Stiftung publizierte Mut statt Wut.
Der von Allert geschriebene Titel Der deutsche Gruß, erschienen 2005 im Eichborn Verlag, erregte viel öffentliche Aufmerksamkeit.

„Ich mache heute den Verheißungspart“, begann Claus Leggewie seine Ausführungen. Der modulare Mensch habe keinen guten Ruf. Doch führt Multitasking tatsächlich zur Gehirnverstümmelung? Außerdem sei der modulare Mensch in bestimmten Beziehungen ganz und gar nicht modular, sondern höchst festgelegt. Deshalb muss die Gesellschaft über die Vergrößerung des Wohlstandes hinaus wichtige Aufgaben angehen. Sie muss die individuelle Entwicklung fördern, die kulturelle Freiheit gewährleisten und globale Verantwortung übernehmen.

„Die technologisch ermöglichte Kommunikationselastizität ist eine Situation des Komforts. Der Preis liegt in der Abnahme sozialer Beziehungen“, erwiderte Tilman Allert. Denn eigentlich seien die Menschen bequem und ausgerichtet auf die Langlebigkeit von Beziehungen. Der Ruf nach Flexibilität in der Berufswelt stehe dem entgegen. So verzichteten wir auf Selbstverortung, die Toleranz von Schwächen und Mängeln nehme ab.

In der Diskussion forderte Leggewie das Ende des „spekulativen Kapitalismus“. Der junge Mensch müsse sich nicht nur um Credit Points bemühen, sondern vielmehr zum Agenten des Wandels werden, die Fallen der Zivilisation erkennen und vermeiden.
„Wenn sich Menschen ab 18 als überfordert einschätzen, ist das gefährlich und ein Anachronismus“, meinte der Politikwissenschaftler. Das dürfe man jedoch nicht mit der ernst zu nehmenden Krankheit Burnout verwechseln.
Zur digitalen Revolution meinte Leggewie, dass diese durch die monopolistische Ausbeutung verraten worden sei.

Allert kritisierte die „Dauerpräsenz der ständigen Aktionsbereitschaft“. Die Piratenpartei bezeichnete er als „Organisation des Misstrauens“. „Die Piratenpartei ist ein Versuch“, konterte Leggewie und forderte, dass die Piraten ihre Laptops einfach schließen und miteinander reden sollten.
„Es ist wichtig, dass Visionen aufgezeigt und allgemein verständlich dargestellt werden“, sagte er. Die politischen Parteien, die er als „Beutegemeinschaften“ bezeichnete, seien dazu nicht in der Lage.

Am 19. Juni ist der Autor Gerald Zschorsch im Literaturhaus zu Gast. Das dritte und letzte Hausgespräch in diesem Jahr findet am 26. Juni im Haus am Dom statt. Dort diskutieren Prof. Dr. Klaus Reichert und die Theologin Dr. Petra Bahr.

JF

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