Gespräch am Nierentisch im Hof des Frankfurter Historischen Museums

Frank Wolff, Anne Chaplet alias Cora Stephan, Beate Schappach, Daniella
Baumeister, Volker Rebell, Jutta Ebeling, Heinz Sauer, Arno Widmann (v.l.),
im Hintergrund Ludger Brüggemann an den Reglern

Eine illustre Runde hatte sich gestern Abend im Hof des Historischen Museums in Frankfurt am Main zusammengefunden:

Cellist Frank Wolff, Autorin Anne Chaplet, Kuratorin Beate Schappach, Musikjournalist Volker Rebell, Bürgermeisterin Jutta Ebeling, Saxophonist Heinz Sauer und FR-Feuilleton-Chef Arno Widmann unterhielten sich über die 68er. Moderiert wurde das Gespräch von Daniella Baumann vom Hessischen Rundfunk, für den authentischen Sound sorgte Ludger Brüggemann, ebenfalls hr.

In einem sehenswerten Ambiente mit Nierentisch, hochbeinigen Plüschmöbeln, Flokati und Käse-Igeln beleuchtet Volker Rebell zunächst die Musik der damaligen Zeit. Während in Deutschland Ende der 60er Jahre Heintje, Peter Alexander und die Bee Gees in den Charts zu finden waren, hatte Jimi Hendrix die US-Charts erobert. „1968 war ein herausragend interessantes musikalisches Jahr“, stellt der Experte fest.

Jutta Ebeling staunt über die tolle, stilechte Deko: So sah es in bürgerlichen Haushalten vor 40 Jahren aus. Aus dieser Ordnung wollten die jungen Leute weg, eine Alternative war die Wohngemeinschaft, keineswegs immer gemütlich. „Wir haben uns auch viel angetan“, bilanziert die Bürgermeisterin heute.

Anne Chaplet weist auf die ungeheuren Möglichkeiten, die die 68er-Bewegung eröffnete, hin.

Musikalisch setzt nun Bob Dylan mit „The Times They Are A-Changin“ Akzente. „Eine schreckliche Musik“, wirft Arno Widmann ein und erntet vielstimmigen Protest, sowohl von Volker Rebell als auch aus dem Publikum. „Dylan ist einer der wichtigsten Musiker des 20. Jahrhunderts. Seine Texte haben aufgerüttelt, selbst wenn man sich über seine Stimme streiten kann“, konstatiert der Musikjournalist unter Beifall.

Über seine Studienzeit u.a. bei Adorno berichtet Arno Widmann. Es ging nicht darum, den Philosophen in allem zu verstehen, sondern über seine Vorlesungen, die wahnsinnig interessant waren, nachzudenken. „Wenn wir alles gleich verstanden hätten, wäre es ja langweilig gewesen“, erklärt Widmann.

Hörenswert: Frank Wolff und Heinz Sauer (v.l.)

Frank Wolff schließt sich diesem Gedanken an und weist auf ein kürzlich gesendetes Gespräch zwischen Adorno und Stockhausen hin, die beide gegensätzliche Meinungen vertraten. Eine solche Gesprächskultur sei heute kaum noch denkbar.

Beate Stappach, die Schweizer Kuratorin der Ausstellung „Kurzer Sommer – lange Wirkung“, die 1968 beleuchtet – die Exposition ist soeben verlängert worden und nun noch bis zum 2. November im Historischen Museum in Frankfurt zu sehen – begründet, warum die einzige deutsche Ausstellung über die 68er ausgerechnet in Frankfurt gezeigt wird: die Mainmetropole profilierte sich anders als München, Berlin oder Hamburg. Daher fiel die Wahl auf sie.

Ein Jimi-Hendrix-Titel lenkt wieder auf die damalige Musikszene hin. Frank Wolff erklärt, warum er von Jimi Hendrix begeistert war und ist: „Es ist die Art, die Gitarre zu beißen.“ Er führt außerdem John Cage an, der ihn damals stark beeindruckte und prägte. Allerdings war es für ihn vor 40 Jahren schwierig, politisches Engagement und Cello-Spiel (das war als bürgerlich verschrien) unter einen Hut zu bringen.

Heinz Sauer äußert sich zur „Gnade der frühen Geburt“. „Meine Generation hatte Schwierigkeiten mit den 68ern“, gibt er zu bedenken. Er erlebte noch die furchtbaren Jahre faschistischer Diktatur, hörte die kreischende Menge, die den „totalen Krieg“ bejubelte und sah der Studentenrevolte distanziert zu. Aber: „Wir haben euch bewundert“, bekennt er auch gegenüber der 68er Generation.

Die beiden Musiker greifen nun zu den Instrumenten, beweisen ihre Kunst an Cello und Saxophon – man könnte stundenlang zuhören.

Zu Ende des Gesprächs stellt Daniella Baumeister die Frage: Was bleibt von 68? „Ein Mythos, eine Projektionsfläche“, meint Frank Wolff, Volker Rebell stellt eine Erweiterung des Horizonts fest, die bis heute nachwirkt, Heinz Sauer weist auf Tatsachen hin: So gibt es jetzt in Berlin eine Rudi-Dutschke-Straße, die die Axel-Springer-Straße kreuzt, länger sei und Vorfahrt habe. Ein Filbinger sei verhindert worden. Arno Widmann resümiert: „Freiheit ist damals praktiziert worden, aber nicht immer bin ich stolz auf das, was ich damals getan habe.“

Iron Butterflys In-A-Gadda-Da-Vida lässt den Abend ausklingen – zum Bedauern von Ludger Brüggemann läuft leider nicht die 17-Minuten-LP-Fassung, sondern eine Single-Version für die Hitparade von Anno dazumal.

JF

Kommentare (0)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.