Frankfurt: langer Tag der Bücher

Vielleicht zum letzten Mal dabei:
der Eichborn Verlag

Der Chagallsaal im schauspiel frankfurt bot am Sonntag, 17. April, wieder den schönen Rahmen für die 8. Auflage des Langen Tags der Bücher, der diesmal unter dem Motto KlassikAlarm stand [mehr…].

In ihrer Begrüßung wies Bürgermeisterin Jutta Ebeling darauf hin, dass das Programm wohl eher ein Männer-Alarm sei. Eine unbewusste Zusammenstellung oder vielleicht ein Blick darauf, dass es im 18. und 19. Jahrhundert weibliche Schriftsteller äußerst schwer hatten.

Organisator Florian Koch, übrigens seit Anfang an dabei, stellte anschließend das Programm kurz vor und machte darauf aufmerksam, dass hr2-kultur erstmals mit dabei ist und in der entsprechenden Lesung über die Frage, wie Klassiker ins Radio gebracht werden können, disputiert.

Viele Mitarbeiter Frankfurter Kulturinstitutionen beteiligten sich an dieser Veranstaltung als Moderatoren und verzichteten auf Gegenprogramme in den eigenen Häusern.

In der ersten Stunde stellten Wolfgang Kaus und Frank Lehmann das biografische Buch Mensche gibt’s, all sin se anners, erschienen im Societäts-Verlag, vor. Der Schauspieler und Regisseur Wolfgang Kaus erzählte Episoden aus seinem Leben, dabei spielte der Text im Buch eine Nebenrolle, so lebendig und gestenreich, ab und an durch spöttische Einsprengsel von Frank Lehmann unterbrochen, berichtete Wolfgang Kaus, der, ehe er Schauspieler wurde, fast 200 Vorstellungen im Schauspiel gesehen hatte. 33 Jahre arbeitete als Regisseur am Frankfurter Volkstheater, das er als „Bürgerliches Lachtheater“ bezeichnete. Hierher kamen Menschen, die die auf besondere Art und Weise inszenierten Stücke sonst nie gesehen hätten.

Die zweite Lesestunde gehörte dem Klassiker Heinrich von Kleist. Im Essay-Band Im Freien – Kleist-Versuche, erschienen im Stroemfeld Verlag, setzt sich Roland Reuß mit wissenschaftlicher Textkritik auseinander. Im Gespräch mit Harry Oberländer, Leiter des Hessischen Literaturforums, stellte er heraus, dass es die Aufgabe der Kritik sei, die Subjektivität des Kommentars sichtbar und nachvollziehbar zu machen und nicht zu verstecken. Verleger KD Wolff sprang für einen erkrankten Schauspieler des Ensembles des schauspiels frankfurt ein und las die Kleist-Texte selbst.

Ein Plädoyer für den vom Deutschen ins Deutsche übersetzten Grimmelshausen – so es noch eines weiteren bedurfte – lieferten der Grimmelshausen-Überträger und Autor Reinhard Kaiser, Hans Sarkowicz und Heiner Boehncke im Gespräch. Während sich Reinhard Kaiser bei der Übertragung bereits intensiv mit Grimmelshausens Sprache auseinandersetzte und den Wortbedeutungen nachspürte, war für die Hörbuch- und Radio-Fassungen weitere Arbeit am Text notwendig. Noch ist das Grimmelshausen-Fieber nicht erloschen, und Liebhaber seiner Texte in neuer Gestalt dürfen auf weitere Bücher hoffen; 2011 wird in Eichborns Anderer Bibliothek die Grimmelshausen-Biografie von Reinhard Kaiser erscheinen, für 2012 ist Das wunderbarliche Vogelnest geplant.

Ob es der letzte Auftritt des Eichborn Verlags beim Langen Tag der Bücher in Frankfurt war? Etwas wehmütig und mit besonderem Dank an das Eichborn-Team für die jahrelange gute Zusammenarbeit kündigte Florian Koch den Autor Klaus Modick an, der sich im Gespräch mit Matthias Bischoff auf die Spuren von Lion Feuchtwanger begab. Sein im Verlag mit der Fliege erschienenes Buch Sunset erzählt aus dem Leben Lion Feuchtwangers, auch Bert Brecht spielt dabei eine entscheidende Rolle. Klaus Modick promovierte über Feuchtwanger und hatte die Möglichkeit, als Resident im Feuchtwanger-Haus, der Villa Aurora in Los Angeles, für eine Zeit lang zu wohnen.

Annette Reschke vom Verlag der Autoren ging im Gespräch mit dem Übersetzer Simon Werle der Frage nach, wie Phädra von Racine, ein lange Zeit als nicht übersetzbar eingestuftes Werk, wieder auf die Bühne gebracht werden konnte – in einer erfolgreichen Inszenierung am schauspiel frankfurt.

Die Übersetzung von Andre Gides Der schlechtgefesselte Prometheus von Franz Blei, erschienen im Dielmann-Verlag, stellte der Verleger Axel Dielmann selbst vor. Ergänzt wurde die Lesung mit Projektionen der Zeichnungen von Pierre Bonnard.

Romanfabrik-Chef Michael Hohmann erörterte im Dialog mit Mario Früh, Geschäftsführer der Büchergilde Gutenberg, wie es zum kleinen Band Russische Reise von John Steinbeck, erschienen in der von Ilija Trojanow herausgegebenen Reihe Weltlese, kam. Diese Edition nimmt sich Texten von bekannten Schriftstellern an, die noch nicht übersetzt wurden. Leider fehlt bei sämtlichen Ausgaben ein Vorwort, bedauerte Michael Hohmann.
Untermalt von Projektionen des Fotografen Robert Capa, mit dem John Steinbeck die Russlandreise 1947 unternahm, las Jochen Nix aus dem Buch.

Die achte Lesestunde gehörte dem Verlag Weissbooks. Schon lange hatten die Verleger Rainer Weiss und Anya Schutzbach die Texte des Amerikaners Breece D’J Pancake, der sich im Alter von 26 Jahren erschoss, im Sinn. Doch nach dem Tod des Autors dauerte es noch 32 Jahre, bis er in der Weissbooks-Edition nun in deutscher Sprache, übersetzt von Katharina Böhmer, dem deutschen Publikum zugänglich wird. Moderator Alf Mentzer ging dieser Entdeckung nach, Rainer Weiss und Anya Schutzbach lasen Geschichten aus dem Buch.

Über Kafkas Spiele sprach man in der folgenden Stunde, das Buch, erschienen im S. Fischer Verlag, wurde vorgestellt vom Kafka-Biografen Reiner Stach. Die Texte trug Heidi Ecks, Mitglied des Ensembles des schauspiels frankfurt, vor.

Jörg Reckmann, unterstützt von Moderator Lothar Ruske, stellte im Anschluss seinen Frankfurt-Krimi Bärlinger: Splitt, erschienen in der Frankfurter Verlagsanstalt, vor.

Den Abschluss des Langen Tags der Bücher gestalteten Andreas Maier, Matthias Altenburg, Hubert Spiegel, Oliver Maria Schmitt und Christoph Schröder. Sie lasen aus dem soeben im B3 Verlag erschienenen Buch Im Bahnhofsviertel – Expeditionen in einen legendären Stadtteil von Jürgen Lentes und Jürgen Roth.

Im schauspiel frankfurt wurden nicht nur die Bücher der beteiligten Verlage zum Kauf angeboten – erstmals vom Verein Literaturbetrieb –, auch auf den Tischen des Lesecafés konnten die Besucher in den dort ausgelegten Neuerscheinungen der Frankfurter Publikumsverlage blättern.

Vor dem schauspiel frankfurt gab es für Interessierte zum dritten Mal die Möglichkeit, im Angebot von fünf Antiquaren zu stöbern, die dort ihre Tische aufgestellt und ihre Waren ausgebreitet hatten.

JF

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