Frankfurt: 2. Hearing zur Übersetzungsförderung

Hans-Jürgen Balmes, Nina Klein,
Felicitas von Lovenberg

Gestern fand im Frankfurter Instituto Cervantes nach 2008 (München) das 2. Hearing zur Übersetzungsförderung statt. Veranstaltet von der Frankfurter Buchmesse und dem Goethe-Institut gliederte sich das Tagesprogramm in zwei Teile.

Während am Vormittag Übersetzungsförderung im Spannungsfeld zwischen Kulturpolitik und Wirtschaft sowie Die Verbindung von Übersetzungs- und Übersetzerförderung unter den etwa 70 Teilnehmern aus Deutschland, Österreich, China, Italien, der Schweiz, Bulgarien, Ungarn, den Niederlanden, den USA und Polen diskutiert wurde, kamen am Nachmittag Medienvertreter dazu, als das Thema Wie kommt das übersetzte Buch in den Markt? auf der Tagesordnung stand.

Juergen Boos, Direktor der Frankfurter Buchmesse, verwies in seinem Grußwort auf den wachsenden Lizenzhandel, der sich auf der vergangenen Buchmesse im Treffen von etwa 14.000 Agenten, Scouts, Autoren und Rechtehändlern im Literary Agents Centre widerspiegelte.

Im Rekordjahr 2008 wurden insgesamt etwa 7.340 Bücher ins Deutsche übersetzt, 7.605 deutsche Lizenzen wurden verkauft.

Litprom erhielt seit 1984 ca. 900 Anträge auf Übersetzungsförderung, die Veröffentlichung von 572 Titeln aus 81 Ländern und 20 Sprachen wurde finanziell unterstützt.

Bas Pauw, Niederländische Stiftung für Literatur, hat die Kompetenzen gebündelt; zwei Stiftungen fusionierten. Die neue Website der Stiftung (Ende Januar geht sie online) will auf interessante internationale Bücher aufmerksam machen. Noch in diesem Jahr startet ein Masterstudiengang für Literatur-Übersetzer in den Niederlanden. Ausländische Verlage können Anträge auf Förderung an die Stiftung stellen, allerdings gelten dafür strenge Maßstäbe.

Die Situation in den USA schilderte Chad Post von Open Letter/University of Rochester. Nur etwa drei Prozent aller in den USA publizierten Bücher sind Übersetzungen, bei literarischen Übersetzungen sind es sogar nur 0,7 Prozent. Um auf dieses Verhältnis aufmerksam zu machen, wurde im Sommer 2007 eine entsprechende Website eingerichtet www.rochester.edu/College/translation/threepersent/.
Eine wirkliche Übersicht US-amerikanischer Übersetzungen fehlte bislang. Dieser Analyse nimmt sich das Team um Chad Post seit 2008 an. Vor allem kleinere Verlage publizieren Übersetzungen, haben allerdings Schwierigkeiten in Marketing und Vertrieb.

Monika Sznajderman, Czarne Verlag (Polen), berichtete über die Philosophie ihrer Edition. Das Augenmerk von Czarne liegt außerhalb des Mainstreams, oft gibt es beispielsweise deutsche Autoren, die selbst aus dem Ausland kommen – Herta Müller ist signifikant dafür. Diese Schriftsteller haben ein anderes Sprachgefühl und einen anderen Blick. Mit Feridun Zaimoglu, Zsuzsa Bank u.a. habe man in Polen Erfolg. Aber: Czarne besetzt eine Nische. Monika Sznajderman lobte die gute Zusammenarbeit mit den S. Fischer Verlagen und der S. Fischer Stiftung.

Über die Situation in der arabischen Welt berichtete Cornelia Helle, Frankfurter Buchmesse. Der arabische Markt umfasst 22 Länder, deren Übersetzungsmarkt völlig unterschiedlich ist.
Statistiken oder Verzeichnisse lieferbarer Titel fehlen. Für Verleger oder Buchhändler gibt es keine Berufsausbildung. Vielfältige Formen der Buch-Zensur sind feststellbar.
Anlass zur Hoffnung gibt die Entwicklung von Verlagen und Buchhandlungen in Ägypten. Auch in den Golfstaaten entwickeln sich staatliche Initiativen.
Bücher kommen in der arabischen Welt durch Messen und Veranstaltungen der Verlage an die Leser, das Internet wird zunehmend wichtiger.
Besonders groß ist die Nachfrage auf dem Sektor der Kinder- und Jugendbücher.

Den Diversity Report 2009 stellte Rüdiger Wischenbart, Content and Consulting, Wien, vor. Er bemerkte vorab, dass es keine weltweiten Zahlen gäbe. Auch dies sei ein künftiges Ziel; so sollte durch kontinuierliche Beobachtung und Analyse die Verbreitung belletristischer Autoren über Sprachgrenzen hinweg gefördert werden.

Der Report beleuchtete 15 europäische Buchmärkte. Dabei stellte sich heraus, dass es eine kleine Zahl von Spitzenautoren wie Stieg Larsson oder Stephanie Meyer gibt, die in den betrachteten 12 Monaten von September 2008 bis September 2009 die Bestsellerlisten in Westeuropa anführten. Die große Anzahl der Autoren bewegt sich auf einem weitaus niedrigeren Verkaufslevel. Nur ein Drittel der 40 Autoren schreibt auf Englisch – das macht auch die Vielfalt der Originalsprachen, Themen und Stile deutlich. Schweden, Frankreich und die Niederlande fallen mit einem hohen eigenen Sprachanteil auf. Allerdings wird in diesen Ländern auch viel übersetzt.
Als Schlussfolgerungen aus dem Report, der unter www.wischenbart.com/translation nachlesbar ist, werden vier Punkte herausgearbeitet:

– die Übersetzungsmärkte unterschätzen die Leser
– gesamteuropäische Daten zur Wertung der Übersetzungsförderung fehlen
– die englische Sprache ist gleichzeitig Flaschenhals und wichtige Transfersprache
– digitale Innovationen können einen Systemwechsel in Bezug auf Übersetzungen herbeiführen.

Auf dem Podium diskutierten anschließend Hans-Jürgen Balmes, S. Fischer Verlage, Nina Klein, Buchmesse, und Felicitas von Lovenberg, FAZ, über das Marketing von Übersetzungen. Hans-Jürgen Balmes skizzierte am Beispiel chinesischer Literatur die ganze Bandbreite von eingeschmuggelten Manuskripten bis zu Lizenzverträgen. Eine Pressereise des Autors Yu Hua vor der Frankfurter Buchmesse schätzte er als erfolgreich und sinnvoll und als gute Vorbereitung auf die Messe ein.

Felicitas von Lovenberg wehrte sich gegen den Druck der Verlage auf die Journalisten und präferierte das persönliche Gespräch gegenüber Massenaussendungen von Pressemitteilungen.

Auf die Abschaltung der englischen Version des Portals Perlentaucher machte Nina Klein mit Bedauern aufmerksam; die Förderung wurde leider eingestellt.

Eine weitere Diskussionsrunde bestritten der Autor Saša Stanišić, Nina Klein und Gesche Wendebourg, Verlagsgruppe Random House. Saša Stanišić’ Buch Wie der Soldat ds Grammofon repariert gehörte 2006 zu den Finalisten für den Deutschen Buchpreis. Mittlerweile ist es in 29 Sprachen übersetzt und in 30 Ländern erhältlich. Der Autor sprach über seine Reiseerfahrungen, die Unterstützung des Goethe-Instituts und des Verlages.

Ein ausführliches Fazit dieses 2. Hearings wird von der Frankfurter Buchmesse erarbeitet.

JF

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