Deutsch-französisches Treffen für Literaturverlage in München

Heute und morgen ist das Institut Français Gastgeber für ein Treffen, das der Intensivierung der Kontakte vor der Frankfurter Buchmesse 2017 dient, bei der Frankreich das Gastland bzw. die französische Sprache (für über 200 Millionen Menschen die Muttersprache) ein besonderer Schwerpunkt sein werden.

Lebhafte Debatten: hier Heidi Warnecke

Nicht nur Münchner Buchverlage machten von dem Angebot intensiven Gebrauch, die mit Lektorats- und Lizenzmitarbeitern sowie einigen Verlagsleitern gut vertreten waren. Am 28./29. Januar findet eine ähnliche Veranstaltung im Institut Français in Berlin statt.
Nach der Begrüßung durch Dr. Julien Thorel, Direktor des Institut Français in München und Jean-Guy Boin, Direktor des BIEF (Französischer Verlegerverband, der sich auch stark um das Auslandsgeschäft kümmert), gab es kompakte Referate zum Thema „Panorama und Tendenzen der Belletristik in Frankreich und Deutschland“.

Den deutschen Part übernahm Cornelia Holberg, Sortimentsmanagerin für Belletristik/Unterhaltung/Hörbuch im Zentraleinkauf bei Hugendubel. Sie schilderte, wie sie für ca. 80 Filialen das „Grundrauschen“ sicherstellt. Neben diesem „Basis-Sortiment“ können die einzelnen Filialen etwa weitere 50% des Angebots selbst bestimmen, je nach Lange und Größe der Buchhandlung. In dieser Funktion können ihre örtlichen Einkäufer, so Cornelia Holberg, ähnlich agieren wie unabhängige Sortimenter, auch unterstützt durch den Außendienst der Verlage. Sie konstatiert folgende Trends:

•Der hohe Stellenwert von Krimi/Spannung bleibt erhalten, es wird aber weniger blutig.

•Deutschsprachige Autoren bekommen ein größeres Gewicht (derzeit 13 Titel ihrer internen Top-20-Liste) – nicht nur durch die Regionalkrimis.

•Junge Frauen in den 20-ern kaufen verstärkt in der Jugendbuchabteilung für den Eigenbedarf ein.

•„Der Leser ist unberechenbar“: Ein gestern gern gelesener Autor kann mit einem Folgetitel komplett scheitern.

•Besprechungen in den großen Feuilletons sind gut fürs Metropolen-Publikum, in der Provinz setzt man auf Besprechungen in den Regionalzeitungen.

•Leserinnen leichter Unterhaltung sind „unsere treuesten Kundinnen“ (die übrigens nicht bemerkenswert ins E-Book abwandern).

Den französischen Part übernahm Pascal Thuot, Geschäftsführer der unabhängigen Buchhandlung MillePages in Vincennes, die ein allgemeines Sortiment und einen Jeunesse-/Bandes dessinés-Laden betreibt. Seine Buchhandlung ist eine kulturelle Institution, er hat etwa 80 Autoren pro Jahr zu Gast. Seine Schilderung der Situation in Frankreich war weitgehend eine Hervorhebung von neuen Titeln, die ihm aufgefallen sind.

•Durch seine ehemaligen Kolonien hat Frankreich eine ganz spezifische Zuwanderungspopulation, die inzwischen viel zur Gegenwartsliteratur beiträgt.

•Das hat im übrigen auch die Robert-Bosch-Stiftung bemerkt (die ja bei uns den Chamisso-Preis ausrichtet), bei der man sich um Übersetzungsförderung bewerben kann.

•Es gibt auffallend viele „autofiktionale“ Bücher, die den engen Rahmen einer herkömmlichen Autobiographie sprengen.

•Die Autorin Christine Angot hat das so auf den Punkt gebracht: „Le texte, c´est moi“.

•Alle großen gesellschaftlichen Fragen wie Gewalt, Leiden und Freuden werden thematisiert.

•Thuot versteht seine buchhändlerische Aufgabe darin, aus dieser vielfältigen Produktion ein Konzert zu machen, so lässt sich „mettre en musique“ vielleicht am besten übersetzen.

In der anschließenden Diskussion bezeichnete Heidi Warnecke, die als Lizenz-Managerin bei Grasset in Paris arbeitet und daher eine Kennerin beider Kulturen ist, diese unterschiedlichen Darstellungen als typischen deutsch-französischen Unterschied: Die Deutschen gehen vom Markt aus – die Franzosen von der Begeisterung für das einzelne Buch. Das ließ Pascal Thuot nicht auf sich sitzen, und er erklärte sein Selbstverständnis als Kaufmann: „Wir führen, was die Leute kaufen wollen“ und „Tagsüber bin ich Geschäftsmann, abends bin ich Leser“.

Das französische Verlagswesen hat nach einem Umsatz-Hoch von 2,9 Mrd. Euro im Jahre 2007 zuletzt nur knapp 2,7 Mrd. Euro erreicht. Die Literatur hat einen Anteil von 25%, Kinder- und Jugendbuch 14%. Mit ca. 44.000 Neuerscheinungen im Jahr 2014 liegt man deutlich unter der deutschen Zahl von 87.000.

In den anschließenden Vier-Augen-Gesprächen nach Quick-dating-Prinzip, die heute Nachmittag und Mittwochmorgen stattfinden, können die deutschen Verlagsleute auf ihre französischen Kollegen treffen und sich genauer informieren lassen – das Ganze natürlich auch umgekehrt.

Ulrich Störiko-Blume

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