Das Literarische Colloquium Berlin feierte seinen 50. Geburtstag

Anlässlich seines fünfzigjährigen Jubiläums lud das Literarische Colloquium Berlin, kurz LCB, gestern Abend zu einem Festakt in seine Villa am Wannsee. Und alle, alle kamen: Kritiker und Agenten, Verleger, Kulturschaffende und viele Autoren.
Ingo Fessmann, der Vorsitzende des Trägervereins, begrüßte rund 300 Gäste aus Kultur und Medien. Seine Rede nutze Fessmann zu einem Rückblick auf die Geschichte des Hauses, das 1963 von Walter Höllerer gegründet wurde. Die Gründerzeitvilla am Wannsee hat sich im Laufe der Zeit als lebendiges Veranstaltungsforum etabliert. Es ist Gästehaus und Arbeitsstätte für Autoren und Übersetzer und es gilt als Talentschmiede. Autoren wie Judith Hermann, David Wagner und Georg Klein haben hier ihre ersten Schritte gemacht. Zudem macht das LCB mit seinen zahlreichen Lesungen und Festen immer wieder die Öffentlichkeit auf sich aufmerksam.

Gegründet wurde es mit Fördermitteln der Ford Foundation, die die Finanzierung für die ersten drei Jahre sicherten. Seither unterstützt der Berliner Senat die Arbeit des LCB. Ein Haus, das sich nur der Literatur widmet, sei damals Terra incognita gewesen, so Fessmann. Höllerer habe mit der ihm eigenen Phantasie und seinem „dampfmaschinenartigen Tatendrang“ seine Vision einer künstlerischen Produktionstätte für Autoren, Theater- und Filmemacher umgesetzt und damit das Ursprungsmodell für die Literaturhäuser geschaffen.

Fessmann würdigte – begleitet von anhaltendem Applaus – die Arbeit von Ulrich Janetzki, der das LCB seit 27 Jahren leitet und zum Jahresende aus Altersgründen ausscheidet [mehr…]. In Janetzkis Amtszeit fallen unter anderem die Gründung des Deutschen Übersetzerfonds, die Reihe Studio LCB in Kooperation mit dem Deutschlandfunk und die Einführung der Internetportale www.literaturport.de und www.lesungen.net. Auf Jantzki folgt der Sohn des Gründers, Florian Höllerer, der bisher das Literaturhaus Stuttgart leitet.

Für den Berliner Senat lobte Staatssekretär André Schmitz das LCB als zentralen Ort des literarischen Betriebs. „Sie alle dürfen stolz sein auf das Geburtstagskind“, betonte er.

Hanser Verleger Michael Krüger begann seine Festrede mit Erinnerungen an seine Kindheit. Er ist ganz in der Nähe, in Nikolassee aufgewachsen. Im Garten des heutigen LCB habe er sich mit einer französischen Austauschschülerin getroffen, erzählte er, und man habe sich am Ufer gegenseitig Gedichte von Autoren wie Baudelaire, Verlaine und Rimbaud vorgelesen. Das habe seine Liebe zur Literatur befestigt, die durch das LCB immer neue Impulse erhalten habe.Höllerer habe auf höchstem Niveau demonstriert, dass Poesie jeglicher Ideologie voraus ist, aber auch der Philosophie vorangeht, so Krüger. „Höllerers generös-emphatischer Internationalismus hat Berlin davor bewahrt, in einem provinziellen Sumpf zu versinken“, sagte Krüger und beleuchtete den Literaturbetrieb der letzten fünfzig Jahre.

Dass Literatur eine Bedeutung hatte, sei in der heraufziehenden Medienwelt weitgehend verloren gegangen, sagte er unter Hinweis auf internationale Verlagskonzerne und Kettenbuchhandlungen. „Wenn das große Geld sich für Literatur interessiert – das lehrt uns der traurige Fall Suhrkamp -, geht es meistens schief.“ Und die Zukunft der Literatur? „Je länger ich darüber nachdenke, desto unklarer wird das Bild. So richtig geliebt wird sie nur noch von einer Minderheit. Man wird also bescheiden“, sagte er und fügte hinzu: „Solange es das Literarische Colloquium gibt, so lange ist die hohe Kunst der Literatur noch nicht ganz verloren.“ Die Festrede von Michael Krüger ist in gekürzter Form in der heutigen Ausgabe der Süddeutschen Zeitung abgedruckt. Da lohnt sich der Gang zum Kiosk!

Der Festakt war der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Jubiläumsveranstaltungen. So ist am 8. Juni ist der Verlag C. H. Beck zu Gast und feiert ein Sommerfest anlässlich seines 250. Jubiläums. Die Reihe Ein Gedicht und sein Autor nimmt die Lyrik in den Fokus und Jahrgang 1963 präsentiert Autoren, die im Gründungsjahr geboren wurden. Am 20. Juli steht wieder die Gartenmesse Kleine Verlage am Großen Wannsee auf dem Programm und am 10. August wird das traditionelle Sommerfest gefeiert. Alle Veranstaltungen unter www.lcb.de.

Anlässlich des Jubiläums sind mehrere Publikationen erschienen: Die von Judith Schalansky gestaltete Festschrift S-Bahn nach Arkadien. Das Literarische Colloquium Berlin in Wort und Bild (Matthes & Seitz Berlin, 19,90 Euro) enthält ein Wörterbuch des LCB und des Literaturbetriebs, zu dem viele Autoren und Übersetzer beigetragen haben.

Die Sondernummer der Zeitschrift Sprache im technischen Zeitalter (Heft 206, Mai 2013, Böhlau, 14 Euro) beschäftigt sich ebenfalls mit dem Jubiläum und enthält unter anderem eine ausführliche Chronik des LCB vom stellvertretenden Geschäftsleiter Jürgen Jakob Becker.

Außerdem ist im Steidl Verlag der prächtige Bildband Autoren – Fotografien 1963-2012 mit Schwarzweiß-Aufnahmen von Renate von Mangoldt erschienen. Die Frau von Walter Höllerer ist seit 1963 als Fotografin für das LCB tätig.

ml

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