Buchwissenschaftliche Gesellschaft: Zweitägiges Fachseminar mit Zahlen, Daten, Fakten und Strategien zum Thema Hörbuch

So etwas hatte die Bibliothek des Münchner Literaturhauses noch nicht erlebt: Tausende Bücher in meterhohen Regalen, doch mittendrin sprach man nur übers Hörbuch. Zwei Tage lang referierten Experten auf Einladung der Deutschen Wissenschaftlichen Gesellschaft (gehört zum Deutschen Bucharchiv, München) zum Thema „Das Hörbuch – Ein Medium und sein Markt“.

Fachtagung im Münchener Literaturhaus: Hörbücher sind hip

Dass das Hörbuch nicht nur mit Blick auf die monatlichen und jährlichen Wachstumsraten „ein Sonntagskind“ sei, untermauerte Ursula Rautenberg, Professorin für Buchwissenschaft, in ihrer Begrüßung mit Zahlen, Daten, Fakten. Vor allem die eingeladenen Referenten verstanden es, die stetig steigende Bedeutung des vergleichsweise jungen Mediums deutlich zu machen. Fast alle nutzten auch die Möglichkeit, die Fachveranstaltung mit interessanten Hörproben aufzulockern und die Zuhörer sogar interaktiv teilnehmen zu lassen.

Susanne Starnes, Verkaufsleiterin des Hörverlags, ging auf die veränderten Verkaufsbedingungen ein, die sich im Laufe der letzten zehn Jahre durch neue Zielgruppen und innovatives Marketing ergeben haben: Das Hörbuchpublikum wird jünger, das Medium selbst ist längst aus der vielzitierten Nische heraus. Renate Schönbeck, beim Hörverlag zuständig für die Programmplanung, verwies mit einem Zitat von Karl Valentin darauf, welchen Aufwand die Planung und Produktion von Hörbüchern mit sich bringen: „Kunst ist schön, macht aber viel Arbeit“. Tatsächlich war so manchem Zuhörer – von Studenten über Verleger bis hin zu Journalisten großer Tageszeitungen – erst nach der Tagung bewusst, dass Hörbücher wahre Kunstwerke sein können, auch welche vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten bei Literaturadaptionen möglich sind.

Claudia Gehre, DAV-Programmleiterin und Geschäftsführerin, sprach über die Zusammenarbeit mit Rundfunkanstalten, „die immer wieder zu sehr interessanten Reibungen führt, aber auch zu wunderbaren Ideen“. Die Hörbuch-Rundfunk-Geschichte stand auch im Mittelpunkt des Vortrags von Sandra Rühr, die an der Uni Erlangen Buchwissenschaft studiert hat und nun an einer Promotion über das Hörbuch arbeitet. Sie ging auf die verschiedenen Phasen in der Entwicklung des Hörbuchs ein, das seinen Ursprung in der 1876 von Thomas Alva Edison entwickelten Sprechmaschine hatte. Erst 1987 wurde der Begriff „Hörbuch“ zum ersten Mal für ein kommerzielles Hörbuch verwendet.

Ins Internet schaute Volker Titel, wissenschaftlicher Assistent am Fach Buchwissenschaft in Erlangen, und behandelte E-Commerce-Strategien bei Hörbuchverlagen und -portalen. Ihm war aufgefallen, dass sogar die meisten großen Verlage nicht alle Kanäle nutzen, um das Beste aus ihrem Programm- und Online-Angebot zu machen. „Interaktivität und Kreativität sind gefragt, um einmal angekommene Besucher an die Website des Verlags zu binden und regelmäßig wiederkehren zu lassen.“

BuchMarkt-Autor René Wagner, Betreiber von Hoerothek.de und Mitglied in der Jury des Deutschen Hörbuch Preises, erläuterte die „Renaissance des Hörens“, die seit einiger Zeit in der Gesellschaft auszumachen sei. „Hörbücher sind einfach hip, und auch das gemeinschaftliche Hören wird immer mehr genutzt, um den immer langweiligeren Alternativen auf dem Unterhaltungsmarkt zu entgehen.“ Der neue Podcast-Trend (abonnierbare kostenlose Mini-Radiosendungen als automatische Downloads) werde Literaturliebhaber „ein großes Stück mehr zum eigenen Programmdirektor machen“.

Jürg Häusermann, Professor für Medienanalyse und Medienproduktion an der Universität Tübingen, nutzte seinen Vortrag über „Literaturvermittlung durch das Hörbuch“, um einen Wunsch an die Hörbuchproduzenten zu formulieren: „Gebt den Hörbüchern wieder mehr Aufführungscharakter!“ Das Gros der Produktionen würde meist nur Buchvorlagen „abbilden“, statt gezielt die Möglichkeiten des eigenständigen Mediums einzusetzen. Ähnlich argumentierte die Rundfunkredakteurin Tilla Schnickmann, die in ihrem Vortrag über das „Sprechkunstwerk Hörbuch“ einging und deutlich machte, wie wichtig der Einsatz der richtigen und vor allem geübten Stimme ist. Daran schloss sich Dorothee Meyer-Kahrweg, Feature-Redakteurin beim Hessischen Rundfunk, an – sie betreut seit 1997 die hr2-Hörbuch-Bestenliste, erklärte auf der Tagung die Arbeit der Jury und zeigte mit zahlreichen Hörproben, wie gute Hörbücher auch für Wenighörer zu erkennen sind.

Die Hörbuch-Tagung der DBS war, so der Eindruck bei den Teilnehmern, aber auch den Referenten und Organisatoren, eine gelungene Veranstaltung, die das Hörbuch in praktisch allen seinen aktuellen Facetten beleuchtete. Die nächste Jahrestagung 2007 dreht sich um Urheberrechtsfragen und -probleme rund um die gelesene und gehörte Literatur.

Die Deutsche Buchwissenschaftliche Gesellschaft, 1999 von Buch- und Medienwissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen gegründet und Financier dieser Jahrestagung, ist ein unabhängiges Gesprächsforum für die wissenschaftlichen Bemühungen um das Medium Buch. Die DBG möchte den Informationsaustausch von Buchwissenschaftlern fördern, das Medium Buch im Mediensystem positionieren, Forschung und Lehre zum Buch verbreiten, internationale buchwissenschaftliche Kontakte verstärken. Der Mitgliedsbeitrag beträgt 50 Euro pro Jahr für Einzelmitglieder.

Nähere Informationen unter www.buchwiss.de.

rw

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