Buchpremiere des abschließenden Bandes der „Geschichte des Westens“ in München

Zwölf Jahre Arbeit, 4.600 Seiten, vier Bände. Verleger Wolfgang Beck (Foto) ließ es sich nicht nehmen, gestern Abend im bis auf den letzten Platz besetzten großen Saal des Münchner Literaturhauses den druckfrischen, abschließenden Band der Geschichte des Westens von Heinrich August Winkler persönlich vorzustellen: »Das Geringste, was vom Verleger dieses imposanten historiographischen Werkes, im Übrigen international ohnegleichen, zu erwarten ist: dem Autor coram publico von Herzen zu gratulieren.«

Wolfgang Beck

Beck betonte, dass es der Autor selbst gewesen sei, der wie auch für seine zweibändige deutsche Geschichte Der lange Weg nach Westen (erschienen 2000) den fast ein wenig aus dem Gebrauch gekommenen Begriff Westen bewusst wieder für den Titel gewählt hat. Es gehe um nichts Geringeres als eine »historisch-politische Ortsbestimmung der Gegenwart«, was Heinrich August Winkler dann in seiner Einführung als die »praktische Absicht der Geschichtswissenschaft« bezeichnete. Westen, das ist »die subversive Kraft der Ideen« der amerikanischen Unabhängigkeit 1776 und der Französischen Revolution 1789 über die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte durch die UN-Vollversammlung 1948 bis zur OSZE-Schlussakte 1975. Es ist ein unvollendetes Projekt, dessen »Menschenfreundlichkeit« für viele Vordenker der nicht-westlichen Welt attraktiv sei (und von anderen bekämpft wird). Auch wenn die Bedrohungen bekannt sind und sich in Gewaltausbrüchen manifestieren, keinesfalls dürfe Westen als »imperiales Projekt« auftreten.

Umso wichtiger sei es, die Hoffnung machenden Ereignisse auch zu benennen (denn alle großen Bewegungen starten durch Minderheiten): z.B. die Charta 2008, mit der 5.000 chinesische Intellektuelle und Künstler Rechtsstaatlichkeit für ihr Land fordern; die politische Entwicklung in Tunesien und Indonesien; aber auch die Demonstrations-Bewegung 2012 in Russland – die durch die Krim- und Ukraine-Krise einen herben Rückschlag erlitten hat.

Wolfgang Ischinger. Sylke Tempel, Heinrich August Winkler (v.l.)

Dazu war natürlich Wolfgang Ischinger gefragt, der im Umgang mit Russland sowohl für politische Klarheit (Sanktionen) als auch für strategische Gelassenheit (Verhandlungen, Angebote) plädierte. Präsident Putin habe sich mit seinem in der Nachkriegsgeschichte einmaligen Angriff auf die territoriale Integrität eines souveränen Staates in eine Situation manövriert, aus der er im Moment nicht ohne Gesichtsverlust wieder herauskäme – und den wolle und könne er sich nicht leisten.

Da Winkler zu den nicht zahlreichen deutschen Geschichtswissenschaftlern gehört, die sich an aktuellen politischen Debatten beteiligen, war Wolfgang Ischinger ein guter Gesprächspartner – als ehemaliger Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Botschafter in Washington und London und derzeit, von Davos kommend, mit der Vorbereitung der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz beschäftigt. Er erntete denn auch für seine Erklärung eine Mischung aus Schmunzeln und Kopfschütteln, als er das Münchner Publikum um Nachsicht dafür bat, dass diese Konferenz jedesmal die Innenstadt durch Sicherheitsmaßnahmen und unvermeidliche Gegendemonstrationen lahmlegt: Die von weither angereisten Teilnehmer wollen nicht auf einer abgeschirmten grünen Wiese tagen, sondern am Rande auch das kulinarische, kulturelle und Shopping-Leben der Stadt genießen.

Zu genießen war im Literaturhaus der geschliffene Vortrag von Heinrich August Winkler sowie die aus Erfahrung vom Umgang mit den Mächtigen und den Krisenherden der Welt geprägten Ergänzungen von Wolfgang Ischinger unter der sachkundigen und klugen Moderation von Sylke Tempel (Chefredakteurin Internationale Politik und selbst Historikerin. Nach zwei Stunden hochkonzentriertem Podiumsgespräch hätte das hellwache Publikum sicher noch mehr Fragen gehabt. Man konnte jedoch mit der erfreulichen Erkenntnis durch den Münchner Konferenz-Schilderwald nach Hause gehen, dass Politiker nicht geschichtsvergessen sein müssen und Historiker die Dinge konkret beschreiben.

Es war Winkler, der dazu aufrief, bei der Ukraine-Krise nicht nur „wertneutral von Konfliktparteien zu sprechen“, sondern klar zu benennen, dass Russland auf ukrainischem Territorium Krieg führt bzw. führen lässt und nicht umgekehrt. Und es war Ischinger, der daran erinnerte, dass man hierzulande noch vor 50 Jahre heiße Debatten darüber geführt habe, ob sich strenggläubiger Katholizismus jemals mit Demokratie vereinbaren ließe.

Ulrich Störiko-Blume

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