Bookster Frankfurt und vielleicht eine Weltstadt

Alexander Skipis, Martin Schmitz-Kuhl

Gestern, zum Internationalen Welttag des Buches (und des Urheberrechts), fand in der Stadtbücherei Frankfurt eine besondere Veranstaltung statt.

Die Printausgabe von Bookster Frankfurt wurde vorgestellt. Allerdings nicht mit dem Lesen ausgewählter Passagen aus den 44 Porträts über Menschen, die sich professionell und engagiert um Bücher kümmern, sondern mit einer Diskussionsrunde und vielen Bildern im Hintergrund.

Sabine Homilius, Leiterin der Stadtbücherei Frankfurt und eine der Porträtierten, begrüßte die etwa 50 Gäste. „Gut finde ich, dass die vorgestellten Bookster auch Buchempfehlungen geben“, sagte sie und erinnerte daran, dass es den Welttag des Buches als offiziellen von der UNESCO eingerichteten Festtag für das Lesen, die Bücher und die Rechte der Autoren seit 1995 gibt.

Die Diskussion moderierte Jakob Hoffmann, Mitbegründer von Raum 121, einer alternativen Ausstellungsfläche, Kurator, Comic-Künstler und Literaturveranstalter in der Off-Szene. Sonja Vandenrath, Leiterin Literatur beim Kulturamt der Stadt Frankfurt, B3-Verleger Norbert Rojan, Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, und Bookster-Herausgeber Martin Schmitz-Kuhl waren die Gesprächspartner.

„Der Untertitel Interviews und Porträts aus der Hauptstadt des Buches wurde mit Bedacht gewählt. Die ‚Hauptstadt’ ist keine Feststellung, sondern auch eine Frage und ein Appell und keinesfalls eine Abgrenzung anderen Städten gegenüber“, stellte Schmitz-Kuhl klar. Das Wort „Bookster“ sei eine Erfindung für Menschen, die sich in ihrem Beruf engagiert mit Büchern beschäftigen; Autoren, Verleger, Buchhändler, Bibliothekare, Literaturveranstalter, Journalisten, Kritiker, Buchmessemitarbeiter, Börsenvereinsmitglieder.

Seit Juni 2014 erscheint jeden Dienstag auf www.bookster-frankfurt.de ein Porträt. „Das Buch war dringend erforderlich und keine Frage“, unterstrich Schmitz-Kuhl, „es ist etwas anderes als das Online-Magazin.“ Eine Diskussion zwischen ausschließlich digitaler oder Print-Ausgabe habe es nicht gegeben.

Zum Bookster-Team gehören außerdem Christian Sälzer und Ulrich Erler, die gemeinsam mit Martin Schmitz-Kuhl 2011 die Agentur Schwarzburg gründeten. Der Fotograf Stephan Jockel und ein Netzwerk von Autoren helfen. Das Projekt konnte mit Hilfe von Crowdfunding, nämlich der Initiative kulturMut der Avensis-Foundation, realisiert werden [mehr…]

„Das Buch zeigt die Vielfalt der Literaturstadt Frankfurt“, lobte Sonja Vandenrath, die außerdem als Dozentin zeitgenössische Literatur an der Goethe-Universität vermittelt. „Die Uni sollte mehr mit der Stadt vernetzt werden, die Studierenden einen besseren Draht zur Stadt bekommen“, forderte sie. Das Interesse an Gegenwartsliteratur sei spürbar – ein gutes Zeichen. Doch es fehle an hippen Orten mit niedrigschwelligem Zugang in der Stadt. Außerdem pendelten viele und hätten deshalb gar keinen richtigen Bezug zu Frankfurt. „Was das literarische Leben anbetrifft, steht Frankfurt gut da, das höre ich immer wieder bei Gesprächen in anderen Städten“, unterstrich Vandenrath. Inzwischen habe sich auch eine spannende freie Szene entwickelt. Literatur müsse nicht umsonst sein, das Kulturamt unterstütze Veranstalter nach Möglichkeit.

„Wenn man nach ‚Buchstadt’ googelt, bekommt man Leipzig als Ergebnis. Wieso?“, wollte Martin Schmitz-Kuhl wissen. „Oft sind die Labels standardisiert und nicht sehr aussagekräftig“, antwortete Sonja Vandenrath.

Schmitz-Kuhl wandte sich an Alexander Skipis: „Können Sie erklären, warum Frankfurt eine Buchstadt ist, ohne das Wort Buchmesse zu verwenden?“ „In Frankfurt findet nun einmal das weltgrößte Treffen der Buchprofis statt. Außerdem werden hier der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und der Deutsche Buchpreis verliehen“, entgegnete der Hauptgeschäftsführer, „das sind große Angelegenheiten.“

„Doch die Zahl der Verlage und der Buchhandlungen gehen zurück …“, insistierte Schmitz-Kuhl. „Wir haben 66 Verlage und 76 Buchhandlungen in Frankfurt. Wir müssen danach fragen, was wir tun können, damit es den Buchhandlungen in der Stadt gut geht“, äußerte Skipis. Die Buchhandlungen hätten im Übrigen deutschlandweit in den letzten Jahren dazugelernt.
„Wir überlassen die Stadt dem Angebot-und-Nachfrage-Markt, der sich ausschließlich an Mieten orientiert. Da kann der Buchhandel nicht mithalten. Da sollten wir etwas unternehmen“, forderte der Hauptgeschäftsführer.

Dafür sei allerdings die Wirtschaftsförderung die richtige Adresse, warf Sonja Vandenrath ein. Skipis erklärte, dass der Börsenverein mit Stadtförderung und –planung über das Thema Kulturanspruch rede.

„Aber der Börsenverein wird in der Stadt nicht richtig wahrgenommen“, reklamierte Schmitz-Kuhl. „Das ist richtig, soll sich jedoch ändern“, entgegnete Skipis. Mit dem Haus des Buches sei ein erster Schritt hin zu einer künftigen Kulturmeile Braubachstraße getan.

„Verlage sind von der Förderung ausgenommen, große Buchhandlungen reduzieren ihre Flächen und hinterlassen Brachland“, schaltete sich Norbert Rojan ein. „Ihr B3-Verlag und Ihre Hessen-Shops sind regionale Unternehmen. Geht denn da mehr in Frankfurt?“, wollte Schmitz-Kuhl wissen.

„Die Branche lebt doch nicht von Hochliteratur, sondern auch von Regionalia. Unsere Käufer sind begrenzt, das ist bei S. Fischer anders. Ich habe beispielsweise 150 Buchhandlungen für den Vertrieb von Bookster angeschrieben, nur zwei haben geantwortet“, berichtete Rojan.

Auf Jakob Hoffmanns Frage, ob es denn keine Kontakte zwischen den kleinen Verlagen gebe, antwortete Rojan: „Wir kennen uns untereinander. Aber daneben gibt es viele Selbstverleger, Ein-Mann-Betriebe, alle sehr unterschiedlich. Es ist ein zähes Geschäft.“

„Auch der Buchmarkt ist ein Markt, auf dem sich die Produkte durchsetzen müssen. Doch Vorsicht, wir gehören nicht zur Konsumgüterbranche“, sagte Skipis. Er wolle keine Kritik an Bestsellern üben. Doch wer über die großen Internetportale bestelle, müsse über die Folgen dieser Entscheidung nachdenken. „Wer Amazon unterstützt, unterstützt die Umwandlung vom Kulturgut zum Konsumgut und den Verlust an Vielfalt – das ist in anderen Ländern nachweisbar.“

Nach Ansicht von Martin Schmitz-Kuhl passiere in Sachen Digitalisierung in Frankfurt zu wenig. „Aber ein digitaler Verlag ist doch nicht per se ein Innovator“, wandte Skipis ein. Es käme nicht darauf an, viele Digitalverlage zu haben, sondern eine gute Mischung.

„Viele Start-ups auf diesem Gebiet sind eine digitale Bohéme in der Nische“, stellte Sonja Vandenrath fest. Alexander Skipis kam auf das alte Domizil des Börsenvereins im Großen Hirschgraben zu sprechen. „Da könnte ein Haus entstehen, in dem Start-ups und Investoren zusammentreffen“, blickte er in die Zukunft.

Visionen standen auch am Schluss der Runde. Man war sich einig, der Welttag des Buches hat bisher weder in Frankfurt noch in Deutschland zu einem großen Lesefest gedeihen können. Da müsse nachgebessert werden. Und warum sollte sich Frankfurt nicht um den Titel „Weltstadt des Buches“ bewerben? Seit 2001 ehrt die UNESCO jährlich eine Stadt mit diesem Titel. 2015 ist es das südkoreanische Incheon, 2016 Wroclaw in Polen. Und 2017?

Die Agentur Schwarzburg hat mit dem im Februar im Bramann Verlag Frankfurt erschienenen Books & Bookster, herausgegeben von Martin Schmitz-Kuhl, ein broschiertes Buch über Die Zukunft des Buches und der Buchbranche publiziert.
Nun liegt als zweite Edition das leinengebundene, reich bebilderte Hardcover Bookster Frankfurt, erschienen im B3 Verlag, vor. Ob eine gedruckte Fortsetzung der online weitergeführten Bookster-Porträts folgen wird, ist noch ungewiss.

JF

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