Betrachtungen aus einem anderen Blickwinkel

Hermann Kurzke

Gestern Abend hielt im überfüllten Lesesaal des S. Fischer Verlags in Frankfurt Prof. Dr. Hermann Kurzke einen Vortrag zum kürzlich im Rahmen der Großen kommentierten Frankfurter Thomas Mann-Ausgabe neu erschienen Doppelband Betrachtungen eines Unpolitische und dem dazu gehörenden Kommentar.

Geschäftsführer Dr. Jörg Bong begrüßte die vielen Gäste und bemerkte: “Verlage sind Orte gesammelter Unwahrscheinlichkeiten. Die Idee zur Edition einer Thomas Mann-Werkausgabe war zu Beginn nicht nur unwahrscheinlich, sondern schien unmöglich realisierbar. Das Projekt vereint 15 international renommierte Experten. Vor etwa neun Jahren sind die ersten Bände erschienen, mittlerweile sind von den 38 konzipierten Bänden 12 lieferbar.“

Ganz besonders dankte Jörg Bong dem Wissenschaftler Hermann Kurzke, der dieses Mammutvorhaben wesentlich unterstützte und half, Hürden zu überwinden, „staunend machende Fähigkeiten eines großen Forschers“ treten gerade im Kommentar zu den Betrachtungen zutage. Der Begleittext ermöglicht ein neues Lesen und neues Verstehen.

In seinem in acht Kapitel gegliederten Vortrag ging Hermann Kurzke zunächst auf die Entstehungszeit der Betrachtungen, 1915 bis 1918, ein. Er charakterisierte das Erscheinen des Bandes damals als Provokation, das viele unerwünschte Äußerungen selbst von Thomas Mann-Liebhabern nach sich zog.

Die Betrachtungen zielen auf Freiheit und sind eine antitotalitäre Übung. Der Bruderkrieg zwischen Heinrich und Thomas Mann spielt dabei eine Rolle. „Zwar hat Heinrich Mann mit seinen Ansichten politisch Recht behalten, aber ästhetisch? Das ist die Frage!“, gab Hermann Kurze zu bedenken. Den Bruderzwist bezeichnete der Wissenschaftler als peinlich und wahrhaftig zugleich und sieht schauspielhafte Züge darin.

Die Betrachtungen sind eine Vorbereitung auf den Zauberberg, der 1924 erschien. Thomas Manns Betrachtungen als reaktionäres Werk darzustellen, ist ein Vorurteil. „Thomas Mann fördert Demokratie in der Art, wie er sie bekämpft. Und er weiß das“, schätzt der Forscher ein, der den Autor für einen liberalen Herzensdemokraten hält.

Viel Intelligentes, zumindest Erwägenswertes ist in den Betrachtungen zu finden, wenn man bereit ist, einen anderen Blickwinkel einzunehmen.

Übrigens konnte Hermann Kurzke während seiner Forschungen eine neue, bislang unbekannte Quelle für die Schlussszene des Zauberbergs entdecken: Philipp Witkops Kriegsbriefe deutscher Studenten in der ursprünglichen Fassung.

Am gestrigen Abend wurde ein verrufenes Buch mit einer außerordentlichen und nachschlagenswerten Fülle von Argumenten verteidigt.

JF

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