Frankfurt: 100 Jahre neue Typografie und Grafik

Gestern Abend wurde im Museum Angewandte Kunst in Frankfurt die Ausstellung Alles neu! 100 Jahre Neue Typografie und Neue Grafik in Frankfurt am Main eröffnet.

Das Neue Frankfurt – dieser Begriff und Titel einer Zeitschrift bezieht sich in erster Linie auf die Architektur der Stadt am Main. Federführend war dabei Ernst May, Stadtbaurat unter Oberbürgermeister Ludwig Landmann. Zwischen 1925 und 1930 entstanden 12 000 neue Wohnungen, die Standards setzten.

Doch nicht nur auf dem Gebiet der Architektur wurde Neues entwickelt. Schriftgestaltung und Grafikdesign spielten dabei ebenfalls eine herausragende Rolle.

Gleich vier Kuratoren – Klaus Klemp, Friedrich Friedl, Peter Ziska und Museumsdirektor Matthias Wagner K – arbeiteten an der Ausstellung im Haus am Schaumainkai 17.

„Es ist nach Das Frankfurter Zimmer 2013 und Das Prinzip Kramer 2014 eine weitere Exposition zum Thema Neues Frankfurt“, unterstrich Wagner K. „Wir haben in Vorbereitung der Schau mal vor der Haustür geguckt, was außer dem Bauhaus nach dem Ersten Weltkrieg noch passierte“, erklärte Klaus Klemp.

Die Stadt führte 1923 die Städel’sche Kunstschule und die Städtische Kunstgewerbeschule zusammen, ihr Gründungsdirektor Fritz Wichert stand in Briefkontakt mit Walter Gropius in Weimar und erstrebte „eine eigene ganz bodenständige Verwirklichung des Bauhausgedankens für Südwestdeutschland“. Landmann wollte die politischen Strukturen zugunsten von Wirtschaftsregionen in Deutschland auflösen. „Auch die Typografie arbeitete am tatsächlichen Bedarf“, betonte Klemp und verwies auf die von Paul Renner entwickelte Schrift Futura, die 1926 Marktreife erlangte und in den 1930er Jahren ihren weltweiten Siegeszug antrat. Noch heute ist sie die Hausschrift der Stadt Frankfurt.

Einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung neuer Schriften und Typen leisteten die Schriftgießereien Bauersche Gießerei, Ludwig & Mayer, D. Stempel AG in Frankfurt und Gebr. Klingspor in Offenbach – letztere beauftragte als erste deutsche Gießerei gezielt Künstler mit dem Entwerfen neuer Schriften.

1926 kam der Maler, Werbegrafiker und Verkehrsplaner Walter Dexel nach Frankfurt, entwickelte eine sehr rigide Reklame-Ordnung für die Stadt, die allerdings dem Magistrat zu weit ging und nicht angenommen wurde. Dexel verurteilte „die großstädtische Außenreklame“ als „chaotisch, zudringlich und von verwirrender Unübersichtlichkeit“. „Selten nur denkt jemand daran, daß es neben der Möglichkeit lauter zu rufen als die anderen, auch noch die Möglichkeit gibt, besser und deutlicher zu rufen“ schreibt er im Januar 1927 in der Monatsschrift Das Neue Frankfurt.

400 Objekte aus der 7000 Stücke umfassenden Sammlung von Buchdruckermeister und Schriftsetzer Philipp Albinus, der von 1924 bis 1934 Fachlehrer für Typografie und Werkstattleiter für Schriftsatz an der Städtischen Kunstgewerbeschule war, ab 1924 außerdem Vorsitzender des Bildungsverbandes der Deutschen Buchdrucker, sind in der Ausstellung zu sehen. „Albinus war ein völlig unpolitischer Mensch und höchst empört darüber, dass ihm 1934 ‚Kulturbolschewismus’ vorgeworfen wurde – nur weil er ein radikaler Verfechter der Kleinschreibung war“, erläuterte Klemp. Erstmals wurde die Sammlung Albinus wissenschaftlich aufgearbeitet und wird nun auszugsweise öffentlich gezeigt.

Nachvollziehen kann der Besucher auch den Wandel der Begriffe; aus künstlerischem Entwurf wurde Gebrauchsgrafik, Reklame, Propaganda, visuelle Kommunikation und schließlich – heute – Kommunikationsdesign.

1924 kam Hans Leistikow nach Frankfurt, sein neuer Entwurf des Frankfurter Adlers, im Volksmund als „Hüpfspatz“ bezeichnet, wurde sogar bis 1936 verwendet – aus Sparsamkeitsgründen. Denn mit der Machtübernahme der Nazis wurde alles, was an neuer Typografie und neuer Grafik entstanden war, wieder zurückgedreht.

Nach 1945 waren es Hans Leistikow, der 1930 in die Sowjetunion ging und nach dem Zweiten Weltkrieg zurückkehrte, und Ferdinand Kramer, die sich als Brückenbauer betätigten und wieder an das Neue Frankfurt anknüpften. Allerdings scheiterte Leistikows Versuch, nach dem Krieg in Frankfurt eine neue Kunstschule aufzubauen – 1948 gründete er die Kasseler Schule der Plakatkunst, Buch- und Zeitschriftengrafik, zu deren Vertretern Hans Hillmann, Gunter Rambow, Jan Lenica und Christian Chruxin gehören.

Eine wichtige Rolle spielten Verlage wie S. Fischer, für den Hans Bohn, Hermann Zapf und Günter Kieser arbeiteten und Suhrkamp mit dem die Verlagsreihen prägenden Willy Fleckhaus.

Mit der Verbreitung des Computers, besonders des Apple Macintosh in den späten 1980er Jahren bei den Grafikern, begann eine neue Ära.

„In den 1990er Jahren war Frankfurt eine Melange aus Musik, Geld, Drogen und digitaler Technik“, beschrieb Peter Zizka. Zwölf Positionen von Gegenwartskünstlern ergänzen die Schau, die bis zum 21. August 2016 zu sehen ist, – und irritieren ganz bewusst.

Zur Ausstellung ist in der av edition Stuttgart ein umfangreicher Katalog erschienen – die verwendete Schrift ist natürlich eine Futura.

JF

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