Exil-Ausstellung „Fremd bin ich den Menschen dort“

Herta Müller fordert reales Museum

Gestern Abend wurde in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main im Rahmen des 100jährigen Bestehens der Bibliothek die Exposition Fremd bin ich den Menschen dort feierlich eröffnet.

Unter der Schirmherrschaft von Herta Müller ermöglichen das Deutsche Exilarchiv 1933-1945 und das Deutsche Literaturarchiv Marbach Einblicke in ihre Sammlungen. Anhand von 16 Biografien werden sehr unterschiedliche Lebensläufe von Emigranten aufgezeichnet.

Dr. Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, verwies in ihrer Begrüßung auf die Bestände des in der frühen Nachkriegszeit aufgebauten Exilarchivs, das heute etwa 30.000 Bücher, Broschüren und Zeitschriften sowie über 230 Nachlässe enthält. In der Ausstellung werde ganz bewusst auf Biografien von Menschen eingegangen, die gegenwärtig kaum mehr bekannt seien. Die Exposition werde durch „Zeitkapseln“, beigesteuert vom Literaturarchiv Marbach, bereichert.

Elisabeth Niggemann ging auf die Entwicklung des Netzwerkes Künste im Exil und die Unterstützung einer gleichnamigen virtuellen Ausstellung durch Kulturstaatsminister Bernd Neumann ein, der im März 2012 dazu Mittel in Höhe von 745.000 Euro für drei Jahre bewilligte. „Wir brauchen nicht nur eine virtuelle, sondern auch eine reale Dauerausstellung“, unterstrich die Generaldirektorin. Weitere Kooperationspartner werden gesucht, das erste Treffen soll in 14 Tagen stattfinden.

„100 Jahre ist ein hohes Alter für einen Menschen. Eine 100jährige Bibliothek steht dagegen in der Blüte ihrer Jugend“, formulierte Professor Dr. Ulrich Raulff, Direktor des Deutschen Literaturarchivs Marbach. Er unterstrich die große Bedeutung der Exil-Sammlungen beider Institutionen.

In ihrem Vortrag schilderte Herta Müller die Situation ihrer Ausreise von Rumänien nach Deutschland am 28. Februar 1987. „In unseren Pässen war der 29.2.1987 eingetragen. Ein Tag, der nicht existierte. Das war die letzte Mitgift der Securitate“, erklärte sie. Die Literaturnobelpreisträgerin berichtete anschließend von zahlreichen schrecklichen, demütigenden und schikanösen Begegnungen mit deutschen Beamten. Sie erzählte die teilweise absurden Erlebnisse mit groteskem Humor. Zunächst untergebracht in einem Übergangsheim in Nürnberg konnte Herta Müller auf Hitlers Parteitagsgelände schauen. „Wie gefühlstaub und geschichtsblind muss man sein, um an dieser Stelle Einwanderer unterzubringen?“, fragte sie. Aber, so vermutete die Schriftstellerin, vielleicht war der Platz einfach „zweckmäßig“. Dieser Begriff zog sich wie ein roter Faden durch ihren Vortrag. Sie erinnerte an sehr unterschiedliche Schicksale von Emigranten; an Carl Zuckmayer und Walter Benjamin. An die sogenannte „Stunde Null“, ein eher militärischen Begriff, der die Zeit nach der Kapitulation beschrieb. Er bedeutete nicht nur Neubeginn, sondern implizierte auch kollektives Schweigen. In der Gruppe 47 sei ebenfalls viel verschwiegen worden. „Hitler, SS, Konzentrationslager – solche Worte kamen in der Gruppe nicht vor“, konstatierte Herta Müller. Hans Werner Richter kritisierte Albert Vigoleis Thelen für sein “Emigrantendeutsch“. „Die Spätfolgen der Emigration sind überall spürbar“, bilanzierte die Nobelpreisträgerin. Manche, die vertrieben worden, sind für immer vergessen, das wirke bis heute fort. Aber: „Wer im Exil war, gilt bis heute nicht als Opfer“, wies Herta Müller auf geltende Geschichtsbetrachtung hin.
Sie begrüßte es, dass die Ergebnisse der Exilforschung und die Sammlungen zusammengeführt werden. „Das ist ein erster Schritt. Ein virtuelles Museum ist gut, aber es ist kein reales“, schlussfolgerte Herta Müller. Sie forderte ein „zweckmäßiges“ Museum – „damit könnte man dem Wort endlich einen humanen Inhalt geben.“

Die Lyrikerin Emma Kann – auch ihr Schicksal wird in der Exposition nachgezeichnet – verfasste 1933 das Gedicht Heimatlos. Eine Zeile daraus wurde zum Titel der Ausstellung. Dr. Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933-1945, trug dieses Gedicht vor und gab einen kurzen Überblick zu den 16 dargestellten Biografien, die anhand von 230 Originalexponaten nachvollziehbar werden. Ein Audioguide liefert zusätzliche Erläuterungen, unter anderem mit Originalzitaten, auf drei Leinwänden im Raum werden Filme und Bilder gezeigt.

Dann betrat Dora Schindel, die einzige noch lebende Zeitzeugin der 16 Emigranten, das Podium und sprach eindrucksvoll über ihre Exilzeit. Mit der Gruppe Görgen, initiiert von dem Politiker Hermann Mathias Görgen, gelang 48 Menschen 1941 die Ausreise nach Brasilien. 1954 kehrten Hermann Mathias Görgen und Dora Schindel nach Deutschland zurück, 1960 gründeten sie die Deutsch-Brasilianische Gesellschaft, in der die 1915 geborene Dora Schindel noch heute aktiv ist.
Als sie ihren Bericht beendet hat, wurde ihr mit Standing Ovations gedankt.

Die musikalische Umrahmung der feierlichen Ausstellungseröffnung übernahm der Cellist Frank Wolff.

Die Exposition ist bis zum 20. Oktober zu sehen und wird von einem umfangreichen Programm begleitet.

JF

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