Ausgeflipptes Happening oder doch eher seriöse Fachtagung? Ein Erlebnisbericht von der Versammlung der VG Wort-Wahrnehmungsberechtigten

Am Freitagabend fand in Berlin eine interessante Veranstaltung statt, die Jahresversammlung der Wahrnehmungsberechtigten der VG Wort. Beeindruckend war schon der Versammlungsort, der „Meistersaal“ am Potsdamer Platz. Eigentlich die perfekte Location für das, was folgen sollte. Denn laut Vermieter-Homepage eignet sich der Festsaal für die unterschiedlichsten Veranstaltungsformate. Von der „seriösen Fachtagung über die Abendgala bis zum ausgeflippten Happening“ sei im „Meistersaal“ alles an Veranstaltungen möglich.

Auf eine „Abendgala“ zumindest deutete am Freitag zwar wenig hin. Am neoklassizistischen Saal selber mit den stilvollen Deckenleuchtern, den dunklen Holzvertäfelungen, den schweren Vorhängen und den mit rotem Samt bezogenen Holzsesseln lag es nicht. Es fehlten aber Abendroben und elegante Smokings. Stattdessen waren, wohl auch der Hitze geschuldet, Jeans, Kurzarmhemd und bequemes Schuhwerk angesagt. Elegante Anzugträger sah man allenfalls auf der Bühne.

Schon eher in Richtung „ausgeflipptes Happening“ gingen die ersten Minuten der Versammlung. Dafür sorgte der Auftritt eines Mannes mit Bauarbeiterhelm, Hawaiihemd und Boxershorts, der mit einem Megafon unter dem Arm geschäftig durch den Saal patrouillierte. Pünktlich zum Veranstaltungsbeginn stellte sich der Herr auf die Straße vor dem Haus und ließ über sein Megafon Polizeisirenenklänge ertönen, bis schließlich die richtige Polizei herbeigefahren kam und den Spuk beendete.

Leider aber war auch nach Beendigung des ungeplanten Happening-Teils von einer in allen Belangen „seriösen Fachtagung“ meist nur dann etwas zu spüren, wenn die VG Wort-Vorstände Staats und Just gewohnt kompetent durch den Geschäftsbericht 2015 führten, sperrige Begriffe wie „Gerätevergütung stehender Text“ oder „METIS-Ausschüttungen“ erläuterten und – zumindest für die Autoren unter den Zuhörern – frohe Botschaften wie bevorstehende Rekordausschüttungen aufgrund Rekordeinnahmen verkündeten.

Mit Spannung erwartet worden war aber vor allem der Bericht des Vorstands zur brisanten Frage der Zukunft der Verlegerbeteiligung nach der Entscheidung des Bundesgerichtshofs in der Klagesache Vogel. Auch hierzu hat der Vorstand sachlich und detailliert erläutert, was sich aus dem Urteil ergibt ist und wie es voraussichtlich weitergehen wird. Näheres, so die Botschaft, folge erst im September, wenn eine außerordentliche Mitgliederversammlung stattfinde, die dann über die Rückforderungsansprüche der Autoren zu befinden habe. Dann stellt sich die sicher ungewöhnliche Situation, dass die Verleger unter den VG Wort-Mitgliedern an der Exekution der Rückforderungsansprüche an sich selbst mitzuwirken haben.

Nächster Tagesordnungspunkt nach Ankündigung dieser zumindest für Verlage betrüblichen Aussichten war eine „Aussprache“. Und von nun an wurde es richtig turbulent. Das lag an einigen Wenigen unter den Wahrnehmungsberechtigten, welche die Saalmikrofone quasi in Dauerbeschlag nahmen und sich nach Beantwortung ihrer zahlreichen Fragen sofort wieder in die Schlange der Fragesteller einreihten und erneut zu Wort meldeten.

Neben einer Entschuldigung der VG Wort gegenüber den Autoren im Allgemeinen und Herrn Vogel im Speziellen verlangten sie sinngemäß u.a.: „Ich will endlich mein Geld zurück. Nicht nur rückwirkend für drei Jahre, sondern für zehn. Und ich will es sofort. Mit Zinsen. Wer trägt das Ausfallrisiko, wenn Verlage nicht zahlen können? Von welchem Geld wurden seit 2012 bei der VG Wort Rückstellungen gebildet? Wer hat denn die VG Wort überhaupt ermächtigt, mit der Politik über eine Beibehaltung des Status Quo zu sprechen?“

Als besonders eifrig tat sich dabei ein Herr hervor, der sich zuerst als bloßer Wahrnehmungsberechtigter vorstellte, aber durchaus die juristisch „richtigen“, weil ungeklärten und drängenden Fragen stellte. Nachdem u.a. ihm aber ein anwesender Rechtsprofessor trotzdem vorwarf, seinen Fragen nach zu schließen allenfalls „Halbjurist“ zu sein, legte er offen, dass er durchaus Rechtsanwalt sei. Laut seiner Kanzleihomepage wird er, was man sich nach seinem denkwürdigen Auftritt gut vorstellen kann, „von Mandanten für seinen ausgeprägten Geschäftssinn und die hervorragende Branchenkenntnis sowie sein offensives Vorgehen geschätzt“. Noch viel interessanter aber ist, wen er laut Eigenbeschreibung im Netz so alles vertritt. „Seit 2009 berät und vertritt er ständig den Interessenverband mittelständischer Computer- und Hardwarehersteller und -importeure, Zentralverband Informationstechnik und Computerindustrie e.V. (ZItCo).“

Wie bitte? Ausgerechnet ein Lobbyist der Geräteindustrie, also nicht nur nach Ansicht des Medienmagazins „Netzpresse“ den zu erwartenden Profiteuren eines nicht mehr auszuschließenden Auseinanderbrechens der VG Wort (hierzu: https://www.mediencity.de/Ist-die-VG-Wort-noch-zu-retten-.6932.0.2.html mischt die VG Wort-Jahresversammlung auf? Alle Achtung, wenn der äußere Eindruck nicht völlig täuscht, nennt man das wohl Lobbyarbeit 2.0.

Immerhin, eines macht Hoffnung: Erstaunlicherweise gab es für diese in der Sache als Reaktion auf das BGH Urteil zum Teil durchaus logischen, aber in unangenehm-aggressivem Tonfall vorgetragenen Forderungen nur äußerst spärlichen Applaus von Seiten der zahlreich anwesenden Autorinnen und Autoren. Es waren handgezählt kaum mehr als drei Personen, die sich bei den Wortmeldungen des mutmaßlichen Geräte-Lobbyisten überhaupt nur Beifall spendend äußerten. Darunter kurioserweise ausgerechnet meine Nebensitzerin, eine Selfpublishing-Autorin, die nach eigenem Bekunden noch nie VG Wort-Ausschüttungen erhalten und vom Vogel-Verfahren noch nie zuvor gehört hat, dafür aber Verlage nicht leiden kann, seit der Hanser Verlag mal ein Manuskript von ihr ablehnte.

Wer solche Unterstützer hat, braucht keine Gegner, und als solche waren die Geschäftsführenden Vorstände Herr Staats und Herr Just an diesem Abend wie auch sonst nicht angetreten. Im Gegenteil antworteten sie den Fragestellern sehr freundlich, geduldig und souverän. Herr Staats entschuldigte sich dafür, dass über Jahrzehnte bei der VG Wort ein System praktiziert worden war, das der BGH nun für unrechtmäßig hält. Dann erläuterte er nach Kräften, dass und wie die geforderten Korrekturen erfolgen werden. Vieles an den weiteren Schritten sei im Detail noch unklar, Gremienbeschlüsse erforderlich, Satzungsfragen zu klären. Die Rechtfertigung, sich bei der Politik weiterhin für ein Miteinander von Autoren und Verlagen innerhalb der VG Wort einzusetzen, entnahm er völlig zu Recht deren Satzung selbst. Das kam gut an bei den Wahrnehmungsberechtigten, unter ihnen mutmaßlich weit überwiegend Autorinnen und Autoren.

Selbst der übermäßiger Sympathien für die Verlegerseite bislang unverdächtige Medienjournalist Stefan stellte dazu in seinem sehr lesenswerten Bericht zur Sitzung http://uebermedien.de/5459/vg-wort-vorstand-entschuldigt-sich-fuer-bloede-gesamtsituation/ fest: „Er (Robert Staats) sagte unter großem Beifall: ‚Bislang gab es einen Konsens, dass die VG Wort eine gemeinsame Verwertungsgesellschaft von Autoren und Verlagen ist. Das war unser Mandat, insofern ist es völlig in Ordnung, wenn wir uns auch auf der rechtspolitischen Ebene dafür einsetzen, dass es eine gemeinsame Verwertungsgesellschaft von Autoren und Verlagen weiterhin gibt.“ „Langanhaltenden Beifall“ gab es laut Herrn Niggemeier nicht nur für diesen, sondern auch für weitere Appelle von Autoren und Gewerkschaftsvertretern, die dafür plädierten, die VG Wort auch zukünftig als gemeinsame Interessenvertretung von Autoren wie Verlegern zu verstehen.

Es bleibt zwar abzuwarten, ob und wie die Politik ihr Versprechen einlöst, sich rasch für eine Fortführung des Miteinanders von Autoren und Verlegern in der VG Wort zu beiderseitigem Nutzen stark zu machen. Der Stimmungslage vom Freitagabend nach zu folgern, und dies ist ein sehr ermutigendes Signal, gibt es dafür auch und gerade in der Autorenschaft eine sehr breite Basis.

Rainer Dresen

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