2. Audiotorium der Buchakademie: Werden Podcasts zur Killerapplikation der Branche?

Niemandem – das zeigte auch das 2. Audiotorium der Buchakademie im Münchner Literaturhaus am vergangenen Dienstag mit seinen gut 80 Teilnehmern – gefällt es wirklich: Das Wort „Podcast“, das sich aus „iPod“ und „Broadcast“ zusammensetzt und eine Art automatische Mini-Radiosendung beschreibt, will nun gar nicht zu den Begriffsgewohnheiten im deutschen Sprachraum passen.

Kontroverser Vortrag: “Gabriel Burns”-Autor und
-Produzent Volker Sassenberg

Den wenigsten wird auch gefallen haben, was die eingeladenen Experten referierten: Immer mehr Deutsche mit Zugang zum Internet präferieren diese „Audio-Magazine“, „Voiceletter“ oder auch einfach nur „Radio-Shows“, wie Podcasts von vielen Nutzern lieber genannt werden. Zigtausende gibt es allein in Deutschland, mehr als 500.000 regelmäßige deutsche Hörer gibt es bereits, und allein im März wurden hierzulande drei Millionen Podcasts heruntergeladen. Menschen ohne die Stil-Ikone iPod gelten heute fast als Fossilien.

Die medialen Gewohnheiten verändern sich rapide, die zur Verfügung stehende Freizeit wird immer knapper – da bleibt für klassische Medien, sogar für das „hippe“ Hörbuch, nicht mehr viel Luft. Fünf Minuten Podcast hören, bedeutet: fünf Minuten kein Hörbuch hören, kein Buch lesen, geschweige denn Fernsehen oder Radio nutzen. Tatsächlich ergab eine aktuelle Studie, dass ein Drittel der Podcast-Nutzer weniger Radio hören; allerdings bekommt man bei vielen kommerziellen Podcasts Radio-Inhalte geboten, so dass sich die Nutzungsgewohnheiten hier verschieben.

“Renaissance des Hörens”: Marketing-
Berater Andreas Wunschel

Die Zeiten aber, in denen man das Radio oder den Fernseher brav zu einer vorgegebenen Zeit einschaltete, scheinen mehr und mehr vorbei zu sein. Selbst von den Inhalten seien immer mehr Leute enttäuscht, erklärten übereinstimmend Alex Wunschel und Andreas Haderlein. Wunschel arbeitet als Marketing- und Kommunikationsberater für große Unternehmen, Haderlein als Trendforscher am Zukunftsinstitut von Matthias Horx. Ihre Meinung: Die Renaissance des Hörens sei in vollem Gange; vor allem wünsche sich der heutige „multimediale Mensch“, sein eigener Programmdirektor zu sein. Das Prinzip: Ich entscheide, was ich wann und wo konsumiere! „Deshalb müssen gerade die klassischen Anbieter so schnell wie möglich Marketingkonzepte entwickeln und die neuen und alten Zielgruppen dort ansprechen, wo sie sich längst befinden, nämlich außerhalb gewohnter Schemata“, so Alex Wunschel. Firmen wie Mercedes, BMW, sogar der ]Playboy] machten es bereits vor. Selbst die Frankfurter Buchmesse wird mit einem eigenen redaktionellen Podcast eine neue Zielgruppenansprache wagen.

Moderation: BuchMarkt-Autor und Hoerothek-Gründer
René Wagner

„Content-to-go“ heißt die Devise, gefragt sind Inhalte für unterwegs – bei der Konferenz standen daher die Themen Mobilität und Individualisierung im Mittelpunkt. BuchMarkt-Autor und Hoerothek-Gründer René Wagner, der durch das Programm führte, begrüßte zahlreiche Vertreter von Buch-, Hörbuch- und Zeitschriftenverlagen, aber auch viele Medien-Dienstleister, Werbetöchter der Öffentlich-Rechtlichen, die Bayerische Landeszentrale für Neue Medien, Vertreter des ADAC ebenso wie von Jokers und Libri. Letztere bieten bereits erfolgreich Podcasts für ihre Kunden an, ebenso die ZEIT mit ihrem umfangreichen Audio-Angebot, die als Medienpartner die Konferenz begleitete.

Wie erfolgreich das neue Medienangebot sein kann, zeigt auch die zunehmende Professionalisierung bei den privaten Podcasts, die bisher eher als „esoterische Beschäftigung von Computerfreaks“ belächelt wurden. „Auch wenn es noch viele schlechte Podcasts gibt, so kann man doch eine klare Tendenz zu mehr Qualität feststellen“, erklärte Annik Rubens, im wahren Leben Larissa Vassilian. Sie ist freie Journalistin in München und produziert mittlerweile acht verschiedene Audio- und Video-Podcasts, darunter auch einen der beliebtesten bundesweit: „Schlaflos in München“ – mit bis zu 10.000 Hörern pro Folge. Sie hat mittlerweile sogar ein Buch über den Podcasting-Trend veröffentlicht (Verlag O’Reilly).

Beim Thema „Reisen und Hören“ ist die Entwicklung sogar schon so weit fortgeschritten, dass der Verkauf von akustischen Reise-Features und Audio-Guides nur noch zum kleineren Teil über den Tonträger CD geht – den Löwenanteil halte die nicht-physische Datei, offenbarte Matthias Morgenroth, Geschäftsführer des Verlags Geophon. Audio-Downloads sind hier nicht mehr wegzudenken, Gerätehersteller suchen stetig neue Inhalte, immer mehr Verlage steigen in den Markt ein – „langfristig auf Kosten der Qualität“, glaubt Morgenroth. Ein Beispiel für innovative Audio-Formate rund um die multimediale Reiseführung präsentierte danach Andreas Bock, Programmleiter bei der iPUBLISH Ganske Electronic Publishing GmbH. Er konzipiert den elektronischen Reiseführer „MERIAN scout NAVIGATOR“, der während der Routenführung von A nach B gleich die passenden Audio-Guides oder literarische Romane zu den jeweiligen Städten präsentiert.

Eine Lücke im Bereich Hörbuch und Wissensvermittlung besetzt hat der auditex Verlag aus Dresden: Komplexe Vorlesungen, Vorträge und Fachbücher werden nach lernwissenschaftlichen Gesichtspunkten audiovisuell so aufbereitet, dass ein Maximum an Informationen beim Rezipienten erhalten bleiben. Geschäftsführer Andreas Rossbach erklärte die unterschiedlich erfolgreichen Ansätze bei der Kombination aus Sehen, Lesen und Hören und präsentierte zwei gelungene Beispiele für eine adäquate Umsetzung.

Die Keynote der Konferenz – Volker Sassenberg, Autor und Produzent der preisgekrönten Hörspielserie „Gabriel Burns“, sprach über „Produktverhinderungsmechanismen“ in der Unterhaltungsindustrie – wurde von den Teilnehmern erwartungsgemäß kontrovers aufgenommen. „Das war auch so beabsichtigt, denn gerade dieses Beispiel zeigt, mit welchen Schwierigkeiten Medienmacher in unserer Gesellschaft zu kämpfen haben“, erklärte Buchakademie-Geschäftsführer Bernd Zanetti. Judith Horsch, die maßgeblich am Audiotorium mitgewirkt hatte, verwies auch auf die ungewöhnlichen Marketingaktionen, die die Hörspielserie zum Erfolg geführt hätten, z.B. Kooperationen mit dem Jugendsender Viva.

Diskussionsrunde: Suche nach einem Patentrezept

Um „ungehobene Schätze“ ging es in einer Diskussion über Hörbuch-Stoffe, die in öffentlich-rechtlichen Rundfunkarchiven schlummern. Karl-Richard Eberle, Geschäftsführer von Claudio.de, versuchte mit Hilfe der Diskussionsgäste ein Patentrezept, quasi eine Schatzkarte zu finden: Anke Leenings vom Deutschen Rundfunkarchiv Wiesbaden, Hörverlag-Chefin Claudia Baumhöver, Rechtsanwältin Kerstin Bäcker, Programmverwerterin Karina Lippmann vom Deutschen Rundfunkarchiv, MDR-Kultur-Chef Matthias Thalheim und Sonopress-Leiter Hans-Dieter Queren sprachen über die verschiedenen Wege bis zur Umsetzung einer schönen Idee, die leider oft steinig sein können. Man kündigte jedoch einhellig eine bessere Zusammenarbeit an, die in vielen Bereichen schon jetzt etabliert sei.

Zurück zum iPod: Den gibt es in den USA tatsächlich schon am Automaten zu kaufen – man zieht dort also keine Zigaretten, sondern MP3-Player. Selbst Hörbücher und PC-Spiele werden gerne am Automaten gekauft. Die Idee ist verlockend: Verkauf rund um die Uhr, diebstahlsicher, in der eigenen Buchhandlung oder an unabhängigen Standorten, und das ganz ohne Personal – zu schön, um wahr zu sein? Horst Schaffitzel-Wüstkamp, bei der Frankfurter Firma HNTV Projektleiter für den „multifunktionalen Verkaufsautomaten“, mahnt den „perfekten Standort“ an und gibt unumwunden zu, dass das Experiment bei Buch Habel am Darmstädter Marktplatz gescheitert sei. Nun suche man nach neuen Standorten – Verhandlungen mit Interessenten, auch Branchenführern, gebe es bereits.

Glücklicherweise gelingt es mehr und mehr, den Hörbuchmarkt mit seiner längst beeindruckenden Vielfalt (noch) bekannter zu machen. Anke Hardt als Vertriebsleiterin beim Hörverlag kämpft tatsächlich jeden Tag ums Hörbuch und versucht mit ihren Kolleginnen – wie auch die anderen, vor allem die großen Hörbuchverlage – Vertriebswege für neue und alte Zielgruppen zu finden. Ideen wie der Verkauf an Tankstellen, der vom Münchner audio media Verlag initiiert wurde, gehen den Hörbuchmachern nicht aus, doch bleibt der Buchhandel mit geschätzten 60 bis 70 Prozent Marktanteil der wichtigste Partner.

Genau diesen sucht zurzeit die Firma TechniSat aus Daun, deren eigentliche Domäne die Herstellung von digitalen TV-Empfangsgeräten ist. Als Betreiber eines Pay-Radio-Pakets mit unter anderem gleich drei Hörbuch-Sendern ist TechniSat vor einem halben Jahr auch unter die Produzenten gegangen: 300 Hörbücher mit Sachthemen, Klassikern und aktuellen Romanen sind schon fertig und werden eifrig beworben, aber vom Handel bisher zögerlich verkauft. „Wir haben eine gute Resonanz über unsere bundesweit 8000 TechniSat-Fachhändler, hätten aber gern vor allem auch den Buchhandel mit im Boot“, erklärt Prokurist und Abteilungsleiter Thomas Gruppe. „Unsere Hörbücher gibt es auch über Libri, Umbreit und Könemann.“
rw

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