Das Sonntagsgespräch Unabhängige Verleger diskutieren die Hotlist 2009

Am Tag der Longlist des Deutschen Buchpreises überraschten die Independents mit einer eigenen Liste – der Hotlist 2009.

„Da die Longlist vor allem auf bereits etablierte Autoren traditioneller Verlage setzt und das ‚Schattenkabinett von rund zwanzig weiteren sehr bemerkenswerten und auszeichnungswürdigen Romanen’ (Juryvorsitzender Hubert Winkels) leider im Dunkeln bleibt, bringt erst die Hotlist die Gegenwartsliteratur zum Leuchten – mit neuen Stimmen, die es unbedingt zu entdecken gilt“, hieß es in der Begründung [mehr…].

buchmarkt.de hat ein paar Verleger dieser Liste zusammengetrommelt, um das folgende Gespräch zu führen:

Ulrich Faure, buchmarkt.de: Klasse, dass die Indies mit der Hotlist endlich mal richtig Flagge zeigen, aber sind Sie sicher, daß die Perspektive in Richtung Longlist des Deutschen Buchpreises stimmt?

v.l.: Daniela Seel, Ricco Bilger, Anya Schutzbach, Jörg Sundermeier, Axel von Ernst

Axel von Ernst, Lilienfeld Verlag: Die Longlist ist nur der Anlass gewesen, es nun auch mit dem Marketinginstrument „Liste“ zu versuchen. Sie wird durch die Anzahl der Titel in gewisser Weise zitiert – aber an der Hotlist ist dann doch vieles ganz anders, so dass man nicht behaupten kann, sie würde die Longlist kopieren oder darauf fixiert sein.

Ricco Bilger, bilgerverlag: Der DBP ist, was und wie er ist, und geht seinen Weg. Sein Fokus geht auf einen interessanten Teil der deutschsprachigen Literatur, ohne Zweifel ein spannendes Fenster. Das ganze Gebäude LITERATUR ist allerdings gespickt mit Fenstern, die viele Blicke mehr auf die Literaturen erlauben, die in deutschsprachigen Verlagen erscheinen. Eines davon öffnen wir mit der HOTLIST. Das Feld wird weiter.

Jörg Sundermeier, Verbrecher Verlag: Ja, wir beziehen uns nicht allein auf den Buchpreis. Natürlich erscheint die Hotlist parallel zur Longlist und ist auch Reaktion auf diese, doch es geht uns darum diese neue Liste zu institutionalisieren, als Beleg unserer Leistung gewissermaßen.

Anya Schutzbach, weissbooks: Vielleicht ist die Erde eben doch nur eine Scheibe, und am Ende fallen wir alle am Horizont vom Teller… Was ich sagen will: Die Indies besegeln zwar die gleichen Gewässer wie alle anderen Verlage auch – aber mit eigenen Perspektiven, zuweilen. Und die aktuelle heißt nicht „Hafen Longlist“, sondern Unbekannte Insel.

Ulrich Faure: Ich meine damit: Der deutsche Buchpreis sucht die 20 besten deutschsprachigen Neuerscheinungen des laufenden Jahres, Sie kommen mit ausländischen Autoren und Schriftstellern, die längst das Zeitliche gesegnet haben. Da ist es dann doch Essig mit der Vergleichbarkeit, oder?

Ricco Bilger: So wäre es, wenn es um Vergleichbarkeit ginge, geht es aber (noch) nicht. Die HOTLIST 2009 ist vor allem ein Statement der unabhängigen Verlage: Es gibt uns. Auf Augenhöhe mit der Welt des DBP.

Daniela Seel: Der Buchpreis sucht den besten Roman, nicht die beste Neuerscheinung. Das ist aus Marketinggründen so gewollt, befördert aber eine Verengung der öffentlichen Aufmerksamkeit, die der Vielfalt gegenwärtiger literarischer Qualität absolut unangemessen ist. Tragischerweise hat die Jury zum Preis der Leipziger Buchmesse diese Verengung bislang jeweils kopiert und andere Gattungen und Formen ignoriert, obwohl die Kategorie „Belletristik“ hier ja deutlich breiter angelegt ist. Die ungleich wildere Mischung unserer Hotlist soll auch zeigen, dass literarische Qualität viel verschiedenartiger ist, als durch solche Kanonisierungsbemühungen suggeriert wird. Es gibt so wenig einen besten Roman wie es ein bestes Gedicht geben kann, oder ein bestes Obst. Das ist ja gerade das Schöne an der Kunst, oder der Evolution. Vergleichbarkeit ist schon auf der Ebene des Buchpreises eine Fiktion, wenn auch eine operationale.

Anya Schutzbach: Wollten wir der Longlist etwas entgegenstellen? Wollten wir eine Konkurrenzveranstaltung ausrufen? Wollten wir uns messen, uns vergleichen? – Ich sage: DAS wollen wir nicht.

Jörg Sundermeier: Wie gesagt, es geht nicht um Vergleichbarkeit. Es geht um die Leistungen der Independents. Wir verlangen, dass diese unbestrittenen Leistungen auch gewürdigt werden. Und dieses Verlangen verlangt Aktion.

Ulrich Faure: Ich hatte – Sie sehen es an meinen einleitenden Fragen – die Befürchtung, dass die Hotlist der Indies so ein bißchen als Beleidigtsein, weil man wieder nicht auf der Longlist steht, interpretiert werden könnte. Ich darf dazu sagen, daß ich einige Titel der Hotlist gelesen habe und sehr verwundert bin, dass sie nicht auf der Longlist auftauchen.

Anya Schutzbach: Das wundert mich auch! Aber das trifft eben nur für einen Teil der Hotlist-Titel zu; eine ganze Reihe von Hotlist-Titeln sind ja gar nicht „Deutscher Buchpreis“- kompatibel. Allein das unterstreicht schon die Nicht-Vergleichbarkeit.

Axel von Ernst: Unser Autor (Hans Adler – U.F.) beispielsweise ist seit 1957 tot, andere Empfehlungen der Liste sind Übersetzungen. Und andere gehörten vielleicht diesem „Schattenkabinett“ von zeitgenössischen deutschen Romanen an, von dem Hubert Winkels gesprochen hat.

Jörg Sundermeier: Na ja, ehrlich gesagt, nicht jeder Titel, bei dem es möglich gewesen wäre, ist auch eingereicht worden. Aber es freut uns, dass Sie so viele würdige Kandidaten auf unserer bescheidenen Liste finden. Wir finden sie dort auch.

Ulrich Faure: Das Ganze ist sicher ein Schnellschuss gewesen. Aus längerer Erfahrung weiß ich, dass es eigentlich einfacher ist, einen Sack Flöhe zu hüten, als zehn Indies unter einen Hut zu bringen. Wie haben Sie das trotzdem hingekriegt?

Daniela Seel: So wie sonst auch: Wer gerade Zeit und Energie hat, sich in eine Sache reinzuhängen, übernimmt einfach, die Abstimmungsprozesse laufen fix per Mail oder, seltener, Telefon und Treffen; und wer gerade nicht vorne dran ist, vertraut der Intelligenz der Kollegen im Sinne unserer gemeinsamen Interessen. Denn die Selbstorganisation sorgt in der Regel schon dafür, dass jeder sinnvoller Weise das übernimmt, wo er am nächsten dran ist und was er am besten kann. Und wofür sich niemand findet, das findet dann einfach nicht statt.

Jörg Sundermeier: Man macht einfach. Und dann machen andere mit. In diesem Fall hat Wolfgang Farkas von Blumenbar die Initiative ergriffen, ein paar haben geholfen, und binnen kurzer Zeit stand die Hotlist.

Ricco Bilger: In Zeiten der Piraterie und des Guerillamarketings sind die Kleinen, und das sind die meisten der Indies, halt auch die Schnellen und Beweglichen. Und wenn man den einzelnen nicht allzu viel Zeit gibt, um alles hin und her zu überlegen, dann ist ein Schuss aus dem Hüftgelenk die Lust eines Indie.

Axel von Ernst: Es ging sehr rasant und spontan – und die Arbeit an der Sache hat erst richtig begonnen. Die Wendigkeit der Kleinen muss sich jetzt noch weiter bestätigen. Flöhe wirken vielleicht manchmal chaotisch, aber sie sind genauso gut auch hartnäckig und zäh.

Anya Schutzbach: Und es gibt ein paar ausgewiesene Flohspezialisten unter uns, und sogar den ein oder anderen Flohzirkusdirektor.

Ulrich Faure: Gab es schon beleidigte Reaktionen von Kollegen, die nicht auf der Hotlist sind? Denn: Mir fallen aus dem Stand noch mindestens 20 kleinere Verlage ein, die zumindest verdächtig sind, Hotlisttaugliches veröffentlicht zu haben? Was andererseits sagt: Das Spektrum ist in Wahrheit noch viel größer?

Ricco Bilger: Beleidigte Reaktionen meines Wissens nicht, einige haben sogar gratuliert und ihr Interesse angemeldet, künftig mit dabei zu sein. Für SWIPS, das sind die Indies der Schweiz ist das ganze zudem ein beispielhaftes Agieren im Hinblick auf den Schweizer Buchpreis, der in diesem Jahr ja auch zum zweiten Mal verliehen wird und bei dem ähnliches zu erwarten ist. Mit drei ch-Titeln auf der Hotlist sind wir übrigens stärker und repräsentativer präsent, als das ch-Titel je auf der Longlist waren.

Anya Schutzbach: Aus dem Stand – und das ist wörtlich zu nehmen – haben sich hier 20 Verlage auf die Hotlist katapultiert, die einfach im richtigen Moment am richtigen Ort waren. Anders ausgedrückt: Diese Liste ist eine (fast) rein zufällige. Sie atmet daher den Charme der Willkür, einer gewissen political incorrectness; sie erhebt keinen Anspruch auf Unfehlbarkeit, sie ist unorthodox, sie ist angreifbar (wie im übrigen auch jede andere über Monate hinweg austarierte Liste angreifbar ist). Sie ist aber auch: Spiegel einer Vielfalt, sie zeigt das Profil dessen, für was die Indies stehen, und wird dadurch exemplarisch.
Das Spektrum ist vielleicht nicht mehr sehr viel größer als das, was sie jetzt abbildet; wohl aber ist die Menge der Verlage, die darüber hinaus zu nennen wären, sehr viel größer.
Das werden wir im nächsten Jahr sehen.

Jörg Sundermeier: Ja, das Spektrum ist wesentlich größer. Wir etablieren diese Hotlist nun, und nächstes Jahr wird sie weniger eilig gestrickt werden. Aber, ehrlich gesagt, schon jetzt ist sie sehr gut.

Axel von Ernst: Und eine Liste von 20 wird immer ungerecht bleiben, erst recht, wenn es keine Beschränkung auf ein Genre usw. geben soll. Aber eine größere Liste wäre nicht zu überblicken und könnte keine Wirkung entfalten. Jenseits eines Urteils geht es eher um Aufmerksamkeit für die Vielfalt – und da sollte die Hotlist jeweils in verschiedene interessante Ecken mit interessanten Flöhen leuchten.

Ulrich Faure: Wie waren die ersten Reaktionen auf die Hotlist von Presse und Handel?

Ricco Bilger: Phänomenal. The indie-planet strikes back!

Anya Schutzbach: Neugierig, positiv, unterstützend. Bislang keine Mäkler, Zweifler, Pessimisten. Kein Desinteresse, keine Indifferenz. Eher ein: Wie können wir auch dabei sein?

Jörg Sundermeier: Wir haben viel Unterstützung erfahren, gerade aus dem Handel. Kleinere Buchläden und große Ketten, alle haben die Idee begeistert aufgenommen.

Axel von Ernst: Es gab natürlich auch Fragen, z. B. natürlich, ob die Hotlist Kritik an der Longlist sei. Andere missverstanden die Pressemeldung zunächst so, als ob Hubert Winkels die Titel der Hotlist mit ausgewählt hätte. Aber in jedem Fall war sehr großes Interesse da, viele Zeitungen haben die Meldung gebracht, Händler haben die Liste sofort auf ihren Internetseiten integriert usw.

Ulrich Faure: Ich habe so ein bißchen den Eindruck, dass die Geschichte ein gewisses Eigenleben entfaltet hat; wie soll es jetzt weitergehen?

Anya Schutzbach: Die letzten Tage waren gekennzeichnet von einer ordentlichen E-Mail-Sturmflut; eine Telefonkonferenz am Donnerstag hat erste Bojen gesetzt, Anfang der nächsten Woche sollen alle wesentlichen Entscheidungen feststehen und auch nach außen kommuniziert werden.

Ricco Bilger: Das haben Schneebälle oft so an sich. Am richtigen Hang ins Rollen gebracht, wird schnell einmal eine prächtige Lawine daraus. Konkret: alle Reaktionen auf den Schnellschuss, sei es von Seiten der Presse, der Sponsoren, der Medienpartner, natürlich auch von Seiten der literarischen Welt, zeigen eins: Es ist die richtige Geschichte, zum richtigen Augenblick, am richtigen Ort erzählt. Wir ziehen das jetzt durch, bereiten den Boden, die HOTLIST 2010 winkt bereits von ferne.

Ulrich Faure: Generell zur Situation der Indies: Wie ich von Vertretern höre, ist man in diesem Jahr mit der Reise wesentlich zufriedener als in den Vorjahren. Ist das auch Ihr Eindruck? Sollte der lange erwartete Zustand eingetreten sein, daß der Kunde in Zeiten enger werdender Finanzen sich eher auf literarische Titel als auf austauschbare Bestsellerei konzentriert?

Jörg Sundermeier: Es läuft besser, ja. In Zeiten der Krise hat man mehr Geld für Gutes, da weniger Geld für Quatsch. Davon profitieren wir.

Ricco Bilger: Ich kann nur für den Bilgerverlag reden: Wir hatten 2008 unser bei weitem bestes Jahr und sind 2009 bis jetzt zumindest auf Augenhöhe mit 2008. Und es warten ja noch vier heiße Monate. Ja, das Interesse an Büchern außerhalb des breiten Mainstreams ist augenfällig, und noch etwas, das besonders für die Schweiz zählt, wo es vielleicht noch ein halbes Dutzend Foren gibt für Buchvorstellungen: Die Leute wollen mehr, sie wollen anderes. Das erlebe ich übrigens täglich in meiner Buchhandlung. Als Verleger auch Buchhändler zu sein, gibt einen lehrreichen und spannenden Blick außerhalb des rein verlegerischen.

Axel von Ernst: Möglicherweise tritt gerade eine Entwicklung wie auf dem Markt mit Bioprodukten ein. Die Gruppe der bewusst kaufenden Kunden wächst bzw. kann wachsen. Die Leute suchen danach und können es bisher noch nicht immer finden. Hier wird im Buchhandel noch jede Menge Potential verschenkt.

Ulrich Faure: Sollte diese These stimmen: Was bedeutet das für die Indies im Umgang mit Buchhandels-Filialisten?

Jörg Sundermeier: Diese kommen auf uns zu. Gut, gell?

Ricco Bilger: Wir werden nicht nur inhaltlich, sondern auch wirtschaftlich zu einem ernst zu nehmenden Faktor. Das hat natürlich auch mit der Eleganz unseres Auftretens zu tun. Wir sind gewissermaßen the pirates of the caribbeans der Literatur. Und wer will schon nicht gerne mit Captain Sparrow aufs Foto? Die HOTLIST ist demzufolge, um in dieser Metapher zu bleiben, die BLACK PEARL der Verlagswelt.

Ulrich Faure: Sind Sie sicher, dass bis Jahresende alle Indies, die sich auf der Hotlist für die Indies stark machen, auch tatsächlich noch Indies sind?

Ricco Bilger: Ändert es etwas am Weg der Karawane, wenn der eine oder andere wegfällt? Es kommt sicher an deren Stelle der eine und die andere neue dazu. Das liegt in der Natur der Indie-Sache.

Axel von Ernst: Sie spielen auf die Gerüchte um Blumenbar und den Berlin Verlag an – aber an solchen Entwicklungen ist nichts wirklich Anrüchiges. Ammann beispielsweise gilt als unabhängiger Verlag, aber der gesamte Vertrieb fußt auf Fischer. Fortschritt ist nicht per se zu kritisieren.

Jörg Sundermeier: Ja. Fraglich ist eher, ob noch alle auf der Hotlist 2010 auftauchen können, Urs Engeler beispielsweise wird ja leider nicht mehr dabei sein …

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