Veranstaltungen Sonja Vandenrath bei den Bücherfrauen Frankfurt

Im Rahmen der Reihe Frauen in der Frankfurter Literaturszene war am 7. November die Leiterin des Literaturreferates der Stadt Frankfurt, Sonja Vandenrath, zu Gast. Im Mai hatte die Übersetzerin Ursula Gräfe die neue Reihe eröffnet.

Manuela Kupfer, Sonja Vandenrath und Katharina Schmidt

Katharina Schmidt von den Bücherfrauen der Regionalgruppe Frankfurt begrüßte die Gäste im Lesecafé in der Diesterwegstraße: „Seit 1990 gibt es die Bücherfrauen, wir sehen uns vor allem als Netzwerkerinnen und haben ein Motto: Die Branche ist weiblich.“ Knapp 70 Frauen gehören der Regionalgruppe, deren Sprecherin Manuela Kupfer ist, an.

Schmidt wies außerdem auf das Mentoringprogramm Einsteigen, Aufsteigen hin, das 2020 in Kooperation mit der Regionalgruppe Rhein-Neckar in die fünfte Runde startet. Das Programm bietet dem Nachwuchs die Chance, ein Jahr lang mit einer erfahrenen Bücherfrau den eigenen Berufsweg in der Branche zu entwickeln. Mehr dazu ist auf der Internetseite buecherfrauen.de nachzulesen, die Bewerbungsfrist wurde bis zum 20. November verlängert.

„Die Bücherfrauen sind ein wichtiges Netzwerk“, stellte Sonja Vandenrath zu Beginn des Gesprächs mit Katharina Schmidt fest. „Oft werden gerade Frauen gefragt, wenn es den Verlagen schlecht geht“, äußerte die Referatsleiterin und ergänzte: „Es ist aber auch eine Chance für Frauen.“

Sonja Vandenrath wurde in Bonn geboren, studierte nach dem Abitur in Bonn von 1985 bis 1994 Germanistik, Geschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin. „Literatur spielte bei mir immer eine Rolle. Das ist heute für die jungen Leute eher eine Anstrengung“, sagte die Expertin. Aber Vandenrath wollte auch von Beginn an „breit aufgestellt im Kunst- und Kulturbereich arbeiten“. Sie absolvierte noch während des Studiums ein Praktikum in der Hörspielabteilung des NDR und beim Goethe-Institut in Madrid. Aber sie blieb Berlin treu: „Berlin zur Wendezeit war wahnsinnig aufregend. Da wollte ich mitmischen“, erzählte sie. Die Stiftung für  kulturelle Weiterbildung und Kulturberatung bot der damaligen studentischen Hilfskraft entsprechende Möglichkeiten. „Die Arbeit der Stiftung hatte das Ziel, ehemalige DDR-Kultureinrichtungen auf Westniveau zu bringen. Das war zum Teil mit Kränkungen verbunden. Menschen wurden auf alten Werksgeländen ‚zwischengeparkt’. Es ist viel passiert, was sich heute rächt“, bemerkte Vandenrath kritisch.

Ihre Magisterarbeit hatte den Titel Theorien des Erhabenen vor Kant, ihre Dissertation befasste sich mit Privater Literaturförderung. Sie war Teil eines von der DFG geförderten Projektes über Literatur in der Marketinggesellschaft, das an der Humboldt-Universität Berlin angesiedelt war. Eigentlich wollte sie ins polnische Krakow, hat aber zunächst noch ein Praktikum im sächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst in Dresden absolviert. „Mich hat das neue Kulturraumgesetz interessiert, ein innovatives Modell der Kulturfinanzierung, das in Sachsen kurz nach der Wende eingeführt wurde.“ In das kulturpolitische Reformpaket gehörte auch die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen, in der Vandenrath nach dem Praktikum für fünf Jahre als Projektreferentin tätig war. Das Bundesland Sachsen mit seiner reichen Kulturlandschaft und ihrem Umbruch durch die neuen Strukturen hat sie gereizt: „In der Zeit habe ich nicht nur Sachsen sehr gut kennengelernt, sondern auch festgestellt, wie wichtig die Förderung eines kulturellen Angebotes auch außerhalb der urbanen Zentren ist. Selbst kleine Beiträge erzeugen hier eine große Wirkung.“

Ihre nächste Station war das Einstein Forum Potsdam, das mit seinen Konferenzen und Lectures in den neunziger Jahren ein Zentrum des intellektuellen Diskurses in Berlin und Brandenburg war.

2006 war die Stelle eines Literaturreferenten beim Kulturamt der Stadt Frankfurt ausgeschrieben, Vandenrath bewarb sich erfolgreich. „Lesen war damals in Berlin aufgeladen mit Coolness, es gab diverse Szenen und Locations, Literatur wurde Teil der freien Szene. Das war in Frankfurt nicht so. Der erste Mensch, der mir in der Frankfurter Szene begegnete, war Dirk Hülstrunk. Wir sind noch heute gut befreundet.“ Vandenrath wollte die freie Szene am Main entwickeln. „Aber Fördergelder alleine reichen nicht, es braucht vielmehr Menschen, die etwas anstoßen. Meist passiert das ehrenamtlich“, schätzte die Fachfrau ein.

2008, im zweiten Amtsjahr von Vandenrath in Frankfurt, beschloss der Suhrkamp Verlag, nach Berlin zu ziehen. „Die Presse entfachte einen Furor. Dass eine auratische Marke wegzieht, war schwierig für Frankfurt“, äußerte die Expertin. Aber die Wellen glätteten sich wieder.

Seit 1975 gibt es zur Buchmesse die Veranstaltung Literatur im Römer. Sie hat nichts an Zugkraft eingebüßt. Seit 2002 gibt es das biennal stattfindende Festival literaTurm, das Vandenrath fortsetzte und weiterentwickelte. 2009 fanden zum ersten Mal die von ihr initiierten Frankfurter Lyriktage statt, sie stehen ebenfalls alle zwei Jahre im Literaturkalender. In diesem Jahr wurden sie durch den Festivalkongress Fokus Lyrik ersetzt, der sich mit allen Facetten des zeitgenössischen Gedichts befasste und bundesweite Bedeutung erlangte. Der zehnte literaTurm steht also im März 2020 an, schon jetzt ist der mit insgesamt drei hauptamtlichen Mitarbeitern besetzte Fachbereich Literatur mit der Vorbereitung beschäftigt.

2008 hatte Vandenrath die Idee zum Lesefest Open Books während der Frankfurter Buchmesse, angelehnt an Leipzig liest – und doch ganz anders. „Bei den Veranstaltungen 2019 hatten wir 19.000 Besucher. Besonders gut kam Open Books Kids – in diesem Jahr in dritter Auflage – an“, berichtete die Fachfrau. Eine weitere Reihe, die sie aus der Taufe gehoben hat, ist Frankfurter Premieren, bei der meist Frankfurter Autoren in der Villa Metzler oder in der Ausstellungshalle Schulstraße Novitäten vorstellen. Die Reihe gibt es seit 2011.

„80 Prozent meines Jobs sind Kommunikation“, sagte sie. Ob sie denn mit anderen Literaturbeauftragten in Verbindung stehe, fragte Katharina Schmidt. „Es gibt deutschlandweit nicht so viele Stellen, die bei den Städten angesiedelt sind und operative mit fördernder Tätigkeit verbinden. Ihr Stellenzuschnitt ist auch Ausdruck der besonderen Bedeutung des Buches und der Literatur für das kulturelle Selbstverständnis Frankfurts“, äußerte die Expertin.

Für die Zukunft wünscht sie sich mehr junge Leute mit eigenen Ideen. Formate wie etwa text&beat sind geprägt durch eine bestimmten Generation. Es wäre schön, wenn sich Studierende der Goethe-Universität oder young professionals noch mehr engagierten. „Jedes Format hat seine Zeit“, bemerkte Vandenrath.

Ihr stehen 70.000 Euro Fördergelder jährlich für Projekte zur Verfügung: „Die Vergabe muss transparent und nachvollziehbar sein“, betonte sie. Seit 2006 hat die engagierte Literaturbeauftragte eine Million Euro an Drittmitteln für die eigenen Projekte eingeworben.

Und wann gibt es den meisten Stress?, möchte eine Frau aus dem Publikum wissen. „Immer vor Drucklegung der Programme. Ich will sowohl bei den Veranstaltungen als auch im Umfeld hohe Qualität. Denn gerade Frankfurt verzeiht einem Unterforderung nicht.“

Nach langen Jahren der Dozententätigkeit an der FU Berlin und der Goethe-Universität hat sie sich vor kurzem aus dem Lehrbetrieb zurückgezogen, um künftig mehr zu anderen Festivals zu reisen. Und um natürlich noch mehr Zeit mit guten Büchern verbringen zu können; gleichsam als Lebenselexier.

JF

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