Veranstaltungen Songmissverständnisse und Provokationen

Günter Krause begrüßt das Publikum

Eigentlich war für den Abend Wenn Hits uns durcheinanderbringen mit dem Autor Michael Behrendt, initiiert von Günter Krause, Bücher vorOrt in Frankfurt-Fechenheim, das „Weinkontor im Schwan“ vorgesehen. Doch die Veranstaltung war so schnell ausgebucht, dass man sich entschloss, ins größere „Schwan Gesellschaftszimmer“ umzuziehen. Gute Entscheidung.

Günter Krause, der nebenbei selbst musiziert, fiel das Buch Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en von Michael Behrendt, 2019 bei der wbg Theiss erschienen, in die Hände. Der Autor hatte 2017 bereits I Don’t Like Mondays. Die 66 größten Songmissverständnisse im gleichen Verlag veröffentlicht. Krause stellte die Novität ins Schaufenster, Journalistin Martina Metzner sah das und informierte den ihr bekannten Autor. Die Idee, eine Veranstaltung zu entwickeln, lag auf der Hand. „Irgendwie hat jeder Anteil, dass dieser Abend zustande kam“, sagte Krause zur Eröffnung und bedankte sich bei allen Helfern und den Inhabern des „Schwan Gesellschaftszimmers“, Ilona Liebchen und Michael Oelmüller.

Martina Metzner stellte Michael Behrendt kurz vor. Er hatte seine Magisterarbeit über Patti Smith geschrieben, promovierte über englische und amerikanische Rockmusik und arbeitet gegenwärtig freiberuflich als Lektor und Autor. Außerdem betreibt er den Songblog tedaboutsongs.

Beispiele zu Songmissverständnissen liegen oft in der Sprache – schon bei den Deutschen wie Niedeckens BAP und Herbert Grönemeyer muss man echt die Ohren spitzen. Da liegt es fast nahe, dass man bei Totos Titel Africa statt I bless the rains down in Africa auch mal I left my brain down in Africa verstehen kann. Grundlage für die irrwitzigsten Verschwörungstheorien.

Um ein Mädchen geht es bei Mary Jane’s Last Dance, aber es ist auch die englische Übersetzung von Marihuana. Besingen Tom Petty & The Heartbreakers da doch Drogen? Mit White Rabbit schaffte es Jefferson Airplan an der Zensur vorbei ins Radio. „Da spielt selektive Wahrnehmung eine Rolle, wenn alle an das Kaninchen aus Alice im Wunderland denken“, sagte Behrendt. Tatsächlich von dieser Geschichte inspiriert waren die Beatles bei Lucy In The Sky With Diamonds. Bis heute bringen viele den Song mit LSD in Verbindung. Allerdings gab Paul McCartney 2004 in einem Interview auch zu, es sei doch das Halluzinogen thematisiert worden. Apropos Paul McCartney. Verschwörungstheorien behaupten, er sie bei einem Autounfall ums Leben gekommen und 1966 durch ein Double ersetzt worden. Um diese Theorie zu stützen, müssen viele Plattencover der Beatles herhalten.

Dass der Hintergrund des Songs I Don’t Like Mondays von The Boomtown Rats (Text: Bob Geldof) nicht eine weit verbreitete Aversion gegen den Wochenbeginn thematisiert, sondern den Amoklauf der 16-jährigen Brenda Ann Spencer, ist allgemein bekannt.

Ebenso geht es in My Name Is Luka von Suzanne Vega nicht um eine beiläufige Hausbekanntschaft, sondern um Kindesmisshandlung. „Beides sind ganz bittere Geschichten“, sagte Michael Behrendt, der stets die Songs, über die er sprach, auch anspielte.

Missverständnisse gibt es bei deutschen Liedern natürlich ebenfalls: Griechischer Wein (Udo Jürgens) war einst ein Lied, das vom Heimweh griechischer Gastarbeiter erzählte. Es ist zum Sauflied verkommen.

Schief gehen kann einiges, wenn man nicht genau zuhört. Beispielsweise bei Unbelievable von EMF. „Der Song wurde für Autowerbung verwendet. Leider ist das Unglaublich eher eine Abfuhr als ein Ausdruck von Begeisterung“, erklärte Behrendt.

Ähnlich schief ging es mit Mmm Mmm Mmm Mmm von den Crash Test Dummies. Beschrieben wird das Leid eines Kindes, nicht – wie in der Werbung – der gute Geschmack einer Käsesorte.

Missbraucht wurde der Titel Gekommen um zu bleiben von Wir Sind Helden von der NPD Thüringen im Wahlkampf 2014. Die Band erwirkte eine einstweilige Verfügung gegen diese Vereinnahmung.

Allen wahrscheinlich bekannt ist die tanzende Kanzlerin nach ihrem Wahlsieg 2013 zu Tage wie diese von den Toten Hosen. „Merkel rief Campino ein paar Tage später an und entschuldigte sich“, erzählte Behrendt. Die Toten Hosen sahen es gelassen und spöttisch.

Frivol wird es bei Les Sucettes, geschrieben von Serge Gainsbourg, 1966 gesungen von France Gall. Später beteuerte die Sängerin, dass ihr die Doppeldeutigkeit des Textes nicht bewusst gewesen sei. Und den meisten Zuhörern ebenfalls nicht.

Michael Behrendt

„Provokationen in Songs richteten sich in den 1960er Jahren gegen Krieg, Unfreiheit, Ungleichheit. Die Punk-Band Sex Pistols (Anarchy In The U.K.) verstörte und irritierte; „manchmal mit völlig hirnrissigen Texten“, sagte Behrendt. 2016 verbrannte Josef Corre, Sohn des Pistols-Managers Malcolm McLaren und der Mode-Designerin Vivienne Westwood, seine millionenschwere Punk-Sammlung. Punk soll nie nostalgisch werden, lautete seine Begründung.

Heute geht es im Gangsta Rap eher um Antisemitismus, Homophobie, Frauenfeindlichkeit. „Es gibt erhebliche Unterschiede zwischen den Rappern“, bemerkte Behrendt und kam auf den Echo-Skandal 2018 zu sprechen. Ein kurzes Stück von 0815 von Kollegah und Farid Bang mussten sich die Zuhörer anhören, dann reichte es aber auch. Natürlich stellt sich die Frage, wie man damit umgehen soll. Behrendt äußerte sich dazu: „Wir sollten nicht verbieten, sondern darüber reden.“ Ein Unterschied zwischen Spiel und Ernst sei bei den Texten manchmal ein schmaler Grat. Geschafft haben die Rapper, dass es den Echo, bei dem es um Verkaufszahlen ging, nun nicht mehr gibt.

Es war ein absolut unterhaltsamer und aufschlussreicher Abend. Eine wirklich gute Idee der Buchhandlung und ihrer Mitstreiter.

JF

Günter Krause, Michael Behrendt und Martina Metzner

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