Veranstaltungen Shortlist-Lesung in Frankfurt

Die Bücher der Shortlist

Gestern Abend fand im Literaturhaus Frankfurt zum fünften Mal die Präsentation der Autoren der Shortlist für den Deutschen Buchpreis statt. In diesem Jahr eine Zwei-Drittel-Shortlist: Die Schriftsteller Ernst Augustin und Wolfgang Herrndorf konnten aus persönlichen Gründen nicht dabei sein.

Nach der Eröffnung durch den Hausherrn Hauke Hückstädt begrüßte Kulturdezernent Prof. Dr. Felix Semmelroth die Gäste zum „langen Abend der kurzen Liste“, eine Veranstaltung des Kulturamts Frankfurt und des Literaturhauses mit dem Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Partner.

Wie begehrt dieser Abend ist, zeigte der Ansturm auf die Karten; die waren innerhalb von 24 Stunden ausverkauft.

Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins, hob die Bedeutung des 2005 eingerichteten Deutschen Buchpreises hervor: „Eine Jury, die jährlich wechselt, maßt sich an, den besten Roman des Jahres zu küren. Das aber ist nicht das Ungeheuerliche, sondern es ist das Interesse, das auf den deutschsprachigen Roman gelenkt wird.“

Die Leserunde eröffnete Clemens J. Setz im Gespräch mit Maike Albath, Deutschlandradio. Sein Roman Indigo, erschienen im Suhrkamp Verlag, beschreibt ein krankhaftes Phänomen. „Das Indigo-Syndrom ist eine sehr alte Vermutung von mir“, erklärte der Autor die Idee. Er vergleicht die Indigo-Kinder mit Fledermäusen, die wie fliegende Schnurbärte aussehen und auf Distanz blieben. Zu den Protagonisten seines Romans erläuterte Setz: „Ich möchte meine Figuren nicht dafür bestrafen, dass sie mir eingefallen sind.“ Der in Graz geborene studierte Mathematiker zieht Parallelen zwischen der Mathematik und der Literatur, die sich für ihn im Begriff des Bestiariums begegnen.
Maike Albath spielte auf den Einfluss der Star Trek- und Batman-Serien auf den Roman an. Clemens J. Setz mag Sprüche wie: „Sprachen sind der Schlüssel zum Weltfrieden“ und weitere Lebensweisheiten von Batman. „Es sind nützliche kleine Weisheiten“, bemerkte der Autor.
Das Buch wurde von der Autorin Judith Schalansky gestaltet. „Es war herrlich, als ich das Buch zum ersten Mal sah“, freute sich Setz kam auf den Eindruck von Frakturschrift zu sprechen. Sie sehe aus wie Buchstaben in Reizwäsche.

Ulf Erdmann Ziegler und Gerwig Epkes, SWR 2, bestritten die nächste Runde. Der aus Neumünster/Holstein stammende Autor kennt genau wie der Moderator die Provinz, die Epkes als stets gleiche Abfolge der Ereignisse Tagesschau, Erscheinen des „Spiegels“ und der „Zeit“ erinnert. „Und trotzdem ist aus Ihnen etwas geworden“, kommentierte Ziegler. Das Publikum applaudiert.
Die zu seinem Bedauern nicht von Ziegler stammende Bezeichnung „Autogeografie“ spielt auch in Nichts Weißes, erschienen im Suhrkamp Verlag, eine Rolle. Der Roman ist in Neuss, in einer ganz normalen Siedlung, verortet. Dabei sind die Namen der Protagonisten – beabsichtig oder nicht – Programm. In dichter Abfolge wird von Marleen berichtet, einer jungen, gegenwärtigen Frau, die ihren Weg mutig voranschreitet und sich nicht beirren lässt.
Die Nominierung für den Buchpreis sieht Ulf Erdmann Ziegler erfreut und gleichzeitig gelassen: „Wenn ich den Buchpreis nicht kriege, wird eine Fernsehserie draus.“

Die schwierige Rückkehr eines jüdischen Emigranten ins zerstörte Nachkriegsdeutschland schildert Ursula Krechel in Landgericht, publiziert im Jung und Jung Verlag. Auf die Frage von Maike Albath, wo denn der Reiz bei der Beschäftigung mit Juristen liege, antwortet Krechel, dass sich sowohl Juristen als auch Schriftsteller mit Sprache beschäftigen, an ihr feilen. Die Sprache der Juristen sei für sie fremd und deshalb interessant gewesen. Zudem wollte die Autorin herausfinden, wie die Menschen damals dachten, wie sie schrieben und redeten. Erschreckend sei für sie die Tatsache gewesen, dass die gleichen Menschen, die zugesehen haben, als ihre Nachbarn abtransportiert wurden, nun über das Schicksal jüdischer Rückkehrer entschieden. „Das ist beschämend“, stellte Krechel fest, die über die Härte der Behörden in den 1950er Jahren, auf die sie bei ihren Recherchen stieß, erstaunt war.

Stephan Thome, der bereits mit seinem Debütroman Grenzgang 2009 auf der Shortlist stand, ist in diesem Jahr mit Fliehkräfte, ebenfalls im Suhrkamp Verlag erschienen, erneut nominiert. Im Gespräch mit Alf Mentzer, hr2-kultur, bekannte der Schriftsteller: „Beim zweiten Buch war keine ‚Ochsentour‘ durch die Verlage mehr notwendig. Das war angenehm.“ Die Idee zum Buch hatte er schon lange im Kopf. Der Protagonist des neuen Romans ist ein Philosoph, dessen „Leben zerbröselt“. Ein Endfünfziger, unzufrieden mit Beruf und Ehe. „Nicht jede Unzufriedenheit hat etwas mit Jugend zu tun“, wandte Thome ein, selbst studierter Philosoph und Sinologe. Doch es gehe nicht um den Beruf, von dem man möglicherweise auch falsche Vorstellungen habe.
„Warum misslingt Kommunikation?“, fragte Alf Mentzer, denn dieses Thema nimmt im Roman viel Raum ein. Thome hat darauf keine Antwort, vermutet sogar, dass misslingende Kommunikation der Normalfall sei. Auf seine Sätze „Machen wir uns nichts vor, dachte er grimmig, Prinzipientreue ist die Tofuwurst unter den Tugenden. Fleischlos und fade“, angesprochen, gestand Thome: „Das ist ein echt schöner Satz, darauf habe ich etwas getrunken.“
Immer wieder spiele Biedenkopf respektive Bergenstadt eine Rolle in seinen Büchern, stellte Mentzer fest. „Gibt es irgendwann einmal, vielleicht nach 25 Büchern, eine Geschichte Biedenkopfs?“, fragte der Moderator. „Das klingt nicht sehr verlockend“, antwortete Thome.

Es war ein kurzweiliger Abend, der Eindrücke von drei Schriftstellern und einer Autorin und ihren Romanen, die für den Deutschen Buchpreis nominiert sind, vermittelte. Wer mehr wissen wollte, konnte sich alle Bücher am Stand im Literaturhaus kaufen.

JF

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