Björn Bedey im Gespräch über die Idee ... … „Shakespeares Enkel“: Eine Buchhandlung nur mit Büchern aus kleinen unabhängigen Verlagen

Björn Bedey: „Eine Buchhandlung, in der eine größere Bandbreite des Portfolios kleinerer, unabhängiger Verlage abgebildet wird, ohne vom marktbeherrschenden Auftritt der Konzernverlage überstrahlt zu werden, ist daher ein Traum“

Heute wird unter dem Namen Shakespeares Enkel in Dresden eine Buchhandlung eröffnet, die ausschließlich Bücher und Produkte kleinerer, unabhängiger Verlage im Regal stehen haben soll. Das hatten wir am Donnerstag gemeldet und das war Anlass für ein Gespräch mit Björn Bedey. Der Verleger  des acabus-Verlages  ist neben Katharina Salomo (salomo publishing), Nadine Reuter (Lysandra Books) und Holger Kliemannel (Edition Roter Drache) einer der vier Initiatoren des ungewöhnlichen Buchhandelsprojektes:

In „Shakespeares Enkel“ sollen sich ausschließlich Bücher und  bzw. Verlagsprodukte kleinerer, unabhängiger Verlage wiederfinden. Welche Idee steckt dahinter?

Björn Bedey: Das Thema „Wie komme ich ins Sortiment?“ ist für kleinere Verlage stetig relevant – aber auch recht kompliziert. Denn der Sortimentsbuchhandel listet unsere Bücher eher selten. Die Gründe dafür sind vielfältig und aus wirtschaftlicher Sicht und hinsichtlich räumlicher Kapazitäten sicherlich nachvollziehbar. Hiervon ausgenommen sind unter Umständen Regionalia oder Bestellungen durch persönliche Kontakte zu Sortimentern, die man als Verleger(in) gerne und intensiv vor Ort pflegt. Wir unabhängigen Kleinen verkaufen daher eher online, auf Kundenbestellung und direkt, also auf Messen bzw. bei Veranstaltungen.

Uns da spüren Sie, dass Sie durchaus einen Markt haben?

Genau, unsere daraus resultierende Erfahrung zeigt, dass unsere Bücher sehr gern gekauft und gelesen werden – wenn denn die potenzielle Leserin bzw. der potenzielle Leser sie nur findet. Eine Buchhandlung, in der eine größere Bandbreite des Portfolios kleinerer, unabhängiger Verlage abgebildet wird, ohne vom marktbeherrschenden Auftritt der Konzernverlage überstrahlt zu werden, ist daher ein Traum…

… der von den Sortimentern in den meisten Fällen nicht erfüllt werden kann.

Ja, aber das wissen wir und haben natürlich auch Verständnis für die wirtschaftlichen Belange und Entscheidungen der Sortimenter. Aber deshalb  müssen wir uns als Kleine  andere Vertriebswege suchen oder diese eben selbst schaffen.

Wie zum Beispiel durch die Eröffnung einer Verlagsbuchhandlung?

Wieder ja, mit der hoffentlich genau diese Ziele erfüllt werden. Das ist unser Antrieb, unsere Motivation für dieses Projekt.

Wer steht hinter der Idee?

So ein weitreichendes Unterfangen kann kein Verleger bzw. keine Verlegerin allein bewerkstelligen. Es ist nur möglich, wenn sich mehrere zusammentun und so gemeinsam die Kraft entwickeln, es finanziell, organisatorisch und personell zu stemmen. Der erste Gedanke – nämlich die Gründung einer Genossenschaft – erwies sich leider für die Gründungsphase als zu kostenintensiv und aufwendig. Daher haben für den Start vier mittelständische Verleger bzw. Verlegerinnen die unternehmerische Hauptverantwortung für das Projekt übernommen: Katharina Salomo von salomo publishing (Dresden), Nadine Reuter vom Lysandra Books Verlag (Dresden und Leipzig), Holger Kliemannel von der Edition Roter Drache (Remda-Teichel) und Björn Bedey vom Acabus Verlag (Hamburg). Aber unser  Vorhaben wäre ohne die Unterstützung zahlreicher Mitstreiter aus der Verlagsbranche nicht denkbar, die mit viel Herzblut dieses Projekt mittragen und gestalten.

So wurde das Projekt angekündigt

Die Verlage, deren Bücher sich großteils im Laden finden, hatten wir vorgestern  gemeldet. Aber wie haben sich die Mitstreiter zusammengefunden?

Es gibt eine Vielzahl kleiner, unabhängiger Verlage in Deutschland. Eine gewisse Anzahl engagiert sich nun schon über Jahre auf den gleichen (regionalen und überregionalen) Messen und gemeinsamen Veranstaltungen, zum Beispiel Leipziger Buchmesse, Independent Krimi-Nacht usw. Dieses fast schon familiäre Wirken und der damit verbundene kollegiale und sehr vertrauensvolle Austausch untereinander ließ viele gute und fruchtbare persönliche Kontakte entstehen und die Überzeugung, die Idee einer Verlagsbuchhandlung nur für unabhängige Verlage gemeinsam anzugehen. Wir konnten also im ersten Schritt auf zahlreiche persönliche Beziehungen zurückgreifen.

Die Begeisterung für die Idee zeigt, wie weitreichend dieses Netzwerk bereits geworden ist, das war mir gar nicht so bewusst.

Wir freuen uns zudem, dass mittlerweile die Verwirklichung einer Verlagsbuchhandlung der Unabhängigen viele weitere Verlage erreicht, die auf uns zugekommen sind und auch weiterhin zukommen.

Was gab den Ausschlag für Dresden als Standort der Verlagsbuchhandlung?

Der Betrieb einer Buchhandlung stellt wahrscheinlich an jedem Ort eine wirtschaftliche Herausforderung dar. In der Kunst- und Kulturstadt Dresden, in der zwei der Gründer-Verlage ansässig sind, ergab sich durch gute persönliche Kontakte zu einer Autoren-Kollegin die Möglichkeit, unkompliziert das Geschäft zu eröffnen. Die Lage der Geschäftsräume ermöglicht es zudem durch hohes persönliches Engagement der Gründer, das wirtschaftliche Risiko zu minimieren.

Das ca. 60 Quadratmeter große Eckgeschäft in der Weimarischen Str. 7 liegt im Dresdner Stadtteil Leipziger Vorstadt, einem zentrumsnahen Viertel direkt an der Elbe mit vielen jungen Familien, Studenten, Einkaufs- und Unterhaltungsmöglichkeiten. Der bekannte „Alte Schlachthof“ als Veranstaltungszentrum befindet sich in unmittelbarer Nähe, Dresdens größter Schulkomplex, konzipiert für ca. 1200 Schüler, wird in Kürze hier eröffnet.

Wie kamen Sie eigentlich auf den Namen „Shakespeares Enkel“?

Gemeinsam haben wir ziemlich lange getüftelt, wie man etwas „Traditionelles“ wie Literatur bzw. Buch mit der Moderne sowie mit den heutigen Literaturschaffenden verbinden kann. „Shakespeares Enkel“ ist zwar etwas, was unter Umständen auf den ersten Blick ein bisschen stutzen lässt, dann aber (hoffentlich) mit einem Augenzwinkern symbolisiert, dass – in der Tradition eines der wichtigsten Dichter der Weltliteratur – auch wir als inhabergeführte, unabhängige Verlage unsere Spuren bei den Leserinnen und Lesern hinterlassen möchten. So wie Shakespeare, der bis heute durch sein vielfältiges Schaffen einen festen Platz in der Literatur und Kunst hat. Auch wir als Kleine möchten mit unseren vielfältigen und teils ungewöhnlichen Büchern, Themen und Texten die Menschen für uns einnehmen und ihnen lange im Gedächtnis bleiben.

Und wie sieht das Ladenkonzept aus?

Der Laden besteht aus einem modern geschnittenen Verkaufsraum mit kleinem Nebengelass als Lager. Eine große Fensterfront macht die Räumlichkeiten hell und freundlich. Eine urige Schmöker-Ecke mit Lesesessel lädt die Kundinnen und Kunden zum Verweilen ein – gerne bei einem Kaffee oder Wasser. Der Wunsch, sich vom klassischen Sortimentsbuchhandel abzuheben, spiegelt sich auch in der Ladengestaltung wider. Persönliches Engagement der Verlegerinnen und Verleger sowie Kreativität und handwerkliches Geschick spielen auch hier eine große Rolle, u. a. bei der Ausgestaltung der Präsentationsregale.

Und wie sieht das Sortiment im Laden aus?

Durch die Vielfältigkeit der Veröffentlichungen der mitwirkenden Verlage haben wir das Glück, die gesamte Bandbreite der literarischen Genres abbilden zu können – von Lyrik über Belletristik, Sachbuch bis zum Kinderbuch. Jeder Verleger, jede Verlegerin hat dabei mit großer Sorgfalt die Titel aus seinem bzw. ihrem Verlagsprogramm ausgewählt, die er oder sie einem größeren Publikum präsentieren möchte. Diese kann man vor Ort im Geschäft entdecken und natürlich erwerben.

Nur die Titel der beteiligten Verlage?

Das wäre untealistisch. Da wir unseren Kunden  auch ihre Wünsche jenseits der ausgestellten Titel erfüllen möchten, haben wir einen Bestellservice eingerichtet und uns zusätzlich für eine Zusammenarbeit mit Umbreit als Barsortiment entschieden. Umbreit passt von seiner Struktur, Offenheit und Ausrichtung gut zu uns. Über unseren Online-Shop, der gerade im Aufbau begriffen ist, werden alle Titel ebenfalls verfügbar sein.

Kann man nur Bücher kaufen oder was gibt es noch?

Wir haben nicht nur Bücher, sondern auch Non-Book-Artikel im Programm, die aber ausschließlich mit dem Schaffen der teilnehmenden Verlage verknüpft sind. Zudem werden im Ladengeschäft in regelmäßigen Abständen Veranstaltungen stattfinden, was ebenfalls den Entdecker-Charakter bestärken soll. Dazu gehören neben Autorenlesungen auch Veranstaltungen für interessierte Buchhändlerinnen und Buchhändler, die auf der Suche nach passenden Titeln unabhängiger Verlage für ihre eigene Buchhandlung sind und sich vor Ort hautnah ein Bild von den Büchern machen können, Bloggertreffen, „Meet & Greet“- Abende mit Verlegern und Autoren, Workshops usw.

Wer wird den Laden betreuen?

Bestandteil des aktiven Engagements der Verlegerinnen und Verleger ist unter anderem auch eine regelmäßige Betreuung des Ladens. Dies gibt unserem Publikum die Möglichkeit des persönlichen Kontaktes zu den „Menschen hinter den Büchern“, was ein wichtiger Teil der Motivation unserer Zielgruppe ist. So haben wir gemeinsam die große Chance, hier etwas Besonderes zu entwickeln und diejenigen Leserinnen und Leser zu erreichen, die sich in der Anonymität  der Großverlage und Lizenzveröffentlichung nicht mehr so recht zu Hause fühlen.

Vorerst wird das Geschäft also mittwochs bis samstags von 15 bis 19 Uhr geöffnet sein und von den Verlegerinnen und Verlegern selbst betreut, wobei in einem regelmäßigen Turnus abends Veranstaltungen stattfinden werden. Dazu wird es in Bälde einen Veranstaltungskalender geben.

Wenn das Interesse an unserer Verlagsbuchhandlung anhaltend ist und der Geschäftsgang es zulässt, planen wir natürlich, die Öffnungszeiten Stück für Stück zu erweitern. Dann kommen wir wahrscheinlich auch um engagierte Aushilfen zum Abdecken der Öffnungszeiten nicht herum. Das ist jedoch erst einmal noch Zukunftsmusik.

Hier stellt sich natürlich die Frage nach der Wirtschaftlichkeit. Rechnet sich das Unterfangen?

Das schon mehrfach erwähnte persönliche Engagement der Verlegerinnen und Verleger und die dadurch überschaubaren Gründungskosten bzw. finanziellen Aufwendungen im laufenden Betrieb minimieren glücklicherweise die Risiken eines wirtschaftlichen Scheiterns. Ein enormer materieller Gewinn wird wahrscheinlich auch erst einmal nicht zu erwarten sein, so realistisch sind wir, er ist aber auch nicht zwingend notwendig, da alle Beteiligten im Haupterwerb immer noch Verleger sind und bleiben. Die erhöhte Marktpräsenz und die Wahrnehmung der mitwirkenden Verlage durch das Publikum sind der wichtigere „Gewinn“ und unser gemeinsames Ziel.

Wie sieht Ihr Werbekonzept aus?

Durch die Vielzahl der beteiligten Verlage und deren jeweils eigene Öffentlichkeitsarbeit entsteht ein werbewirksames Netzwerk, von dem jeder Einzelne und natürlich auch die Verlagsbuchhandlung profitieren. Einer für alle – alle für einen. Konzertierte Werbeaktionen rein für die Verlagsbuchhandlung sind natürlich zusätzlich angedacht und werden abhängig vom Geschäftsgang individuell entwickelt.

Wie stellen Sie sich die Zukunft vor?

„Shakespeares Enkel“ ist unser Versuch, für kleinere und unabhängige Verlage einen festen Platz im sich stetig wandelnden Buchmarkt zu finden. Und vielleicht ist ja Dresden nur ein Anfang …

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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