Veranstaltungen Peter Bichsel las in Bergen-Enkheim und in Frankfurt

Peter Bichsel

Vor 35 Jahren war Frankfurt Bergen-Enkheim so etwas wie ein zweites Zuhause für Peter Bichsel – 1981/82 war er Stadtschreiber von Bergen. Nun ist der 82-Jährige letzte Woche erneut nach Bergen-Enkheim gekommen, um in der fast überfüllten Buchhandlung Bergen erlesen seine Zuhörer zu begeistern.

Peter Bichsel, Anna Doepfner

Buchhändlerin Anna Doepfner stellte den Schweizer Autor vor und bedankte sich bei Adrienne Schneider, die beide Lesungen – die zweite fand in der Frankfurter Buchhandlung Weltenleser statt – organisiert hatte und dabei von der Kulturstiftung Pro Helvetia unterstützt wurde.

„Ich freue mich sehr, hier zu lesen“, sagte Bichsel zu Beginn in Bergen-Enkheim und erzählte, dass er in den 1960er Jahren angefangen habe, in Buchhandlungen, später in Gemeindebibliotheken („nur für den Jahresbericht“) zu lesen. Dann habe er geäußert, dass er nur noch in Buchhandlungen lesen werde. „Diese Drohung musste ich schnell zurücknehmen, denn Buchhandlungen gab es immer weniger. Und die Buchhändler konnten sich das kaum leisten“, berichtete er.

Peter Bichsel begann mit Meine Reisen zu Cordes – „Es geht um den Buchhändler Eckart Cordes in Kiel. Ein Verrückter, der sich mit den von ihm veranstalteten zahlreichen Lesungen ruinierte.“ Bichsel las: „Ich liebe Bahnhöfe.“ Nach dem 25. Umsteigen befand er sich in der Transsibirischen Eisenbahn. „Das Ende heißt immer Wladiwostok – kein lohnendes Reiseziel, ein Zwang.“

1969 schickte Verleger Siegfried Unseld seinen Autor nach Kiel, Bichsel habe die „Technik des etablierten Umsteigens“ beherrscht – und sei in Frankfurt an der Oder angekommen. Total verfahren. Doch Cordes sei nicht sonderlich überrascht gewesen, denn: „Bei Cordes finden die Lesungen unter allen Umständen statt: Stunden später, Tage später.“ Und manchmal eben auch im Zug. Cordes berichtete von Plänen, eine Buchhandlung in Wladiwostok zu eröffnen, 150 Kunden würden mit ihm von Kiel in die ferne Großstadt am japanischen Meer umziehen: „Bücher sind ihnen wichtiger als gute Wohnungen“, habe Cordes gesagt.

In der zweiten Geschichte, die Peter Bichsel vortrug, Mit freundlichen Grüßen aus dem gleichnamigen 2014 im Insel Verlag erschienen Buch, macht sich der Autor Gedanken über diese Floskel. Zudem denkt er über den Begriff mein Freund nach, der „fast etwas Kindisches“ habe. „Ich habe meinen Freund im Spital besucht, ich habe um ihn gezittert. Er hat überlebt – erst jetzt weiß ich, was ich verloren hätte, ich wische eine Träne vom Auge. Wie lange kennen wir uns schon? 43 Jahre! Aber seit wann eigentlich sind wir Freunde? Irgendeinmal muß uns wohl – unausgesprochen – diese kindliche Behauptung noch einmal gelungen sein: ‚Willst du mein Freund sein?’“, heißt es zum Schluss.

Aus dem Buch Im Hafen von Bern im Frühling, 2012 bei Radius, Stuttgart, erschienen, las Peter Bichsel anschließend eine wunderbare Geschichte über kubanische Zigaretten, die nur im Frühling mit dem Schiff in Bern ankommen, schwärmt von der „Anchor-Bar“ und von der Bardame „Jane“, die selbst in einer Kneipe in Kentucky bekannt sind.

Weiter war die Rede vom Tod eines Freundes, von Geschichten, die man nur mündlich erzählen kann, „denn die menschliche Stimme ist notwendig“.

Aus den gesammelten Kolumnen Über das Wetter reden, 2016, Suhrkamp Verlag, trug Bichsel vor: „Wie lange dauert es, daß es wieder 1941 wird?“, fragte der kleine Junge seine Mutter. Die antwortete, dass es nie wieder 1941 werde. Der Junge glaubte das nicht, schließlich werde es auch immer wieder Dienstag, Dezember, Weihnachten. Bichsel zitierte Christian Morgenstern: „Ich gehe tausend Jahre | um einen kleinen Teich, | und jedes meiner Haare | bleibt sich im Wesen gleich“ und bemerkte: „Die Ewigkeit stelle ich mir rund vor. Solange wir erzählen, bleibt alles rund, es ist das Aufbäumen gegen das Ende.“

In Erinnerung an Jörg Steiner berichtete Peter Bichsel von seinen Reisen nach Biel, von den donnerstäglichen Treffen. Es waren kurze Bahnfahrten von Solothurn nach Biel. Als Jörg Steiner im Januar 2013 starb, riss das auch eine Lücke im Leben Bichsels: „Ich dachte noch oft, dass muss ich dem Steiner erzählen. Es schmerzt, festzustellen, dass das nicht mehr geht. Er hat unsere Sprache mitgenommen.“

Zum Abschluss schilderte Bichsel eine Begegnung mit einem „Altgriechen“ in der Transsibirischen Eisenbahn, zum Schluss erhält er einen Zettel, auf dem steht: „Schreiben Sie ein Buch über die geografische Lage von Paris. Herzlich Ihr Dr. Unseld.“

Peter Bichsel erhielt viel Beifall für seine wunderbaren, erstaunlichen, skurrilen, überraschenden, witzigen und ernsten Geschichten und musste an diesem Abend in Bergen-Enkheim noch viele Bücher signieren.

JF

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