Auszeichnungen Ovid-Preis für Herta Müller

Gestern Abend verlieh das PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland (vormals Deutscher PEN-Club im Exil) in Kooperation mit dem Deutschen Exilarchiv 1933-1945 zum zweiten Mal den Ovid-Preis.

Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs, begrüßte die Gäste im Saal der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt und verwies darauf, dass auch das historische Archiv des Exil-PEN zu den Beständen des Exilarchivs gehört. In der im März dieses Jahres eröffneten Dauerausstellung des Exilarchivs findet sich unter der Nummer 159 die Gründungsurkunde aus dem Jahr 1934, unterzeichnet von Lion Feuchtwanger, Ernst Toller, Max Herrmann-Neiße und Rudolf Olden. Erster Präsident dieses Schriftstellerverbandes war Heinrich Mann.

Ovid, von Kaiser Augustus im Jahre 8 n. Chr. ans Schwarze Meer verbannt, sei der erste exilierte Schriftsteller gewesen und für viele, darunter Bert Brecht und Lion Feuchtwanger, zu einer Identifikationsfigur geworden.

Der zweite Ovid-Preis wurde Herta Müller für ihr Lebenswerk verliehen. Sie las zunächst aus ihren Collagen, die auf einer Leinwand gezeigt wurden. Eine Ausstellung dieser Arbeiten, so informierte Sylvia Asmus, sei im Exilarchiv für das nächste Jahr geplant.

Burkhard Bierschenck, Sekretär des PEN-Zentrums deutschsprachiger Autoren im Ausland, gab einen Überblick über den Verband, den es seit 1948 unter dem heutigen Namen gibt. „Man konnte sich bei der Neugründung des deutschen PEN leider nicht auf ein Zusammengehen einigen“, sagte Bierschenck. Um 1989 bekam der Verband neuen Zulauf, da nicht alle der Vereinigung von deutschem und DDR-PEN zustimmten. Zurzeit gehören dem Zentrum Schriftsteller aus 18 Ländern an, Exil ist ein aktuelles Thema.

Über Herta Müller sagte der Sekretär: „Ich bin von ihren Gedichten fasziniert. Sie sagt schwere Dinge scheinbar leicht.“

Die Autorin selbst äußerte über ihre Collagen: „Die Wörter Koffer, Bahnhof, Beamter kommen immer wieder vor. Ich schneide Wörter aus und setze sie neu zusammen. Eigentlich war ich nur von 1987 bis 1989 im Exil und hätte nach dem Tod Ceausescus zurück nach Rumänien gehen können. Aber das tat ich nicht. Deshalb trifft das Wort Exil heute nicht mehr auf mich zu.“ Müller verwies auf den iranischen Dichter Said, der sagte: „Heimat ist die Zeit, die wir verloren haben.“ Das bedeute sehr viel, mitunter das ganze Selbstverständnis einer Person.

In seiner Laudatio würdigte Guy Stern, erster Ovid-Preisträger (2017), die Schriftstellerin Herta Müller: „Ihre Erzählungen und Romane sind relevant, das haben die zahlreichen Auszeichnungen, darunter der Literaturnobelpreis, bewiesen.“ Herta Müller sei mit ihren Werken und ihrer Haltung ein Leitbild und Ansporn. Sie sage den Tyrannen den Kampf an, in ihren Büchern werden die alltäglichen Sorgen und Ängste des Exils sichtbar. Stern schätzte Müllers „großartige Ausdruckskunst“. Weiter sagte der Laudator: „Herta Müller erinnert uns an die Exilanten vieler Zeiten und vieler verschiedener Herkünfte.“ Müllers Arbeiten seien ein modernes Vergil-Drama: Der klassische Aeneis und der heutige Schiffbrüchige seien zu Zeitgenossen geworden. Müller rede Klartext, setze sich immer wieder mit Begriffen wie Grenze, Mitbürger und Heimat auseinander. „Der Ovid-Preis ehrt Herta Müllers Einfühlung in mannigfaltige Exil-Schicksale“, betonte Stern. Er zitierte aus der Erzählung Die Meinung, publiziert in ihrem ersten Buch Niederungen, das 1982 in Bukarest und 1984 in einer überarbeiteten Fassung im Rotbuch Verlag Berlin erschienen ist.

Herta Müller erhielt die Urkunde des Ovid-Preises und eine Ehrenmitgliedschaft im PEN-Zentrum deutschsprachiger Autoren im Ausland. Außerdem bekam sie ein gemaltes Porträt geschenkt.

In ihrer Dankesrede erinnerte sie an die Autoren, die sich im Gefängnis befinden, keine Papiere haben, psychischer Folter ausgesetzt sind und nicht ausreisen dürfen. Beispielhaft nannte sie den chinesischen Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo, der im Juli 2017 schwerstkrank nach sieben Jahren Gefängnis starb. Noch immer steht seine Witwe in China unter Hausarrest, auch sie ist krank, darf aber nicht ausreisen. „Wir sollten mit China nicht so umgehen, als wäre nichts und uns nicht abhängig machen lassen. Das macht mir Angst“, unterstrich Müller, „wir werden uns über uns selbst ärgern, und irgendwann wir es zu spät sein.“ In Ländern wie der Türkei, Russland und China zähle das Leben eines Einzelnen nicht. „Diejenigen, die sich lebenslang in Machtpositionen installieren, wird man nicht mehr los“, warnte die Autorin.

JF

Kommentare (1)
  1. betr.: Schreiben an DNB (Deutsche Nationalbibliothek) und PEN-Ausland

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    Organisatoren des Ovid-Preises,

    muss Ihnen gestehen, dass ich sehr erstaunt darüber bin, dass der Ovid-Preis in diesem Jahr an Herta Müller vergeben wird. Was mich daran stört? Warum heißt das „Ovid-Preis“, hieß der gute Mann nicht „Ovidius“? Wurde er eigentlich gefragt, ob sein Name eingedeutscht werden darf? (Die Ungarn und Rumänen haben die Namen der Banater Schwaben – und Herta Müller gehört auch zu diesem deutschen Volksstamm – auch magyarisiert und rumänisiert, ohne die Menschen zu fragen, ob sie das wollen oder wünschen. So ist auch der Vorname Herta aus dem Rumänischen geblieben, obwohl man bei der Einreise nach Deutschland diesen orthographisch richtig – Hertha – hätte abändern lassen können.)

    Auch die Aussage „verleiht das PEN-Zentrum deutschsprachigen Autoren im Ausland“ stört mich ein wenig. Ich finde Herta Müller ist keine Autorin aus dem Ausland. Sie ist zwar in Rumänien geboren, deswegen aber keine Rumänin, denn in ihrer gesamten Vorfahrensriege befindet sich kein einziger Rumäne oder Individuum einer anderen Nation. Der römische Dichter Ovidius (Publius Ovidius Naso) wurde tatsächlich nach Tomis (heute Constanţa / Rumänien) verbannt. Aber ob es wegen seines literarischen Schaffens war oder nicht, das ist eigentlich „ein wenig umstritten“.

    Und was hat Herta Müller damit zu tun? Sie wird für ihr Lebenswerk ausgezeichnet, weil sie wegen ihres literarischen Schaffens ins Exil verbannt wurde? Wenn man schon Herta Müller mit irgendwelchen literarischen Preisen beehren will, dann müsste man sich etwas anderes einfallen lassen. Aber was? Dissidentin, Bürgerrechtlerin und Oppositionelle im kommunistischen Regime Ceauşescus oder gar eine Sprachmagierin – was in „meiner Sprache“ eigentlich Lügnerin bedeutet. Herta Müller belügt die deutsche Öffentlichkeit seit mehr als 30 Jahren, bzw. in den deutschen Medien werden Lügen über Herta Müller „am laufenden Band“ produziert, sei es aus Unwissenheit, oder ist es volle Absicht (bezahlte Doktoren, bezahlte Journalisten oder bestellte Wikipedia-Einträge, die man nicht korrigieren kann/darf, auch wenn sie falsch sind, sind ja heute keine Seltenheit mehr). […] Es folgt eine Aufzählung von fiktionalen Behauptungen (im Volksmund: Lügen) aus deutschen Medien (ab 2009, dem Nobelpreisjahr) über den (selbsterfundenen) Lebenslauf von Herta Müller.

    Alle literarischen Werke, die eine Kritik an rumänischen Kommunisten enthalten, entstanden nach März 1987. Das war der Zeitpunkt als Herta Müller und ihr zweiter Ex in Deutschland als Spätaussiedler (für sie wurde auch ein Freikaufpreis gezahlt) ankamen. Und da sehe ich auch nichts mehr von einem „erzwungenen“ Exil! Und erst recht NICHT für IHRE LITERARISCHEN Werke. Also finde ich den OVID-PREIS für Herta Müller NICHT gerechtfertigt! […]

    Gehört die „Atemschaukel“, das Nobelpreiswerk, auch zu ihren Werken? NEIN!
    Die „Atemschaukel“ ist das Werk von Oskar Pastior – er erzählte und sie schrieb mehre Hefte voll (siehe Seite 299). Obwohl das JEDER LESEN kann, gab es TROTZDEM einen Nobelpreis?…

    Das vollständige Schreiben findet man hier:
    http://www.balzerfranz.de/HM-betr-OVID-PREIS.pdf

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