Veranstaltungen Messe-Nachlese: Lesen in Büchern und auf Smartphones und der Buchfluch

Der Börsenverein hatte auf der Frankfurter Buchmesse zu einer Diskussion unter dem Titel Buch | Lesen | Digital. Die neue Allianz? eingeladen. Gerhard Lauer, Professor für Digital Humanities an der Universität BaselThomas Rathnow, CEO der Verlagsgruppe Random House; Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, und Sascha Lobo, Bloggger, Journalist und Autor saßen auf dem von Torsten Casimir, Chefredakteur des Börsenblatts, moderierten Podium.

Casimir fragte zunächst nach ersten Begegnungen mit Büchern und dem Lesen. Rathnow simulierte Lesen als Zweijähriger mit Hut auf dem Kopf, Shakespeare unter dem einen und dem BGB unter dem anderen Arm. In der Grundschule in New York sei Lesen gefördert worden, es habe eine gute Schulbibliothek und die Möglichkeit gegeben, Bücher in der Klasse zu Sonderpreisen zu bestellen.

Niggemann begeisterte sich für die Indianer und Cowboys von Karl May, las aber erst viel später dessen Wüstenromane – mit einem ganz anderen Verständnis.

„Bei mir ging es um ‚echte’ Indianer, ich lieh Bücher aus der Schulbibliothek aus. Inzwischen ist Belletristik in den Hintergrund getreten, es geht bei mir zunehmend um Sachbücher“, antwortete Lauer.

Sascha Lobo grätschte gleich dazwischen; er wollte seinen Ruf, unangenehme Dinge beim Namen zu nennen, gerecht werden: „Welch’ nostalgische Verklärung eines Vorgangs! Das ist doch eine mittlere Katastrophe, nicht einmal fiel das Wort digital! Dabei ist inzwischen das Smartphone wichtiger geworden als das gedruckte Buch.“ Allerdings sei bei den derzeitigen E-Book-Preisen klar, weshalb so wenig digitale Bücher verkauft werden. „Es ist den Verlagen nicht gelungen, entsprechend umzuschalten“, stellte der Interneterklärer fest und fügte hinzu: „Eine ganze Generation liest über Smartphones mehr als je zuvor.“

Casimir rückte die Situation zurecht und bemerkte, dass vor 20 Jahren die Smartphones ja gerade erst aufgekommen seien. „Wie sieht denn die Situation heute aus?“, wollte er genauer wissen. Lauer stimmte Lobo zu; es werde viel und intensiv digital gelesen. Leider gebe es aber wenig Daten dazu. „Und Leser sind nicht automatisch Buchkäufer.“ Viele Leser teilten ihre Geschichten weltweit, Anna Todd und Marah Woolf beispielsweise bekämen Tausende von Kommentaren. Doch es werde nicht nur viel gelesen, auch Hörbücher erlebten einen Boom. „Der Buchmarkt ist sehr heterogen, Bücher verteilen sich auf viele Medien. Junge Autoren wollen sofort Aufmerksamkeit, das gelingt mit Crime und Sex natürlich am besten“, schätzte Lauer ein.

„Die digitale Ungeduld prägt die Branche. Denken Sie an den Postillon. Die Nachrichten von Stefan Sichermann, der am bekanntesten in Deutschland ist, verraten in der Headline bereits alles“, sagte Lobo. Das Leseverhalten am Smartphone sei nicht anders, aber das Schreiben habe sich für Smartphones verändert. „Es bleiben nur wenige Sekunden, um das Publikum einzufangen.“

Für Rathnow sei das „eher ein ferneres Problem“ bei über 45 Verlagen unterschiedlichster Art. „Wir fein-tunen Inhalte nicht für das Smartphone“, sagte der CEO. Bei Random House gebe es ein Verhältnis von 80 zu 20 zwischen physischen und digitalen Büchern.

„Es liegt an den Preisen. Wenn ich für ein E-Book fünf Mal mehr als für eine gute Spiele-App ausgeben muss, fällt die Entscheidung leicht“, bemerkte Lobo. „Wir sollten nicht nur nach dem Preis schielen, sondern auch Verantwortung für die Erlöse und damit für die Autoren übernehmen“, wandte Rathnow ein – Lobos jüngstes Buch Realitätsschock ist bei Kiepenheuer & Witsch erschienen und bei Random House Audio zu hören.

„Hat sich auch das Verhalten der Bibliotheksnutzer verändert?“, fragte Casimir. „Der Lesesaal ist weiter gefragt. Aber auch Orte der Begegnung und Diskussion werden gewünscht, können aber noch nicht angeboten werden. Inzwischen kommen die Nutzer mit eigenen Geräten in den Lesesaal, finden dort die notwendige Konzentration. Der Aufenthalt in einer Bibliothek ist vielschichtiger geworden“, äußerte Niggemann.

Lauer verwies auf skandinavische Bibliotheken, die eine große Vielfalt böten. Nachdenklich fügte er hinzu: „Es ist schon seltsam: Die Zahl der Apps steigt, die der verkauften Brettspiele aber auch.“

„Ich bin nicht gegen Print, ich brauche für meine Recherche das gedruckte und das digitale Buch. Bundles wären sinnvoll. Wir sollten an eine Allianz von Print, Digitalem und Audio denken“, schlug Lobo vor. „Warum sollte ich meine Erlöse minimieren?“, wandte sich Rathnow dagegen. „Wenn Steve Jobs so gedacht hätte, gäbe es kein iPhone“, meinte Lobo. „Mir geht es darum, wie wir die Inhalte an die Menschen bringen“, schaltete sich Niggemann ein. „Fakt ist doch, dass wenige Autoren viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Und vielleicht ist der Unterschied zwischen der gamescom in Köln und der Frankfurter Buchmesse irgendwann gar nicht mehr so groß“, dachte Lauer laut in die Zukunft.

Casimir kam noch einmal auf Lobos jüngstes Buch zu sprechen. „Wer das Buch kauft, findet am Ende einen QR-Code, mit dem er im Netz das geheime elfte Kapitel lesen kann. Das ist doch eine clevere Vermarktungsidee …“ „Ja, und auf der Messe trage ich den QR-Code auf dem Rücken“, sagte Lobo und drehte seinen Rücken dem Publikum zu. „Aber Vorsicht!“, warnte er, „vielleicht verwende ich ja auch den Buchfluch!“

Für weitere Themen blieb leider keine Zeit mehr – die Diskutanten mussten auch schon zu den nächsten Terminen.

JF

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