Veranstaltungen Im Frankfurter Goethe-Haus: „Poetische Perlen“ aus dem „ungeheuren Stoff“ des Orients

Heute Abend wird die Ausstellung „Poetische Perlen“ aus dem „ungeheuren Stoff“ des Orients – 200 Jahre Goethes West-östlicher Divan eröffnet.

Im August 1819 erschien Goethes umfassendste Lyriksammlung mit über 200 Gedichten in der Cottaischen Buchhandlung in Stuttgard, ein besonderes Geschenk zum 70. Geburtstag des Dichters.

Fünf Jahre zuvor, im Mai 1814, hatte sein langjähriger Verleger Johann Friedrich Cotta auf dem Rückweg von der Leipziger Buchmesse den Autor in (Bad) Berka besucht und ihm eine Novität des Verlages mitgebracht: die zweibändige Ausgabe des Diwan von Mohammed Schemsed-din Hafis in einer ersten Gesamtübersetzung des Wiener Orientalisten Joseph von Hammer. Hafis lebte im 14. Jahrhundert in Persien, der Diwan, eine Sammlung von mehreren hundert Ghaselen und einigen Gedichten in anderen Formen, elektrisierte und inspirierte Goethe.

„Die Ausstellung im Goethe-Haus beschäftigt sich mit der Verwandlung orientalischer Quellen durch Goethe in Poesie“, erklärte Direktorin Anne Bohnenkamp-Renken. Sie verwies auf die Exposition Marianne von Willemer und Goethe im Spiegel des West-östlichen Divans 2014 anlässlich des 200. Jahrestages der Begegnung des Dichters mit Marianne Jung, die noch 1814 den Frankfurter Bankier Johann Jakob Willemer heiratete. Dennoch entspannte sich zwischen Goethe und Marianne von Willemer ein ungewöhnliches Verhältnis; er liebte als Hatem die schöne Suleika alias Marianne. Ein Dialog zwischen beiden in Versform ist im Buch Suleika im West-östlichen Divan erhalten, wenigstens drei Gedichte stammen nachweislich von Marianne. Außerdem schenkte Goethe ihr eine Ausgabe des Diwan von Hafis; auf kleinen Zetteln – sie sind in der Ausstellung zu sehen – notierten Goethe und Marianne die Nummern von Versen und unterhielten sich so ohne Worte in Chiffren miteinander. „Ganz besonders interessant sind Zettel aus Goethes Papierkorb, die wir dem Architekten Sulpiz Boisserée, Goethes Reisebegleiter, verdanken“, bemerkte Bohnenkamp-Renken.

Kuratorin Anke Bosse verwies auf drei Palimpseste von Axel Malik, die in der Ausstellung zu sehen sind. Auf ihnen überlagern sich (arabische) Schriftzeichen und werden so zu neuen Werken der Gegenwartskunst.

Stefan Matlik verwendete die Schriftzeichen für seine Projektionen, die auf fünf Leinwänden und dreifach in der Exposition zu sehen sind. Auch sie verdeutlichen Goethes Faszination für die arabische Schrift, in der er sich selbst übte.

Seit der Entdeckung des Diwan von Hafis beschäftigte sich Goethe mit dem „ungeheuren Stoff“ des Orients und las über 100 Bücher. „Wir betrachten exemplarisch 16 Gedichte in der Ausstellung intensiver“, sagte Bosse, „und laden den Besucher so in die poetische Werkstatt Goethes ein.“ Goethe sah Hafis nicht nur als Zwillingsbruder, sondern auch als Konkurrent in einem Wettstreit. „Die Poesie aus dem 14. Jahrhundert wird in Goethe ebenso gegenwärtig wie die eigene Jugend“, sagte die Kuratorin. Seine Divan-Gedichte schrieb Goethe in lateinischen Schriftzeichen, ein Hinweis, dass er Weltliteratur im Sinne von Dichtung begriff, die in allen Sprachen und Kulturen anzutreffen ist.

Als die Drucklegung des West-östlichen Divans bevorstand, wollte Goethe keine Orient-Klischees bedienen und kümmerte sich selbst um die Ausstattung und Titelei. Dem deutschen Titelbild auf der rechten Seite stellte er einen von Carl Wilhelm Lieber stammenden Entwurf gegenüber, den Carl Ermer schließlich für die Erstausgabe als Kupferstich gestaltete. Die Titel-Rückübersetzung ins Arabische funktionierte nicht, so steht schließlich Der östliche Diwan des westlichen Verfassers in arabischen Buchstaben in einer Kartusche auf dem Frontispiz.

Goethe prüfte die Wirkung seines Divans mit Vorabdrucken und wurde enttäuscht – die Leser verstanden ihn nicht. Deshalb fügte er den zwölf Büchern noch ein 13., den Prosateil Besserem Verständniß, hinzu.

Während des Drucks entstanden schon die nächsten Gedichte für einen künftigen Divan, Goethe wollte außerdem zu Ergänzungen durch die Leser anregen.

Vor 200 Jahren nicht sehr erfolgreich, ist Goethes West-östlicher Divan heute aktueller den je, weil er einen Dialog der Kulturen widerspiegelt und dafür werben möchte, sich mit dem Unbekannten zu beschäftigen, weil diese Studien äußerst lohnenswert sind und selbst neue schöpferische Kräfte auslösen.

Die Exposition, die bis zum 23. Oktober zu sehen ist, hat auch drei Stationen, an denen der Besucher selbst aktiv werden kann. Das Buchorakel (Fal) ist ein alte Methode, um sich aus Büchern wie der Bibel, dem Koran oder auch dem Diwan selbst Anregungen für das eigene Leben zu holen. Ein „orientalischer“ Titel kann gestaltet, arabische Schriftzüge können geübt werden.

Wer sich intensiv mit Goethes Divan auseinandersetzen möchte, dem empfiehlt Anke Bosse die 2010 in der Originalausstattung des Deutschen Klassiker Verlages im Insel Verlag erschienene zweibändige Taschenbuch-Edition, herausgegeben von Hendrik Birus. Der wird auch im Rahmenprogramm in einer Veranstaltung unter dem Titel Was ist Romantik? im Oktober ins Frankfurter Goethe-Haus kommen.

JF

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