Gerhard Beckmanns Meinung – Was ein Buchhändlerstreik in den USA deutlich macht

Heute möchte ich diesen Platz meinem Freund und Kollegen Volker Hasenclever überlassen. Über diese neueste Entwicklung haben wir lange diskutiert, doch er hat sie gründlich recherchiert und es scheint mir wichtig, dass er sie aus seiner Sicht eines Buchhändlers mit jahrzehntelanger Erfahrung darstellt und kommentiert.

Seit einigen Tagen wird in Ann Abor im amerikanischen Bundesstaat Michigan die Buchhandlung Borders #001 bestreikt. Ann Abor ist mit seinen 130.000 Einwohnern eine etwas betuliche, wohlhabende Gartenstadt, 40 Meilen von der Industriemetropole Detroit entfernt. Hier sind HighTech-Firmen wie Xerox oder der Pharmahersteller Parke-Davis zu Hause. Größter Arbeitsgeber aber ist kein Industrieunternehmen, sondern eine der angesehensten staatlichen Universitäten der USA, die University of Michigan.

Knapp ein Drittel der Einwohner dieser Stadt sind Studenten. Einige von ihnen sind auf einem Foto zu sehen, das sie, die Fahne ihrer Universität hochhaltend, Seite an Seite mit den buchhändlerischen Streikposten vor dem Unternehmen zeigt. Borders #001, das Flagschiff einer der führenden Buchhandelsketten der USA, ist auch „ihre“ Buchhandlung. Hier finden sie ihre Semesterliteratur, hier jobbt auch schon mal die eine oder der andere von ihnen. Nur ein Zeichen der Solidarität?

Diese Buchhandlung mit ihrem breiten Angebot und zahlreichen Buchhändler/innen, die Auskunft und Empfehlungen geben, ist Ursprung und Zentrale eines Buchhandelsimperiums mit 434 Buchkaufhäusern und 778 Buchhandlungen in den USA sowie 37 in Großbritannien. Die Aktien von Borders Inc. werden an der New Yorker Börse gehandelt. Das Ganze ein Protest gegen Monopolisierungen?

Noch immer bestimmt bei Boders die buchhändlerische Konzeption des Stammhause das Gesicht der einzelnen Filialen, unterscheidet sie von den Konkurrenten Barnes & Nobles oder Book-A-Milion. Die Streikenden befürchten, dass sich dies ändern soll. Dagegen gehen sie auf die Straße – und finden Unterstützung, auch über den Kreis studentischen Sympathisanten hinaus: In einem Flugblatt für die Kunden begründen sie ihre Aktionen:

„Seit 1971 haben die engagierten Buchhändler/innen dieses Geschäfts durch fachliche Kenntnis der Bücher und Musik und gründliche Ausbildung für einen besonders guten Kundenservice gesorgt, um für Sie den für Sie persönlich richtigen Titel zu finden …

Bald aber werden die buchhändlerischen Abteilungen nach dem Modell großer Supermarktketten durch „Regalplatzierungs-Teams“ ersetzt sein. Dann wird Ihnen ein Buchhändler nicht mehr auf Grund seiner Erfahrung und genauen Kenntnis der von Ihnen bevorzugten Abteilung in diesem Geschäft professionell und gewissenhaft besondere Titel empfehlen können. Stattdessen werden die Regale „bestückt“, ohne das leidenschaftliche Interesse an einem Thema, das wir mit Ihnen gemeinsam haben.

Einer ordentlichen Pflege des Sortiments wird weniger und weniger Aufmerksamkeit gewidmet sein, wodurch es für Sie wie für uns sehr viel schwerer wird, einen ganz bestimmten Titel zu finden. Nur weil ein paar Dollar mehr an Gewinn es offenbar wert sind, dass Ihnen Enttäuschung, Frust und ein Verlust an wertvoller Zeit entstehen.

Unsere Arbeitsleistung wird nicht mehr danach, wie gut wir Sie bedienen, sondern zunehmend unter dem Gesichtspunkt evaluiert, wie stark wir Ihnen Titel verkaufen, die dem Gesamtunternehmen höheren Gewinn bringen.

… Das Titelangebot wird weiterhin schrumpfen, da dann den profitabelsten Titeln und sonstigen Produkten mehr und mehr Platz eingeräumt wird, die durch aggressive Marketing-Kampagnen gepusht sind, alldieweil Laden- und Regalfläche an die Großverlage verkauft werden.“

Eingeführt werden soll in den Buchhandlungen des Konzerns eine neue Form der Angebotsselektion, des Einkaufs und der Präsentation, wie sie in anderen Einzelhandelsbranchen erfolgreich praktiziert wird – das category management. Dahinter verbirgt sich ein Konzept des Einkaufs, der Regalbestückung und Warenpräsentation entsprechend einer komplexen und detaillierten Datenauswertung von Konsumentenforschung, der Beobachtung von Kaufverhalten in den Läden und branchenspezifischer Marktdatenerhebung mit Unterstützung komplexer Softwareprogramme.

„Nein, mit der Einführung des category management haben Entlassungen nichts direkt zu tun“, erläutert dagegen Anne Roman, die Pressesprecherin des Konzerns, vielmehr sei das Unternehmen wie jedes andere regelmäßig verpflichtet, die Unternehmensziele zu gewichten und zu prüfen, „wie unsere Organisationsstruktur, unsere strategischen Pläne, Ausgaben und dergleichen unseren Anforderungen entsprechen. Dies ist, selbstverständlich, ein kontinuierlicher Prozess, der auf die Forderungen der Aktionäre, der Beschäftigten und der Kunden antwortet.“

Wie schwierig dieser Prozess zu gestalten ist, macht der Streik bei Borders deutlich. Den Analysten der Börse sind die Personalkosten im Vergleich zu anderen Handelsunternehmen zu hoch, die Beschäftigten wollen ihre qualifizierte Tätigkeit behalten und für sie angemessen entlohnt werden, die Kunden erwarten eine preislich attraktive, hinreichende Angebots- und Serviceleistung. Anders als hierzulande kommt in den USA der Preiswettbewerb im Buchhandel hinzu, bei dem schmale Margen zu extremen Senkungen der Lohnkosten führen. Das Management versucht, diesen gordischen Knoten mit einer neuen – technologischen – Konzeption für Einkauf und Lagerhaltung zu lösen. Doch sind Praktiken, die für die Angebotsselektion von Tütensuppen und Joghurtbechern konzipiert wurden, auf den Buchmarkt übertragbar?

Ist die Mehrzahl der Bücher denn austauschbar? Können statistische Methoden, die für den Absatz täglich hunderttausendfach hergestellter Produkte entwickelt wurden, auf die Mehrzahl der heute verlegten literarischen oder wissenschaftlichen Werke angewandt werden? Kann es überhaupt gelingen, in einer Branche, die von der Differenz in den kulturellen Neigungen und intellektuellen Ansprüchen lebt, diese Entscheidungsparameter und Kennziffern zu finden? Kommt am Ende nur der kleinste, nicht der größte gemeinsame Nenner heraus? Führen diese Management-Methoden nicht zu jener Gleichförmigkeit, die auch hierzulande, stellvertretend in den Feuilletons, zunehmend beklagt wird? Sind nicht gerade Bücher, entgegen den Vorstellungen von Internetshop-Betreibern, beratungsintensiv, weil komplex und facettenreich?

Das Umfeld des Buchhandels ist kein ökonomisch keimfreies Reservat. Vermietern, Banken ist äußerlich, womit der Ertrag erwirtschaftet wird. Die Lebenshaltungskosten steigen branchenneutral. Die Unternehmen haben auch im Buchhandel immer erneut die unterschiedlichen Ansprüche auszutarieren, denen sie gerecht werden müssen. Dazu gehört auch, genau zu prüfen, ob anderswo erfolgreiches übernommen werden kann – und es gegebenenfalls zu verwerfen. „Books are different“ – diese Aussage gilt nicht nur Preisbindung und Mehrwertsteuer. Sie sollte auch Leitlinie für das gesamte Management eines buchhändlerischen Unternehmens sein.

Der Streik bei Borders verweist darauf, dass es keine Allgemeinverbindlichkeit von Methoden im Einzelhandel gibt – weder in den USA noch hierzulande. Darauf haben die Streikenden in der East Liberty Street in Ann Arbor auch aufmerksam gemacht.

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