Gerhard Beckmanns Meinung – Warum das Porträt des Buchhandels in „Die Zeit“ zu denken gibt

Das Bild von der gegenwärtigen Situation des Buchhandels, das Christof Siemes auf der ersten Feuilletonseite in der letzten Ausgabe der „Zeit“ malt, sollte jede(r) Sortimenter(in) sich gründlich anschauen. Weil der Autor hier nicht auf Grund irgendwelcher Vorstellungen, wie der Buchhandel sein sollte, philosophiert und kritisiert, sondern nur freundlich und genau hingeschaut und zugehört hat. (Das ist, von Seiten des deutschen Feuilletons, schon mal eine Menge.) Gerade weil er intelligent die Oberfläche schildert, die sich ihm in Gesprächen mit Sortimenter(innen) und einem Vertriebsleiter sowie dem Vorsteher des Börsenvereins darbietet.

Was erfährt man also, wenn man nach der Lage des Buchhandels fragt?
„Jeder gibt eine andere Antwort.“
Nach dem Eindruck der Lektüre umformuliert: Jeder präsentiert – durchaus in sich plausibel, aber – nur seinen eigenen kleinen Ausschnitt und Standpunkt, immer quasi absolut.. Der eine setzt auf „Pflege der Vielfalt“, der andere „auf Reduzierung der Titel im Angebot“, bei den Großen werden die Läden „immer größer, die Filialen einander immer ähnlicher, wodurch auch das vermeintlich gute Buch seinen Teil beiträgt zur Verödung der Innenstädte.“ Die Kleinen – nur noch Nischen -, „die keine so attraktive Architektur bieten oder noch mehr Mitarbeiter einsparen“ können. Aber wo ist denn in Deutschland, abgesehen von den neuesten Geschäften der Mayerschen und bei Gondrom in Kaiserslautern, solch attraktive Architektur, die zum Wohlfühlen, Verweilen, zum Stöbern und Lesen einlädt? Und für wie viele kleine Buchhandlungen gilt noch der Satz, „ihr Kapital bleibe die Sympathie der Kunden“?

Natürlich hat da, alles in allem jeder, mit dem, was er sagt, irgendwie recht. Liegt er gleichzeitig aber nicht auch daneben, wenn er lediglich die eigene Ecke sieht? Weil es doch mindestens vier Ecken braucht, um einen Raum mit Dach und Decke zu bilden – hier braucht es all die in dem Bericht genannten Ecken neben- und miteinander: die kleine klassische Buchhandlung, die Filialen der Großbuchhandlung, Amazon, die Nebenmärkte… um die mannigfaltigen Kaufgewohnheiten, die sich nicht ausschließen, des heutigen Kunden zu bedienen. Von einem Gefühl für Kunden ist in dem Bericht allerdings recht wenig zu spüren –irgendwie kommen Kunden und Kundenwünsche bei den Befragten gar nicht richtig vor.

Und welchen Eindruck vermittelt der Buchhandel weithin von sich selbst?
„Am Eingang, mitunter im ganzen Erdgeschoss, blasen die Sonderangebote zur Attacke. Obwohl die Preisbindung für Bücher nach wie vor Gesetz ist, tobt an den Wühltischen der Preiskampf – oder zumindest seine Simulation.“ Sind Buchhandlungen zu Nebenmärkten geworden?

Welchen Eindruck vermittelt es vom Buch?
„Eine Ware mit Verfallsdatum.“
„Das Buch ist ein Produkt wie jedes andere geworden.“ Worauf kommt es da an? „400 Exemplare in drei Wochen“ abzusetzen.“
Dreht sich wirklich nur noch alles um Novitäten, Bestseller und die Schnäppchen der Sonderangebote?
Ist das wirklich die Realität des Buchhandels?
Liegen die Interessen und Bedürfnisse der Kunden tatsächlich nur mehr da?

Christof Siemes erwähnt, was Schwierigkeiten angeht, nur die kleinen Sortimente. Vor einem Marktzynismus warnt eigentlich nur der Vertriebsleiter des Verlages – der einzige auch, der im Hinblick auf die Bücher und ihre Attraktivität für die Kunden betont: „Die Inhalte sind entscheidend.“

Was insgesamt auffällt: Es ist, als ob die befragten Buchhändler(innen) wie auch der Vorsteher des Börsenvereins sich abgesprochen hätten, das üblicherweise für die Branche notorische Jammern abzulegen. Alle sind, was die Perspektive für ihre eigene Ecke betrifft, ausgesprochen optimistisch. Das ist eigentlich schön. Doch Christof Siemes scheint die Lücken, das Ausblenden von wichtigen Aspekten gespürt zu haben. Sein ironisches Resümee von den genannten Perspektiven der Branchenvertreter:

„Lauter Chancen. Die Probleme kommen dann von selbst.“

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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