Gerhard Beckmanns Meinung – Warum Christian Strasser von Random House und Bonnier total ausgebootet wurde

Vorgestern gab es erste, verschleierte Andeutung, dass im Übernahmestreit um die Ullstein Heyne List-Gruppe – endlich – mit einer baldigen Lösung zu rechnen sei. Gestern Abend spät kam – vertraulich – ein erster konkreter Hinweis. Heute morgen wurde die Bombennachricht publik: Random House will – was allerdings schon viele vermutet hatten – nur mehr Heyne für sich behalten, den Verlagssektor Econ Ullstein List aber an das alte schwedische Familienunternehmen Bonnier abtreten.

Natürlich: Dieser Deal bedarf noch der Zustimmung des Bundeskartellamts. Es wird sie jedoch in aller Wahrscheinlichkeit erteilen.

Offiziell wird dessen Entscheidung zum 31. Oktober erwartet. Man darf allerdings davon ausgehen, dass sie bereits während der Frankfurter Buchmesse fällt.

Ein bisher offenes Detail zur Klärung: Verlage wie Ansata und Integral gehören nicht zu dem Econ Ullstein List-Paket, auf das Viktor Niemann als deutscher Statthalter von Bonnier ein Angebot gemacht hat.

Dass Random House auf den Behalt der gesamten von Axel Springer erworbenen Gruppe bestehen würde, ist angesichts der gravierenden Bedenken des Bundeskartellamts wegen der daraus resultierenden Beherrschung des Publikumsmarktes in Deutschland seit längerem auszuschließen. Eine Zerlegung der Gruppe stand demgemäß zu erwarten.

In der Öffentlichkeit, im Branchenjournalismus wie in den Feuilletons galt es daraufhin bald als ziemlich sicher, dass Christian Strasser – unter finanzieller Beteiligung seiner selbst wie der leitender Mitarbeiter, mit dem Backing der Schweizer Investmentfirma Capvis das von ihm aufgebaute – Heyne ausgenommen – Konglomerat in einer Spielart von Management-Buyout übernehmen würde.

Auf die Nachricht von heute morgen waren er und seine Investoren nicht vorbereitet. Sie kam wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel.

Wie ist er zu erklären?

Es ist ein offenes Geheimnis, dass – hätte Random House UH komplett übernehmen dürfen – Christian Strasser als ihr Chef von sich aus weiterhin kaum zur Verfügung gestanden hätte, so wie Random House ihn kaum gebeten hätte, im Amt zu bleiben. Die Figur dieses charismatischen, Risiko liebenden verlegerischen Entrepreneurs und die verlegerisch farblose, kaufmännisch orientierte Führungsmannschaft der Buchdivision von Bertelsmann scheinen unvereinbar.

Doch warum wollten die Random House-Manager – wie jeder, der das Ohr an die Schienen legte, schwingungsmäßig mitbekommen musste – partout verhindern, dass Christian Strasser das dann ja von Bertelsmann unabhängige Verlagssegment in die Hand bekäme?

Weil Strasser der erfolgreichste Bestseller-Konkurrent geworden war – so sehr, dass er monatelang den großen deutschen Riesen abhängte? Das ist ein möglicher Grund. Ein anderer, noch gewichtiger: Mit seiner unbedenklichen Risikofreudigkeit – so sieht man es jedenfalls wohl bei Random House –riss er einen internationalen Top-Autoren nach dem andern an sich, indem er bei den Agenten als Mitbieter die Vorschüsse in schwindelnde Höhen trieb, so dass jedes kaufmännische Kalkül in die Binsen ging. So jemanden wollten die Bertelsmänner unbedingt vom Markt eliminieren.

Das ist brutal, wenngleich vielleicht irgendwie verständlich. Die Abschreibungen auf die eskalierenden Vorschüsse machen bei Großverlagen heute im Extremfall mehr als zehn Prozent vom Umsatz aus – was Renditen ausradiert.

Genau da kommt Bonnier ins Spiel.

Bis vor kurzem gab es für Random House keine Alternative zum Weiterverkauf des UHL-Rests (ohne Heyne) an Christian Strasser. Das Kartellamt bestand ja darauf – und musste insistieren – dass dieser Rest Überlebenschancen hatte. Und die Zeit eilte – hätte die ganze Chose sich, und sei es durch gerichtliche Folgen, über Jahre hingezogen, wären die betroffenen Verlage abgeknickt.

Bonnier hatte, auch das ist bekannt, grundsätzlich Kaufinteresse. Bonnier war aber , ditto, noch vor etwa drei Wochen der Meinung , nichts überstürzen zu müssen – wer Zeit gewinnt, kauft günstiger. Und langfristig denkende Familienunternehmen des Old Money lassen sich nicht unter Zugzwang setzen. Viktor Niemann will auch keine Erklärung abgeben, warum er für Bonnier nun urplötzlich doch aktiv wurde. Doch der Grund liegt auf der Hand: Er ist, und das ist eine „ordnungspolitische“ Überlegung: Große und mittlere deutsche Verlage sind nur dann überlebensfähig, wenn gewisse Programm-Exuberanzen der letzten Jahre gekappt werden: Es muss alles getan werden, dass die Verlegerei wieder auf den Boden der Realität kommt. In eben diesem Punkt galt Christian Strasser vielen als Störfaktor, der die ganze Branche gefährdete.

Ob zu Recht oder Unrecht, das sei dahingestellt.

Auf alle Fälle scheint darin die beste, wenn nicht gar die einzige nachvollziehbare Erklärung für eine Entscheidung zu liegen, welche ihrerseits – so sie denn den Beifall des Kartellamts finden sollte- die Branche schon während der nächsten Jahre verändern wird: zumindest auf dem deutschen Taschenbuchmarkt, dessen Veränderungen, wie inzwischen jedermann weiß, massive Folgen fürs Hardcover hat.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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