Gerhard Beckmanns Meinung – La Martinière übernimmt in Frankreich Le Seuil:eine Verlagssensation hoch drei

Das traditionsreiche Pariser Haus Le Seuil – nach Gallimard der bedeutendste literarische Verlag Frankreichs, etwa mit Suhrkamp oder Hanser zu vergleichen – wird vom Kunst- und Bildbuchverlag La Martinière übernommen. Eine Sensation; denn das Familienunternehmen Le Seuil ist stets vehement auf seine Unabhängigkeit bedacht gewesen. Niemand hätte damit gerechnet, dass es seine Eigenständigkeit aufgeben würde.

Aber hat es sie wirklich aufgegeben? Bei der Frage zeigt sich, warum diese Transaktion noch in einer zweiten Hinsicht eine Sensation darstellt. Sie ist zumindest in der jüngsten Verlagsgeschichte einmalig.

Man ist es inzwischen gewohnt und beklagt es allenthalben vehement, dass ein bedeutender Verlag nach dem andern von Konzernen aufgekauft wird. Diesmal tun sich jedoch zwei mittelständische Unternehmen zusammen, um sich auch in Zukunft gegen die Macht von Konzernen behaupten zu können. Dieser Aspekt ist wichtiger als der Aspekt, dass sich Gründerfamilien verabschieden: Sie verkaufen ihre Anteile gerade in der Absicht, die Identität und das Profil von Le Seuil auf Dauer zu retten.

Anlass für ihre Entscheidung ist die neueste französische Konzentrationsentwicklung. Hachette – mit 1,2 Milliarden Euro Jahresumsatz 2002 der größte französische Medienkonzern – hat im vergangenen Jahr Editis (ehemals Vivendi Universal) erworben, den mit zuletzt 600 Euromillionen zweitgrößten. Die komplette Übernahme wurde – vor allem durch den Einspruch von Gallimard und Le Seuil – aber von der EU-Kommission verhindert: Hachette darf nur rund 60 Prozent von Editis behalten; der Rest wird wahrscheinlich en bloc an einen anderen, möglicherweise ausländischen Konzern gehen. Aber der Trend ist klar. Die Le Seuil-Eigentümer sahen die Zeichen an der Wand. Um von den Supergrossen auf dem Markt nicht erdrückt und in der Identität ernsthaft bedroht zu werden, haben sie beschlossen, an La Martinière zu verkaufen. Innerhalb der Gruppe werden beide Verlage getrennt operieren.

Eine Sensation ist auch die Größe der neuen Gruppe La Martinière-Le Seuil. Sie kommt auf einen jährlichen Umsatz von 260 Millionen Euro – damit entspricht dieser Mittelständler in etwa Random House Deutschland. Er rangiert – nach Hachette und (noch) Editis – vor Flammarion (seit kurzem Eigentum der italienischen Rizzoli-Gruppe) mit 227 Millionen Euro Jahresumsatz und Gallimard (220 Millionen). Für deutsche Verhältnisse ist solche Dimension bei unabhängigen Publikumsverlagen mit hohem Programmanspruch überhaupt unvorstellbar. Suhrkamp oder Hanser (Literatur) mit Zsolnay, Nagel & Kimche und Sanssouci erreichen gerade mal rund 40 Millionen Euro. Vor einer hier zu Lande zu erwartenden Verteufelung von französischen Größenordnungen ist allerdings zu warnen. Das wäre eine deutsch-kulturkritische Perspektive, die an den Wirklichkeiten des gegenwärtigen Verlagsgeschäfts vorbeigeht und bisher noch keinem angesehenen Verlag zum Fortbestand genützt hat. La Martinière gehören übrigens inzwischen auch die renommierten Kunst- und Bildbuchverlage Abrams (New York) und Knesebeck in München.

Finanzieren wird La Martinière die nicht genannte Kaufsumme für Le Seuil zu einem Drittel durch eine Kapitalerhöhung sowie zu zwei Dritteln mit Bankschulden. Eigentümer sind die Familie Wertheimer (u.a. Chanel), die amerikanische Tribune Company (Zeitungen plus Rundfunk- und Fernsehstationen) und die französische Natexis Banques Populaires. Also nicht „ein“ Konzern. Und börsennotiert, d.h. auf spekulative hohe Renditen angelegt, ist nun La Martinière-Le Seuil auch nicht. Es ist eher „Old Money“, das hier agiert. Man darf auf eine solide Fortführung des traditionsreichen literarischen Pariser Verlages hoffen.

Gerhard Beckmann sagt hier regelmäßig seine Meinung … und freut sich über Antworten an GHA-Beckmann@t-online.de. Natürlich können Sie diese Kolumne auch im BuchMarkt-Forum diskutieren. Einfach oben auf der Seite den Button „Forum“ anklicken, einloggen und los geht‘s.

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