Veranstaltungen Für einen Rundfunk, der verbindet und Verantwortung übernimmt

Gestern Abend fand in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt eine Veranstaltung der Initiative hr2-Wort statt, zu der rund 300 Interessierte in den Großen Saal gekommen waren. Ute Schwens, Direktorin des Hauses, begrüßte die Gäste. Sie merkte an, dass es seit der Verkündung von Hörfunkdirektor Heinz-Dieter Sommer im Juli, das Programm von hr2-kultur reformieren zu wollen, zahlreiche Proteste gibt. „Wir glauben, dass es wichtig ist, für diese Debatte einen Raum zu finden. Deshalb sind wir hier, und der Saal ist voll“, unterstrich Schwens.

Marion Tiedtke, stellvertretende Intendantin des Schauspiels Frankfurt, moderierte und verwies auf die für die Initiative hr2-Wort geschaffene Karikatur von Greser & Lenz. Außerdem dankte sie den Henrich Editionen für den Druck der Flyer.

„Als in den Sommerferien bekannt wurde, dass hr2 zu einem reinen Klassik-Kanal werden soll und Wortbeiträge bei hr-info oder im Internet angeboten werden sollen, gab es 4000 Kommentare dazu. Diese Veranstaltung soll Klarheit über die gegenwärtige Situation und die Vorhaben bringen“, stimmte Tiedke auf den Abend ein. Einsparungsbemühungen seien ihr, die seit 30 Jahren am Theater arbeitet, nicht unbekannt. Aber es müsse darüber geredet werden können.

Barbara Determann, Matthias Altenburg, Marion Tiedtke, Michael Ridder, Michael Herl, Carola Eunicke-Morell

Die Podiumsteilnehmer legten ihre Standpunkte dar. So sagte Barbara Determann, Mitgeschäftsführerin der Autorenbuchhandlung Marx & Co.: „1979 wurde die Autorenbuchhandlung gegründet, 2001 kam die Buchhandlung Karl Marx dazu. Ich gehöre zu den täglich 100.000 Hörern von hr2-kultur, die der Hessische Rundfunk so nicht mehr bedienen will. Bei hr2-kultur habe ich mich immer über etwas Unerwartetes gefreut. Ich mag keine Berieselung. Der Spartenkanal erfüllt einen Bildungsauftrag. Ein Podcast ersetzt nicht das Radioprogramm. Die journalistische Qualität ist entscheidend, Quoten haben im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nichts zu suchen.“ Determann fügte hinzu: „Die Buchhandlung erlebt die Auswirkungen eines Kulturradios direkt. Peter Kurzeck las seine Romane zuerst im Radio, erst dann waren sie als Bücher zu kaufen.“

„hr2-kultur ist das Beste, was ein Sender werden konnte“, stellte der Schriftsteller Matthias Altenburg fest. Er bräuchte an sich kein Auto – eigentlich nur, um hr2 zu hören. Gäbe es den Sender nicht mehr, könne er auch wegziehen. „hr2 beglückt und ärgert mich gleichermaßen, aber ich möchte gefordert werden, möchte vertraute und auch gerne neue Stimmen hören. Den kultursinnigen Bürgern Hessens soll man nicht die Heimat nehmen“, äußerte Altenburg.

Michael Herl, Autor und Leiter des Stalburg Theaters, bemerkte: „Schlimm, dass wir heute hier sitzen und über solche Pläne reden müssen.“ Herl wurde vor 14 Jahren nach 1400 Sendungen Late Lounge, die er gemeinsam vor allem mit Roberto Cappelluti bestritt, entlassen. Er gab zu, er habe das provoziert. „Die wussten damals nicht, was sie tun. Und ich fürchte, sie wissen heute auch nicht, was sie tun“, äußerte er sich zu den Vorhaben der Programmdirektion. Im Übrigen würden gerade viele Formen der Kultur beschnitten.

Michael Ridder, Redakteur des Evangelischen Pressedienstes (epd), sagte: „hr2-kultur erfüllt geradezu mustergültig den öffentlich-rechtlichen Auftrag.“ Er stellte fest, dass bei der Umstrukturierung und Beschneidung des Senders so ziemlich alles falsch gemacht werde. „Ich befürchte, dass vieles wegfallen wird und möchte kein hr2-klassik – solche Sender gibt es schon.“ Zudem solle man den Gegnern der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten keine Munition liefern.

Da der angekündigte Autor Jan Wilm aus Termingründen nicht anwesend sein konnte, hatte Marion Tiedke eine Frau aus dem Publikum auf die Bühne gebeten – Carola Eunicke-Morell. „Als hr2-Hörerin habe ich eigentlich oft Kritik am Sender geäußert. Zum Beispiel hat mich der Wegfall von Mikado geärgert. Deshalb geht es mir um mehr als den Erhalt von hr2. Die Stärkung der Demokratie ist in einem Maße notwendig, wie wir das schon lange nicht mehr gedacht hatten“, äußerte Eunicke-Morell.

Redakteur Ruthard Stäblein verlas eine Erklärung von Jan Wilm. Der hatte eine Mail von einem Mitarbeiter des Qualitätsmanagements des Hessischen Rundfunks erhalten, in der „Redundanz und Vereinfachung“ in den Beiträgen für hr2-kultur gewünscht werden. Wilm gehe es jedoch darum, „die Interessen der Hörer nicht zu bedienen, sondern zu generieren“. Das Web sei kein Ersatz.

„Was wünschen Sie sich für hr2?“, fragte Marion Tiedtke in die Runde. „Mehr Wortbeiträge mit Hinweisen und Anregungen“, antwortete Barbara Determann. „Eine so gute Verbindung von Musik und Wort wie bei Doppelkopf’“, sagte Matthias Altenburg. „Dass der Hörer mit Unvorhergesehenem konfrontiert wird“, bemerkte Carola Eunicke-Morell. „hr2 soll durchhörbar werden? Eine schreckliche Vorstellung, die Berieselung nahe legt“, kommentierte Michael Herl. Man müsse den Leuten vielmehr begreiflich machen, wie viel Kultur sie eigentlich haben. Wichtig sei es, nicht unterschiedliche Hörergruppen gegeneinander auszuspielen, merkte Michael Ridder an.

Für den Sender trat hr2-kultur-Redakteur Alf Mentzer auf die Bühne. Mit der Reformierung gehe es darum, mehr Nutzer zu erreichen, denn: „Wenn wir viele Menschen nicht mehr erreichen, haben wir ein Legitimationsproblem.“ Deshalb müssten verstärkt digitale Kanäle genutzt werden. „hr2-kultur wird nicht abgeschafft und auch keine Klassik-Welle“, postulierte Mentzer. Vielmehr gehe es sowohl um ein lineares als auch digitales Portfolio. Es solle keine Streichung von Formaten zugunsten einer digitalen Erweiterung geben. Doppelkopf, Hörspiele und Features würden bleiben, Der Tag sei auch auf einem anderen Kanal vorstellbar. „Es geht nicht darum, Geld einzusparen, sondern mit den vorhandenen Mitteln auszukommen“, betonte Mentzer. Nach der Frankfurter Buchmesse werde sich die Projektgruppe zusammensetzen.

„Eigentlich gehört so eine Debatte in den Sendesaal des Hessischen Rundfunks!“, rief die ehemalige Bürgermeisterin Jutta Ebeling aus dem Saal und erntete mit diesem Vorschlag Beifall.

Das Podium und das Publikum waren sich einig und verabschiedeten eine von Schauspielerin Anke Sevenich verlesene Resolution zur geplanten Reformierung von hr2-kultur. Darin heißt es unter anderem: „Im Wortbereich sind in einer zunehmend destabilisierten Welt verlässlich recherchierte Zeitanalysen und aktuelle Debatten ebenso unverzichtbar wie Literatur und Kunst.“

Außerdem wurde eine Frankfurter Erklärung gegen den Kulturabbau in den öffentlich-rechtlichen Medien beschlossen. Es gehe um einen Rundfunk, der verbindet und um gesellschaftliche Balance im Programmangebot. Quotenwahn habe bei den Öffentlich-Rechtlichen nichts verloren, wenn der gesetzliche Kulturauftrag erfüllt werden soll. Programme dürfen nicht als Ware verstanden werden, bei den Reformen müsse auf journalistisches Gewicht und inhaltliche Vielseitigkeit geachtet werden.

„Die Aufsichtsgremien des öffentlich-rechtlichen Rundfunks werden hiermit aufgerufen, den durch das Rundfunk-Gesetz vorgegebenen demokratischen Schutz für heute und die Zukunft zu verteidigen“, lautet der letzte Satz der Erklärung.

JF

 

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