Veranstaltungen Frankfurter Buchmesse: Frauen in der Branche/Da gibt’s noch Luft nach oben

Die Bücherfrauen veranstalteten gestern im Zentrum Orbanism Space eine Diskussion unter dem Thema Unbewusste Prägung: Die Verantwortung von Publizierenden. Daran nahmen Iris Bohnet, Professor of Public Policy and Director of the Women and Public Policy Programm an der Harvard Kennedy School, Zoë Beck, Autorin und Verlegerin, Culturbooks, sowie Daniela Seel, ebenfalls Autorin und Verlegerin, Kookbooks, teil. Die Politikwissenschaftlerin und Übersetzerin Valeska Henze moderierte.

Iris Bohnet, Valeska Henze, Zoë Beck, Daniela Seel

 

Bohnet berichtete von einer Studie an der Harvard Business School. Der tatsächliche Lebenslauf der erfolgreichen Risikokapitalgeberin Heidi Roizin (Silicon Valley) wurde Studierenden einmal als Lebenslauf von Heidi und einmal als Lebenslauf von Howard vorgelegt. Sie sollten die fachliche Eignung für eine mögliche Einstellung bewerten. „Das Ergebnis zeigte: Heidi wird nicht eingestellt“, erklärte Bohnet. Frauen und Männer werden also unterschiedlich wahrgenommen.

Zoë Beck äußerte: „Es gibt eine Aufteilung zwischen Autorinnen und Autoren und eine zwischen ‚weiblichen’ und ‚männlichen’ Krimis. Mir wurde vorgeworfen, dass ich zu ‚männlich’ schreibe.“ Außerdem würden Bücher von Männern ernster genommen. Bei Frauen gehe es eher darum, die Bücher am Markt verkaufen zu können. „Wenn Männer emotional schreiben, sind sie einfühlsam. Bei Frauen ist es Kitsch“, beobachtete Beck. Umgekehrt legten sich Männer, die Liebesromane schreiben, ein weibliches Pseudonym zu.

„In der Lyrik haben sich die Zeiten seit Ingeborg Bachmann geändert“, sagte Daniela Seel. Ein Beispiel dafür sei Monika Rinck. An diesem Wandel hätten auch die unabhängigen Lyrik-Verlage Anteil. „Aber es ist noch Luft nach oben“, schätzte Seel ein. In ihrem Verlag gäbe es eine 50-Prozent-Quote: „Und das ist keine Frage der Qualität“, fügte die Verlegerin hinzu. Gute Lyrik gäbe es von Männern und Frauen.

Es müsse darum gehen, die Wahrnehmung zu entzerren, sagte Bohnet. Die deutsche Sprache weise Unterschiede bei den Geschlechtern auf, im Englischen spiele das keine Rolle. „Es gibt jedoch Algorithmen, die Texte auf Vorurteile prüfen“, erklärte die Professorin. „Sprache ist unheimlich wichtig und sollte unabhängig vom Geschlecht sein.“

Für Veränderungen in der Buchbranche führte Beck ein Zahlenbeispiel an: 70 Prozent der in dieser Branche Tätigen seien Frauen – aber ganz oben drehe sich das Verhältnis um. „Vielleicht sollte man Bewerbungen wie bei einem Orchester vornehmen: Die Bewerber spielen hinter einem Vorhang. Nur die Qualität zählt, nicht Geschlecht und Aussehen.“

Seel wies darauf hin, dass zudem der Stipendienbetrieb familienfeindlich sei – gerade bei Auslandsstipendien. „Frauen werden ausgemustert“, kritisierte sie. Auch Lesereisen hätten nichts Familienfreundliches.

„Das beste Quotenexperiment kommt aus Indien“, bemerkte Bohnet. Dort habe man bei Bürgermeistern eine Frauenquote von 30 Prozent festgesetzt. „Eine Frau, die vier Jahre ihr Amt ausübt, reicht allerdings noch nicht, um das Denken zu verändern“, weiß die Wissenschaftlerin. Man braucht also einen langen Atem – nicht nur in Indien.

JF

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