Veranstaltungen Frankfurt liest ein Buch: Auftakt mit Ausstellung, Anna-Seghers-Pfad und Promi-Lesung

Gestern ging es offiziell los mit dem Lesefest, das weit über Frankfurts Grenzen hinausreicht und in seiner neunten Auflage 120 Veranstaltungen auflistet. Im Fokus steht Das siebte Kreuz von Anna Seghers.

In der Stadtbücherei Frankfurt wurde am Vormittag eine kleine Ausstellung eröffnet. Margrid Bircken und Rainer Dyk, beide Mitglieder der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz, hatten sich im Oktober 2017 auf Spurensuche an Orte des Romans im Raum Worms, Mainz und Frankfurt begeben und Fotos der Gegenwart mit Texten aus dem Buch auf 20 Tafeln kombiniert. Die Band Molwert mit Dietrich Jaekel, Hans-Willi Ohl (Vorsitzender der Anna-Seghers-Gesellschaft), Edgar Illert und Klaus-Peter Basel umrahmte die Vernissage musikalisch, das Lied Andre, die das Land so sehr nicht liebten von Theodor Kramer berührte dabei besonders.

Prominenter Besuch war zur Eröffnung der Ausstellung aus Paris gekommen: Pierre Radvanyi, Sohn von Anna Seghers, und seine Frau Marie France hatten die Reise auf sich genommen, um beim Lesefest einige Tage dabei zu sein.

Die Exposition wirft die Frage auf, was man aus Bildern der Gegenwart über Orte der Vergangenheit erfahren kann. Dabei existieren nicht alle in Anna Seghers’ Roman genannten Orte tatsächlich. Das fiktive KZ Westhofen ist dem nahe gelegenen wirklichen Lager Osthofen ähnlich. Ohl, der in die Ausstellung einführte, zitierte abschließend Peter Weiss’ Zeilen aus dessen Text über Auschwitz: „Jetzt steht er nur in einer untergegangenen Welt. Hier kann er nichts mehr tun. Ein Weile herrscht die äußerste Stille. Dann weiß er, es ist noch nicht zuende.“

„Mir hat der Gedanke Frankfurt liest ein Buch mit dem Siebten Kreuz im Mittelpunkt sehr imponiert“, bekannte Pierre Radvanyi. So kämen die Geschichte vor dem Krieg und die Gegenwart zusammen. „Es ist berührend, an Stätten zurückzukommen, die meine Mutter in ihrer Kindheit und Jugend besuchte. Und eigentlich war Georg Heislers Flucht auch unsere Geschichte“, sagte Radvanyi.

Im Gespräch mit Medienvertretern äußerte er, dass er öfter in Mainz gewesen sei, nur einige Male habe er Frankfurt besucht. Zudem wohnten die Großeltern damals in Mainz. Der 92-Jährige erinnerte sich an seine Scharlacherkrankung 1933. Der Arzt habe anschließend einen Erholungsaufenthalt in einem Heim im Schwarzwald vorgeschlagen. Dorthin seien Mutter und Sohn gereist. „Meine Mutter wollte mir das Schlittschuhlaufen beibringen, wir haben uns Schlittschuhe ausgeliehen. Plötzlich kam über Lautsprecher die Nachricht vom Reichstagsbrand in Berlin. Meine Mutter musste sofort nach Berlin zurück und tröstete mich. Ich war bis Juni in diesem Heim, meine Mutter hatte Deutschland inzwischen verlassen und war mit dem Vater nach Zürich geflohen, wo sich auch Brecht und Weill aufhielten. Die Großmutter brachte mich später mit der Bahn nach Strasbourg, dort haben wir uns wiedergesehen.“ Man habe in dieser Zeit nicht gewusst, wie es weitergeht. Die Eltern sprachen Französisch und entschieden sich schließlich für Paris. „Meine Mutter schrieb Das siebte Kreuz in Meudon, einem Vorort von Paris, im Wohnzimmer und im Garten. Sie wollte in einem grünen und nicht so lauten Ort wohnen, wo sie arbeiten konnte. Wir durften sie beim Schreiben nicht stören. Aber sie ging mit uns auch in den Wald, sprach einen Satz immer wieder neu und anders vor sich hin und hüpfte dabei. Der Satz hieß: ‚Hier ritt der Mönch herauf zwischen Mangolds und Marnets Gehöft, hinein in vollkommene Wildnis, die von hier aus noch keiner betreten hatte, ein zarter Mann auf einem Eselchen, die Brust geschützt mit dem Panzer des Glaubens, gegürtet mit dem Schwert des Heils, und er brachte die Evangelien und die Kunst, Äpfel zu okulieren.’ Er steht im ersten Kapitel des Siebten Kreuzes.“ Das erzählte Pierre Radvanyi am Abend noch einmal vor großem Publikum zur offiziellen Eröffnung des Lesefestes in der Deutschen Nationalbibliothek.

Am Nachmittag kam einem kleinen Wegstück zwischen Adickesallee und Feldgerichtstraße, gleich gegenüber der Deutschen Nationalbibliothek, besondere Bedeutung zu. Sabine Baumann, Vorsitzende des Vereins Frankfurt liest ein Buch, Lothar Ruske, Organisator des Lesefestes, Vertreter der Frankfurt School of Finance & Management, der Anna-Seghers-Gesellschaft Berlin und Mainz, des Aufbau Verlags, in dem die neue Ausgabe von Das siebte Kreuz erschienen ist, und Ortsbeiräte hatten sich zur Enthüllung des Namensschildes Anna-Seghers-Pfad eingefunden.

Pierre Radvanyi enthüllt das Schild
Lothar Ruske, Pierre Radvanyi, Sabine Baumann

Pierre Radvanyi persönlich entfernte die Abdeckung vom Straßenschild. Vorher äußerte er: „Meine Großmutter war Frankfurterin gewesen, sie ist 1942 deportiert und ermordet worden. Wir, meine Schwester Ruth, meine Eltern und ich, waren da inzwischen in Mexiko gelandet. Meine Mutter hatte mich dort sofort am französischen Gymnasium angemeldet, an dem ich auch das Abitur ablegte.“ Weiter erzählte Pierre Radvanyi, dass der Botschafter aus Paris nach Mexiko gekommen sei und allen Abiturienten an französischen Gymnasien ein Studium in Frankreich angeboten habe. „Das wollte ich und sprach mit meiner Mutter.“ Anna Seghers verstand ihren Sohn, entgegnete jedoch, dass sie nach dem Krieg zurück nach Deutschland müsse, denn eine Schriftstellerin könne nicht lange ohne die Muttersprache arbeiten. Also lebte Anna Seghers seit 1947 wieder in Berlin, ihr Sohn studierte Physik in Paris.

Sabine Baumann, Constanze Neumann, Anselm Weber, Daniella Baumeister, Alexander Skipis, Sylvia Asmus, Sonja Vandenrath und Pierre Radvanyi
Pierre Radvanyi, Bärbel Schäfer, Mirjam Wenzel, Jan Seghers und Marius König

Abends fand dann die große Eröffnung mit vielen prominenten Vorlesern in der Deutschen Nationalbibliothek statt. Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, begrüßte die Gäste – der große Saal war seit langem ausverkauft. Sonja Vandenrath, Leiterin des Fachbereichs Literatur, verwies darauf, dass Anna Seghers’ Roman bis zum 29. April allgegenwärtig in Frankfurt sein werde; das Lesefest umfasst 120 Veranstaltungen.

Sabine Baumann dankte dem Begründer der Reihe, dem Verleger Klaus Schöffling, der 2010 das erste Fest initiierte.

Constanze Neumann, Verlagsleiterin Literatur beim Aufbau Verlag, der sowohl das Lesebuch als auch die Graphic Novel neu publizierte, erinnerte daran, dass der Roman 1946 zu den ersten Büchern des Editionshauses gehörte.

Aus dem Roman lasen Bärbel Schäfer, der Schüler Marius König, Sylvia Asmus, Jan Seghers, Mirjam Wenzel, Alexander Skipis, Anselm Weber und Daniella Baumeister.

Nach den vorgetragenen Passagen aus dem Buch, zu denen Illustrationen aus der Graphic Novel auf der Leinwand gezeigt wurden, kam Pierre Radvanyi auf die Bühne. Er erzählte ein traurige und eine fröhliche Szene, die er mit seiner Mutter erlebt hatte. Ihm wurde mit viel Beifall gedankt.

JF

 

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