Veranstaltungen Frankfurt: LiBeraturpreis-Soiree

Litprom Literaturen der Welt stellte gestern Abend im Frankfurter Haus am Dom im 30. Jahr der Vergabe des LiBeraturpreises die nominierten acht Kandidatinnen und ihre Bücher in einer Veranstaltung vor. Seit 2016 ist das Voting öffentlich. Die Nominierten 2018 resultieren aus den vier Weltempfänger-Bestenlisten des Jahres 2017.

Lisa Straßberger, Studienleiterin Literatur im Haus am Dom, begrüßte die Gäste zur Soiree, die bereits zum zweiten Mal im Haus am Dom stattfindet.

Litprom-Geschäftsführerin Anita Djafari verwies auf die Geschichte des LiBeraturpreises. Die Auszeichnung wurde 1987 vom Verein der Initiative LiBeraturpreis im Ökumenischen Zentrum Christuskirche in Frankfurt um Ingeborg Kästner ins Leben gerufen und 1988 erstmals vergeben – an Maryse Condé aus Guadeloupe. „Nur ein ganz geringer Teil der Übersetzungen aus Afrika, Asien, Lateinamerika und der arabischen Welt war damals Literatur von Frauen. Der Preis sollte motivieren, das macht er immer noch“, stellte Djafari fest. 2013 übernahm Litprom den LiBeraturpreis und verleiht ihn seither auf der Frankfurter Buchmesse. Seit 2017 stiftet Yogi Tea das Preisgeld in Höhe von 3000 Euro. Verbunden ist die Auszeichnung mit der Verpflichtung der Preisträgerin, in ihrer Heimat ein selbst gewähltes Schreibprojekt für Mädchen und Frauen durchzuführen. „Die Anerkennung schreibender Frauen lässt weltweit immer noch zu wünschen übrig“, unterstrich Djafari.

Die Vorstellungsrunde begann mit Weltempfänger-Jurymitglied Thomas Wörtche. Er plädierte für Nona Fernández aus Chile und ihren Roman Die Straße zum 10. Juli, übersetzt von Anna Gentz und erschienen im Septime Verlag Wien. Es ist ihr dritter ins Deutsche übersetzter Roman. „Es geht um den Diskurs über politische Relevanz von Literatur mit tragfähigen ästhetischen Konzepten. Dafür ist Die Straße zum 10. Juli ein gutes Beispiel. Das Buch ist ein szenisch angelegter politischer Krimi, später kommen phantastische Elemente ins Spiel. Vergangenheit und Gegenwart amalgamieren“, urteilte Wörtche. Es sei eine zwar komplexe, aber nicht schwierig zu lesende Geschichte.

Stéphane Bittoun las einen Auszug aus dem Buch. Juan, einer, der nicht wie bisher weiterleben möchte, verschwindet. Doch wo ist er wirklich?

Juror Andreas Fanizadeh würdigte Lügnerin von Ayelet Gundar-Goshen aus Israel. Die Übersetzung verantwortet Helene Seidler, Kein & Aber Zürich publizierte den Roman. Auch bei Gundar-Goshen ist es das dritte ins Deutsche übersetzte Buch. Bittoun stellte in der vorgetragenen Passage eine 17-Jährige vor, die während der Ferien in einer Eisdiele in Tel Aviv jobbt. Es ist die Geschichte eines Teenagers, der an zu wenig Sichtbarkeit und mangelnder Anerkennung leidet. Die Eisverkäuferin wird vielleicht zum Vergewaltigungsopfer. Es ist auch die Geschichte über ein Vorstadtmädchen und die digitale, schnelllebige Welt. „Dabei ist die israelische Gesellschaft mehr als eine folkloristische Kulisse“, sagte Fanizadeh.

Um Menschenwerk von Han Kang, Südkorea, ging es anschließen. Die deutsche Übersetzung übernahm Ki-Hyang Lee, die Publikation der Aufbau Verlag Berlin. Mit Die Vegetarierin, ihrem Debütroman, erhielt Lee zusammen mit ihrer Übersetzerin ins Englische, Deborah Smith, 2016 den Man Booker International Prize. In Menschenwerk thematisiert sie den Gwangju-Aufstand 1980. Die Revolte richtete sich gegen Militärdiktatur und Kriegsrecht und wurde mit einem Massaker beendet. „Es ist keine leichte Lektüre“, sagte Jurorin Katharina Borchardt. Stéphane Bittoun las eine Passage, in der ein Geist losgelöst von seinem toten Körper über diesem schwebt und ihn beobachtet. Die Geschichte wird in verschiedenen Jahren wieder aufgenommen. 30 Jahre nach Zerschlagung des Aufstandes wird ein ernüchterndes Fazit gezogen: Es hat sich kaum etwas geändert. Der Roman erzählt von Gewalt und ihren Folgen. „Es geht um nachhaltige Verletzungen von Körper und Geist“, sagte Borchardt.

Anita Djafari gab als nächste Jurorin einen Einblick in Mein pochendes Leben von Ae-ran Kim, ebenfalls aus Südkorea. Die Übersetzung besorgte Sebastian Bring, das Buch kam im cass verlag Löhne heraus. Im Zentrum steht Arum, der 16-Jährige leidet an Progerie, der seltenen Krankheit des vorzeitigen Alterns. Er wird sterben. Seine Eltern waren 16, als er auf die Welt kam, sind jetzt 32 – der Junge ist etwa 80. Bittoun liest einen Ausschnitt, in dem sich das Kind im Bauch der Mutter Gedanken macht.

„Ae-ran Kim hat ein schweres Thema leicht und poetisch beschrieben“, urteilte Djafari.

Über „14 herzzerreißende Erzählungen“ sprach Katharina Borchardt und meinte damit Endlose Felder von Nguyen Ngoh Tu aus Vietnam. Günter Giesenfeld und Marianne Ngo vollbrachten eine „übersetzerische Meisterleistung“, das Buch erschien im Mitteldeutschen Verlag Halle.

Thema sind die schwimmenden Märkte im Mekong-Delta. Bittoun machte das Publikum in einer Passage mit dem Leben auf dem Fluss und mit dessen Gefahren bekannt. Trotz der Enge des Bootes oder der Hütte am Ufer sind die Menschen einsam. Eine Heirat ans Ufer verheißt auf den ersten Blick Glück, auf den zweiten wird die Sehnsucht nach dem Fluss nie vergehen.

Weil Endlose Felder kein fröhlich-sozialistisches Buch ist, brachte es der Autorin eine Rüge der Partei ihrer Provinz ein, aber ebenso den Vietnam Writers’ Association Award 2006.

Jurorin Insa Wilke sprach über das nächste Buch: Die Stille von Chagos von Shenaz Patel aus Mauritius. Eva Scharenberg übersetzte den im Weidle Verlag Bonn publizierten Roman. Im Fokus steht das Unrecht auf dem Chagos-Archipel, der zum britischen Territorium gehört und in den 1960er Jahren für 50 Jahre an die USA verpachtet wurde. Die USA errichteten eine Militärbasis und siedelten die Inselbewohner zwangsweise um. „Chargos war Teil des Preises für die Unabhängigkeit von Mauritius 1968“, äußerte Wilke.

Der große Kontrast zwischen der paradiesischen Insel und dem Elend im Exil sei eine Gratwanderung, Patel gelinge es, Klischees fernzuhalten. „Das Buch ist ein Mosaikstein im Gedächtnis der Menschheit“, stellte Wilke fest. Ein vorgetragener Ausschnitt aus dem Roman zeigte, wie eng der Militärstützpunkt Diego Garcia und Afghanistan verbunden sind.

Claudia Kramatschek sprach über Kalkutta von Shumona Sinha, die ihr Leben zwischen Indien und Frankreich verbringt. Lena Müller übersetzte das in der Edition Nautilus Hamburg veröffentlichte Buch.

Nach Erschlagt die Armen! (2015), ausgezeichnet mit dem Internationalen Literaturpreis 2016, kehrt die Autorin in ihre Heimat zurück. Das Buch führt in die 1970er Jahre, die Protagonistin Trish entdeckt nach dem Tod des Vaters das verborgene zweite Leben ihrer Eltern, wie eine vorgelesene Passage verdeutlichte. „Der Roman fällt eine bedrückende Diagnose, Geschichte wiederholt sich. Zärtliche Alltagsbilder wechseln mit analytischer Kühle“, urteilte Kramatschek und lobte zudem die Übersetzung.

Ruthard Stäblein beschloss mit einem Plädoyer für Die vielen Namen der Liebe von Kim Thúy, die in Kanada und Vietnam zuhause ist, die Runde. Andrea Alvermann und Brigitte Große übertrugen die zusammenhängenden Erzählungen ins Deutsche, der Roman erschien im Verlag Antje Kunstmann München. „Auf meiner Reise durch Vietnam war ich gleichermaßen fasziniert von Hanoi und abgeschreckt von politischen Maßnahmen. Diese Ambivalenz der Gefühle ist auch im Buch enthalten“, äußerte der Juror. Liebesgeschichten werden mit Flucht und Ausflügen in die vietnamesische Kochkunst verknüpft. „Es ist ein Kaleidoskop von östlichen und westlichen Erzählmustern“, bemerkte der Juror.

Nach diesem Überblick über die Nominierten, zu denen Stéphane Bittoun mit viel Verve immer etwas aus den Büchern vorgelesen hatte, war das erste Voting freigegeben. Nach zehn Minuten stand fest: Mit 34 Prozent gelang Ae-ran Kim mit Mein pochendes Leben der Sprung auf den ersten Platz. „Da kann sich aber noch viel ändern“, bemerkte Anita Djafari zum Schluss.

Bis zum 31. Mai 2018 kann unter Litprom noch abgestimmt werden.

JF

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