Veranstaltungen Frankfurt: Herta Müller in der Deutschen Nationalbibliothek

Am Donnerstabend, 28. November, wurde die Ausstellung von Herta Müllers Collagen unter dem Titel … und der Wind stellt seine Tasche in ein anderes Land … mit einer literarisch-musikalischen Veranstaltung eröffnet.

Henrike Brüggen am Flügel und Laurent Weibel an der Violine leiteten den Abend mit Impressions d’enfance des rumänischen Komponisten George Enescu ein.

Die Direktorin der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt, Ute Schwens, begrüßte die vielen Zuhörer im Saal: „114 Collagen von Herta Müller, ergänzt mit Fotografien von Barbara Klemm und Arbeitsgegenständen der Autorin, sind in einer Sonderschau zur Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933 bis 1945 bis zum 28. März 2020 zu sehen. Viele Collagen wurden noch nie veröffentlicht.“ Mit dieser Schau werde ein Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart geschlagen. Außerdem werden erstmals die Lesesäle mit Installationen zur Sonderausstellung einbezogen. Zur Exposition ist kann sich der Besucher einen Audioguide mit der Stimme von Herta Müller ausleihen.

Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933 bis 1945, unterhielt sich mit der Schriftstellerin, die 2009 mit dem Literaturnobelpreis geehrt wurde. Die 1953 im rumänischen Nitchidorf Geborene ging mit 15 Jahren in die Stadt, nach Timisoara, auf ein Lyzeum. Dort lernte die deutschsprachig aufgewachsene Banater Schwäbin Rumänisch. 1982 erschien eine zensierte Ausgabe ihres Buches Niederungen, 1987 reiste sie in die Bundesrepublik Deutschland aus. Seit 30 Jahren fertigt sie Collagen an.

„Wie kamen Sie zu den Collagen?“, fragte Sylvia Asmus. „Ich war viel unterwegs und fand nie die richtigen Postkarten. Also habe ich selbst postkartengroße Karteikarten beklebt und verschickt, manchmal mit nur einem Satz“, antwortete Müller. Diese Angewohnheit sei schließlich immer aufwändiger und zu einer Art des Schreibens geworden. Geblieben sei das Format: „Die Karte ist das Gesetz, sie ist begrenzt wie eine Stunde, ein Tag.“ Im Laufe der Jahre habe sich eine eigene Werkstatt ergeben. „Ich habe zuerst auf einem Hackbrett gearbeitet, aber alles ist aus den Fugen geraten“, erklärte die Autorin. „Wörter sind das Material. Ausschneiden geht schnell, Wegräumen nicht, wird fast zur Belästigung.“ Jedes Wort sei ein Vorwurf, man könne es nicht wegschmeißen. Es gibt Wörter, die sich oft wiederfinden lassen in den Collagen: Bahnhof, Koffer, Mutter, Vater, Schwester, Bruder. Nie hat sie früher Präsident oder Diktatur ausgeschnitten, erst jetzt ist sie „darauf losgegangen“.

Flucht war in Rumänien ein Alltagsthema. „Alle Diktaturen verursachen Exil“, sagte Müller. Auftrumpfende Wörter wie mächtig mag sie nicht. „Es gibt aber andere Wörter, die schmecken mir“, bemerkte die Wortbildfrau. „Die Collagen sorgen dafür, dass man nicht aufhört.“ Alphabetisch geordnet liegen bei ihr die Wörter in den Schubladen. Sie zeigen etwas, man kann sie in die Hand nehmen, sie kommen nicht aus einem selbst, sondern von anderswo her. Viele Faktoren haben Einfluss auf eine Collage. Die Wortbilder diktieren einen anderen Einstieg in Themen. „Man ist auch schneller fertig. Was nicht schlecht ist. Man ist gerne schneller fertig“, äußerte Müller.

Als Kind besaß sie keine Bilderbücher, niemand hat ihr vorgelesen. „Ich musste mir alles selber machen, meine eigene Welt bestand aus Pflanzen, die ich auch miteinander verheiratete. Aber im Dorf war man schnell nicht normal, man musste aufpassen“, erinnerte sich die Autorin.

Als Müller „aus einer grauen, still stehenden Gesellschaft“ in den Westen kam, „in dem alles zappelte und bunt war“, bedurfte es der Umgewöhnung.

Müller zitierte Jorge Semprún: „Nicht Sprache ist Heimat, sondern das, was gesprochen wird.“ Sie ergänzte: „Jede Sprache hat andere Augen.“

Während der Zeit in Rumänien und der Angst vor der Seccuritate haben ihr Gedichte von Helga M. Novak, Sarah Kirsch und Lieder von Wolf Biermann geholfen. „Literatur schützt vor dem Verrohen“, sagte Müller. Das sollte auch an Schulen mehr beherzigt werden.

Herta Müller widmete einen Teil ihrer Collagen der chinesischen Dichterin, Fotografin und Malerin Liu Xia, die mit dem Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo verheiratet war, der 2017 in einem chinesischen Krankenhaus – streng bewacht – gestorben war. Liu Xia durfte nach jahrelangem Hausarrest 2018 endlich nach Deutschland ausreisen. Kritik an China darf sie in der Öffentlichkeit nicht üben – sie hat noch einen Bruder in China.

So nah sind Vergangenheit und Gegenwart beim Thema Exil.

Nach der Veranstaltung signierte Herta Müller noch am Büchertisch der Buchhandlung Theo Hector.

JF

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