Veranstaltungen Frankfurt: Hermynia Zur Mühlen – Wiederentdeckung einer Erzählerin und Kämpferin

Viele Menschen waren am Dienstag, 18. Juni, in den Saal der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt gekommen: Anna Thalbach, Ulrich Weinzierl und Felicita Hoppe stellten die Werkausgabe von Hermynia Zur Mühlen vor, gerade im Paul Zsolnay Verlag, Wien in vier Bänden im Schuber erschienen.

Sylvia Asmus, Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933 – 1945, begrüßte die Zuhörer: „Die Werkausgabe einer beeindruckenden Frau liegt nun vor. Hermynia Zur Mühlen ist nicht nur mit ihren Arbeiten im Exilarchiv vertreten, unsere Sammlung bewahrt auch eine Personalakte von ihr auf.“ Sie verwies außerdem auf die Biografie Zur Mühlens von Manfred Altner, die 1997 in der Verlagsgruppe Peter Lang, Bern, publiziert wurde.

Vom Paul Zsolnay Verlag nahm Michael Winroither an der Veranstaltung teil, außerdem waren sechs Mitglieder der weitverzweigten und umfangreichen Familie Von Zur Mühlen anwesend – der Historiker Patrik von Zur Mühlen hatte die Werksausgabe von Hermynia Zur Mühlen mit unterstützt.

Philip Kurz, Geschäftsführer der Wüstenrot Stiftung, erläuterte, warum sein Haus das Projekt der Reihe Bibliothek Wüstenroth Stiftung. Autorinnen des 20. Jahrhunderts förderte: „Solche Ausgaben sind ohne Hilfe von einem Verlag allein gar nicht machbar.“ Auch die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung trug zum Erscheinen der von Ulrich Weinzierl herausgegebenen und mit einem Essay von Felicitas Hoppe eingeleiteten Werkausgabe bei. Bisher sind in der Reihe 2017 bereits die Werke von Annette Kolb und Irmgard Keun erschienen.

„Tod dem Bourgeois!“ Mit diesem leidenschaftlich interpretierten Ausruf von Anna Thalbach begann die Podiumsveranstaltung. Der Ausspruch ist der Titel eines Beitrags, den Zur Mühlen 1919 für die Zeitschrift Die Erde schrieb. „Der Artikel war ein Paukenschlag“, urteilte Ulrich Weinzierl und stellte die Autorin Hermynia Zur Mühlen kurz vor. Hermine Isabelle Maria Gräfin Folliot de Crenneville wurde 1883 in Wien geboren und entstammte dem österreichisch-ungarischen Hochadel. Sie erhielt eine Ausbildung zur Volksschullehrerin und flüchtete 1908 aus dem Elternhaus in die Ehe mit dem Großgrundbesitzer Victor von Zur Mühlen und lebte mit ihm im heutigen Estland. „Das war keine gute Idee“, bemerkte Weinzierl. 1913 ließ sie sich scheiden und lernte den Dichter Hans Kaltneker kennen. An Tuberkulose erkrankt, erholte sie sich zwischen 1914 und 1919 in mehreren Aufenthalten in Davos. 1919 zog sie nach Deutschland, lernte den Übersetzer und Journalisten Stefan Isidor Klein kennen und wohnte viele Jahre in Frankfurt und einige Jahre in Berlin. „Hermynia Zur Mühlen hat um ihr Leben geschrieben, verfasste Märchen, die marxistisch geprägt waren“, sagte der Herausgeber der Werke. Einige ihrer Bücher erschienen, von George Grosz illustriert und heute hoch gehandelt, im Malik-Verlag. Für Malik übersetzte sie Upton Sinclair und entdeckte ihn so für den deutschsprachigen Raum.

Mit ihren Erzählungen wollte sie aufklären über die gesellschaftlichen Verhältnisse und zur Solidarität aufrufen. Als „rote Gräfin“ bezeichnet wurde sie eine der bekanntesten kommunistischen Autorinnen der Weimarer Republik. Unter Pseudonym wie beispielsweise Lawrence H. Desberry veröffentlichte sie Kriminalromane, übersetzte insgesamt über 150 Romane und Erzählungen aus dem Französischen, Russischen und Englischen ins Deutsche.

„Das Leben von Hermynia Zur Mühlen war weniger abenteuerlich, als vielmehr anstrengend und kräftezehrend“, urteilte Felicitas Hoppe.

Anna Thalbach trug aus Zur Mühlens autobiografischem Roman Ende und Anfang. Ein Lebensbuch, 1929 im S. Fischer Verlag erschienen, vor. Außerdem las Thalbach gestenreich das Märchen Der Rosenstock, 1922 verfasst.

Der Politologe und Rechtswissenschaftler Wolfgang Abendroth erzählte in einem Interview, dass er, damals 14 Jahre alt, Hermynia Zur Mühlen in Frankfurt erlebt habe – und nach der Veranstaltung abgeführt worden sei. Zur Mühlen habe ihm später als Erstem ihre Märchen vorgelesen.

Diese Märchen und auch Erzählungen wurden viele Jahre danach in der DDR erneut veröffentlicht.

Weinzierl stellte ein „Amalgam aus christlich-marxistischer Heilserwartung“ bei Hermynia Zur Mühlen fest. 1933 zog sie von Frankfurt nach Wien. In einem Brief an den Engelhorn-Verlag – Anna Thalbach trug ihn vor – lehnt sie die Aufforderung, ihre Mitarbeit an der Exilzeitschrift Neue Deutsche Blätter einzustellen, vehement ab. Zur Mühlens Bücher wurden von den Nazis verbrannt.

Felicitas Hoppe beschäftigte sich mit der Frage, was in politisch schwierigen Zeiten möglich sei und welche Auswirkungen das auf die Literatur habe – eine Frage, die gerade eine ganz neue Aktualität erhalte.

1934 erschien in der saarländischen Zeitung Deutsche Freiheit Zur Mühlens Roman Unsere Töchter, die Nazinen, den sie in nur drei Wochen geschrieben hatte. Sie wandte sich in dieser Zeit von der kommunistischen Linie ab.

1938 floh Hermynia zur Mühlen nach Bratislava und heiratet ihren Lebensgefährten Stefan Isidor Klein. 1939 emigrierten beide nach England. Hermynia Zur Mühlen starb schwer krank und verarmt 1951 im britischen Radlett.

Der Abend in der Deutschen Nationalbibliothek war ein unterhaltsames und nachdenkliches Angebot, sich mit einer zu Unrecht vergessenen ungewöhnlichen Autorin zu beschäftigen.

JF

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