Veranstaltungen Frankfurt: Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 eröffnet

Gestern Abend wurde in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt feierlich die erste Dauerausstellung des Deutschen Exilarchivs 1933–1945 unter dem Titel Exil. Erfahrung und Zeugnis eröffnet.

Der Musiker Vassily Dück stimmte mit unterschiedlichen Stücken von Klassik bis Tango auf dem Knopfakkordeon auf die Veranstaltung ein; er füllte damit den Punkt auf seine Weise, der unter Something On The Accordion zum im Internierten-Camp Hay (Australien) veranstalteten Musical Hay-Fever (1940) genannt ist – das Programm gehört mit zu den Exponaten.

Elisabeth Niggemann, Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek, unterstrich: „Mit der realen Dauerausstellung wollen wir einen wichtigen Beitrag zur Erinnerungskultur leisten.“ Sie verwies außerdem auf das Europäische Kulturerbejahr 2018.

„Die Exponate der Ausstellung zeugen von ganz persönlichen Exilerfahrungen“, hob Niggemann hervor und dankte den anwesenden Angehörigen der Leihgeber sowie den Planern und Gestaltern der Exposition.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters zitierte aus Anna SeghersTransit: „Alles war auf der Flucht, alles war nur vorübergehend, aber wir wussten noch nicht, ob dieser Zustand bis morgen dauern würde oder noch ein paar Wochen oder Jahre oder unser ganzes Leben.“ Anna Seghers zeige in Transit nicht nur das quälende Warten auf die Dokumente zur Ausreise, sondern auch, dass während dieser Zeit der Ungewissheit Würde und Menschlichkeit verloren gingen. Schätzungsweise 500.000 Menschen begaben sich während der Naziherrschaft unfreiwillig ins Exil, nur wenige von ihnen sind heute noch am Leben. „Wir haben eine historische Verantwortung den Nachkommen gegenüber“, sagte die Staatsministerin, die Zeugnisse derer, die ihre Heimat verlassen mussten, „verdienen – über die wissenschaftliche Auseinandersetzung hinaus – mehr Raum in unserer Erinnerungskultur, mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit“. Deshalb sei diese einzigartige Dauerausstellung wichtig. Die Exponate stünden für Brüche, Verluste, Leid und Schmerz – aber auch für einen Neuanfang, der allerdings nicht allen glückte. „Beim Besuch der Ausstellung entsteht der Eindruck, den Menschen, deren Schicksale mithilfe der Ausstellungsstücke verdeutlicht werden, näher zu kommen. Deshalb ist diese Exposition wegweisend.“ Das Bundesministerium für Kultur und Medien unterstütze die Arbeit und beteilige sich finanziell beispielsweise an der Erhaltung der Villa Aurora, in der Lion Feuchtwanger mit seiner Frau Marta seit 1941 lebte, und kaufte im November 2016 das Thomas Mann House, ebenfalls in Pacific Palisades (Kalifornien).

Über 30 Forschungseinrichtungen entwickelten den Online-Katalog Künste im Exil, der seit 2013 im Netz steht. Der Aufbau eines realen Exilmuseums in Berlin auf Initiative von Herta Müller bleibe auf der Tagesordnung.

Zudem fördere das Ministerium das Programm Writers in Exile des PEN. Damit spannte Grütters den Bogen zum Thema Exil in der Gegenwart und verwies auf Christian Petzolds aktuellen Film Transit, der von Deutschen erzählt, die im Marseille von heute ein weiteres Mal vor den Nazis auf der Flucht sind. Der Film vergegenwärtige scheinbar längst Vergangenes.

Per Video wurde Zeitzeuge Ernest Glaser zugeschaltet. Es sei keine leichte Entscheidung für ihn gewesen, seine Dokumente aus dem Exil in Shanghai dem Archiv zu überlassen, doch schließlich hätten ihn seine Kinder überzeugt. „Ich hoffe auf viele vor allem jugendliche Besucher“, beendete Glaser seine Botschaft.

Über Das Versagen der Heimat sprach Doron Rabinovici und erzählte aus der Lebensgeschichte des deutschen Journalisten Berthold Jacob, der zweimal im neutralen Ausland entführt und wieder nach Deutschland verschleppt wurde. Sein Name stand bereits auf der ersten Ausbürgerungsliste 1933 neben den Namen Lion Feuchtwanger, Willi Münzenberg, Alfred Kerr, Ernst Toller, Ruth Fischer, Heinrich Mann und anderen. „Namhafte Menschen waren im Exil nur noch Bittsteller“, stellte Rabinovici fest und zitierte Bertolt Brecht: „Immer fand ich den Namen falsch, den man uns gab: Emigranten. Das heißt doch Auswanderer. Aber wir wanderten nicht aus … sondern wir flohen. Vertriebene sind wir, Verbannte.“ Ähnlich empfand das Hannah Arendt in ihrem Essay We Refugees: „Wir haben unsere Sprache verloren und mit ihr die Natürlichkeit unserer Reaktionen.“ War das Leben oft fern der Heimat schon schwierig, war es die Rückkehr nicht minder. Ernst Lothars Roman Die Rückkehr (1949) stieß damals auf wenig Interesse. Man wollte nichts mehr mit der Vergangenheit zu tun haben. „Längst haben jene Kräfte, die nichts mehr vom Exil wissen wollen, wieder Aufwind bekommen“, mahnte Rabinovici.

Über die Dauerausstellung informierte die Leiterin des Deutschen Exilarchivs 1933 – 1945 Sylvia Asmus: „Der Titel Exil. Erfahrung und Zeugnis ist programmatisch, gerade in einer Gegenwart, in der es bald keine Zeitzeugen mehr geben wird.“

Die durchgehend zweisprachige Exposition ist in die drei Hauptkapitel Auf der Flucht – Im Exil – Nach dem Exil gegliedert, die wiederum Unterabschnitte haben. Auf rund 800 Quadratmetern und zwei Ebenen lassen 250 einzigartige Zeugnisse und mehr als 300 Exilveröffentlichungen – ausschließlich Originale und aus den Beständen des Exilarchivs – Schicksale nachvollziehen. Über 200 Lebenswege wurden dafür erforscht, acht davon stehen besonders im Fokus. Ein Zeitstrahl, eine Weltkarte und immer wieder das Exil-Symbol schlechthin – der Koffer – komplettieren die Ausstellung. Die Vitrinen ermöglichen es, einige Exponate als Repliken näher zu betrachten, daneben gibt es Hörbeispiele und Tablets mit Hintergrundinformationen.

Die Ausstellung kann eintrittsfrei im Gebäude der Deutschen Nationalbibliothek in Frankfurt von Montag bis Freitag zwischen 9 Uhr und 21.30 Uhr und samstags von 10 Uhr bis 17.30 Uhr besucht werden. Außerdem gibt es im Internet einen virtuellen Rundgang.

JF

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