"Ich fühle mich er-hört" Eva Mattes ist Sonderpreis-Gewinnerin des Deutschen Hörbuchpreises 2018

Eva Mattes (Foto: Hanna Mattes)

Die Schauspielerin, Sprecherin und Autorin Eva Mattes erhält den Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises für ihr Lebenswerk. „Das Vorlesen an sich hat für mich etwas Romantisches, erfordert im Studio aber höchste Konzentration“, verrät sie im Interview mit buchmarkt.de. Seit 2012 wird die Auszeichnung alle zwei Jahre von Vorstand und Kuratorium des Hörbuchpreis-Vereins verliehen und zeichnet Persönlichkeiten aus, die das Genre Hörbuch auf außergewöhnliche Weise geprägt haben. Zuvor wurden Christian Brückner, Katharina Thalbach sowie Andreas Fröhlich, Jens Wawrczeck und Oliver Rohrbeck mit dem Sonderpreis bedacht.

Eva Mattes steht seit ihrem zwölften Lebensjahr auf der Bühne, vor der Kamera und dem Mikrofon – und ist, wie sie sagt, „immer noch fasziniert von dem Beruf“. Sie hat seit 1966 in gut 200 Kinofilmen, Fernsehfilmen, Theaterinszenierungen in Haupt- und Nebenrollen gespielt und wurde mit zahlreichen Preisen und Auszeichnungen geehrt. 14 Jahre lang spielte sie die Tatort-Kommissarin Klara Blum in Konstanz am Bodensee. Unter anderem hat sie das Gesamtwerk von Jane Austen eingelesen und reist mit ihren Liederabenden, die von Emigration und Verlust von Heimat erzählen, durch das Land.

buchmarkt.de: Der Sonderpreis des Deutschen Hörbuchpreises gilt quasi als Ehrung für das Lebenswerk. Wie war Ihre Reaktion, als Sie die Nachricht bekamen?

Eva Mattes: Ich habe mich ganz einfach sehr gefreut. Dieser Preis ist eine wunderbare Anerkennung für die zahlreichen Hörbücher, die ich über die Jahre eingelesen habe.

WDR5-Chef Florian Quecke begründet die Entscheidung des Vereins so: „Eva Mattes ist nicht nur eine der profiliertesten deutschsprachigen Schauspielerinnen, sondern auch eine der großen Meisterinnen des Lesens. Schon früh hat sie auf der Bühne und im Synchronstudio gelernt, dass Sprech- und Singstimme zwei Seiten eines Ganzen sind. Mit dieser Musikalität, mit Intuition und einem klaren Blick für das Verborgene wendet sie sich den Stoffen zu. Sie schafft Strukturen, ergründet die Tiefe auch vermeintlich bekannter Texte und erschließt schwierige Figuren. Ihre Stimme gibt dem Text Klang und den Figuren einen Körper. Wer Eva Mattes einmal gehört hat, wird sie in Erinnerung behalten.“ Hat der Verein Ihre „Interpretationsnatur“ gut getroffen?

Florian Quecke hat direkt ins Schwarze getroffen, danke! Ich fühle mich total verstanden und erkannt, fast möchte ich sagen: er-hört.

Gibt es Stoffe und Geschichten, die Sie besonders faszinieren – und die Sie unbedingt noch gerne aufnehmen würden?

Ich habe eine kleine Sammlung von Geschichten verlorener, einsamer, melancholischer Frauen. Ein paar davon habe ich schon in Hörbücher verwandelt. Zum Beispiel So ist es gewesen von Natalia Ginzburg. Angefangen hat diese heimliche Sammlung mit Quartett und Nach der Trennung von Mr. Mackenzie von Jean Rhys. Diese beiden Romane möchte ich unbedingt noch einlesen. So viele andere, die ich gerne gelesen hätte, gibt es ja schon.

Hören Sie auch selbst gern Hörbücher – und wann und wo? Was macht für Sie eine gute Hörbuchstimme aus?

Ich mag es, wenn die Stimmen authentisch sind, einfach und nicht künstlich, nicht forciert. Normalerweise höre ich keine Hörbücher, es bleibt mir zu wenig Zeit dafür, aber nach dem Tod von Otto Sander habe ich mir Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand – von ihm gelesen – ganz angehört und dabei gestickt. Es war wunderbar, Ottos Stimme noch einmal so nah zu haben.

Sie haben über einhundert Hörbücher eingelesen. Was macht für Sie speziell den Reiz des Vorlesens aus?

Das Vorlesen an sich hat für mich etwas Romantisches. Die Mutter, die ihren Kindern vorliest, die sich an sie schmiegen und gespannt zuhören. Friedlich, heimelig, warm. Im Studio zu lesen ist eine ganz andere Sache. Das erfordert höchste Konzentration, damit man sich nicht dauernd verliest, Bewegungslosigkeit vor dem Mikrofon, um Tonschwankungen zu vermeiden, viele Stunden in einem kleinen schalldichten Raum. Aber die Adresse, für die ich lese, verbinde ich wieder mit der gemütlichen Vorstellung des Zuhörens am heimischen Herd. Auch wenn viele ihre Hörbücher beim Autofahren hören.

Und wie bereiten Sie sich auf den Einsatz im Studio vor?

Bevor ich ins Studio gehe, lese ich das Buch dreimal. Stumm. Das erste Mal, um zu wissen, worum es geht, das zweite Mal, um den Rhythmus und die Atmosphäre zu erfassen und die verschiedenen Charaktere und deren Stimmen zu erspüren, und das dritte Mal zur Sicherheit. Im Studio lese ich es dann zum ersten Mal laut. Auch die Stimmen erfinde ich intuitiv – da habe ich zwar schon eine Ahnung, aber zum Ausdruck kommen sie erst vor dem Mikrofon.

Bei so vielen Hörbüchern: Können Sie sich noch an ganz spezielle Highlights erinnern, die sozusagen „zwischen die Ohren“ gegangen und dort auf besondere Weise geblieben sind?

Manche Stimmen der Figuren von Jane Austen sind mir noch im Ohr geblieben. Die betuliche Mutter in Stolz und Vorurteil und so manche dünnen und dicken Tanten und Onkel …

Die Fragen stellte René Wagner

Die festliche Verleihung des Deutschen Hörbuchpreises im Kölner WDR-Funkhaus am Dienstag, dem 6. März 2018 ist der Auftakt des internationalen Literaturfestes lit.COLOGNE, das von Schauspielerin und Komikerin Cordula Stratmann offiziell eröffnet wird. Durch den Abend führt erneut Moderator und Entertainer Götz Alsmann, für das musikalische Rahmenprogramm sorgt neben anderen Gästen Sängerin Yvonne Catterfeld.

Neu ist der „WDR Publikumspreis“. In der Nachfolge des HörKules, der nicht mehr zu den Programmpunkten der Preisverleihung gehört, will der WDR „mit dieser Auszeichnung den Hörbuchvorlieben seines Publikums Rechnung tragen und der interessierten Öffentlichkeit eine Stimme geben“.

Träger des Deutschen Hörbuchpreises sind der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, das Nachrichtenmagazin FOCUS, der Hessische Rundfunk, die Lit.COLOGNE, der Norddeutsche Rundfunk, NDR media GmbH, Studio Hamburg, der Westdeutsche Rundfunk und die WDR mediagroup.

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