Eröffnungspressekonferenz der Buchmesse mit Literatur-Nobelpreisträgerin Olga Tokarczuk

Messedirektor Juergen Boos bezeichnete in seiner Ansprache Olga Tokarczuk als eine „wichtige Stimme Polens und darüber hinaus“, er freute sich sehr, sie zur Pressekonferenz begrüßen zu können.

Es gehe in der Buchbranche künftig verstärkt um Inhalte, Innovationen und Nachhaltigkeit. „Die GAFA-Konzerne geben das Tempo vor. Aber gerade diese gigantischen Unternehmen rechtfertigen die Buchmesse, in der es um die Auseinandersetzung mit den gegenwärtig herrschenden globalen Kräften geht.“ Das Beispiel Edward Snowden zeige, dass auch einzelne Menschen viel bewirken können.

Das Buch lebe, weil es „eine dem Menschen gemäße Form“ habe. Boos unterstrich: „Wir brauchen widerständige Autoren, Verlage, Buchhändler, Übersetzer, Bibliotheken und auch multilaterale Organisationen, die sich mit brennenden Fragen unserer Zeit beschäftigen. Wir brauchen Bücher mehr denn je und müssen veränderte Lesegewohnheiten berücksichtigen.“

Der Messedirektor schloss mit einem Zitat von Giuseppe Tomasi di Lampedusa: „Wenn wir wollen, daß alles bleibt wie es ist, dann ist nötig, daß alles sich verändert.“

Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, konnte ein Umsatzplus von 2,5 Prozent von Januar bis September 2019 im Vergleich zum Vorjahr registrieren. Erstmals nach sieben Jahren gebe es wieder mehr Buchkäufer.

Im Sachbuchbereich seien die Zahlen mit einem Plus von 9,6 Prozent besonders deutlich; Bücher über Natur, Technik und Politik seien gefragt. Die drohende Klimakatastrophe beschäftige die Menschen.

Nachhaltigkeit spiele eine große Rolle in der Branche – von der Papierauswahl bis zum Versand.

Riethmüller, der nach sechs Jahren als Vorsteher des Börsenvereins turnusgemäß dieses Amt Ende Oktober nicht mehr innehaben wird, ging auf die Situation der Presse- und Meinungsfreiheit ein: „Die Freiheit des Wortes ist die Grundlage unserer Demokratie und nicht verhandelbar“, stellte er klar.

Francis Gurry, Generaldirektor der World Intellectual Property Organization (WIPO), äußerte, dass es noch nie so große Kommunikationsmöglichkeiten wie heute gab. Doch global würden sie wenig genutzt, die Verständigung untereinander funktioniere nicht.

Viele Fragen, auch im Hinblick auf Aritficial Intelligence, seien noch ungeklärt, darunter gehe es auch um Urheberrecht.

Olga Mannheimer übersetzte die Worte von Olga Tokarczuk aus dem Polnischen. Die frisch gekürte Nobelpreisträgerin erzählte, dass sie den Anruf über die Auszeichnung auf einem Parkplatz zwischen Berlin und Bielefeld erhalten habe. Sie befindet sich gerade auf Lesereise durch Deutschland. Über den herzlichen Empfang in Bielefeld sei sie erstaunt und bewegt gewesen: „Ich hatte den Eindruck, mitten unter wohlwollenden Freunden zu sein.“ Eine Verbindung, die Tokarczuk der Literatur zuschreibe, herrschte zwischen den Menschen. Die Autorin erzählte vom Novemberaufstand von 1831, als die niedergeschlagenen polnischen Aufständischen von Sachsen, Baden und Bayern herzlich empfangen wurden. „Deutsche Länder empfingen nicht nur damals besiegte Helden, sondern gegenwärtig auch eine Schriftstellerin!“, bemerkte Tokarczuk.

Zur Gegenwart meinte sie, dass die Autoren vor großen Herausforderungen stünden, „dabei ist Literatur ein langsames Gewerbe“, äußerte die Nobelpreisträgerin. Sie sehe die Aufgabe der Literatur darin, Menschen zu verbinden.

Ihrem Kollegen Peter Handke gratulierte sie zum Literatur-Nobelpreis 2019. „Wir werden den Boden unter den Füßen behalten“, sagte sie.

Zur Geschichte und Gegenwart Polens befragt, erklärte Tokarczuk, dass ihr Landsmann Bruno Schulz das Gebiet zwischen Baltikum und Deutschland wohl am besten dargestellt habe. Abschließend fügte sie hinzu: „Ich hoffe, dass meine Bücher dazu beitragen, die polnische Gesellschaft zusammenzuschweißen, und dass Polen auch andere Menschen aufnimmt.“

In der Fragerunde äußerte die Autorin außerdem, dass sie vom Ausgang der Wahlen in Polen nicht so begeistert sei, von der neuen Zusammensetzung des Parlaments hingegen schon. In Polen tobe zurzeit eine Art Kulturkrieg, der sie beunruhige. Aber: „Die Literatur schneidet da gar nicht so schlecht ab. Was braucht ein Schriftsteller? Er kann auch mit dem Bleistift schreiben, die Verlage sind privat.“ Es gebe keine offizielle Literaturzensur, aber eine Selbstzensur, die nicht weiter voran schreiten sollte.

Mit ihrer Rolle als „Good Girl“ in der doppelten Literaturnobelpreis-Vergabe komme sie gut klar. „Eigentlich bin ich ja sonst das ‚Bad Girl’, nun kann ich die Rolle als ‚Good Girl’ richtig auskosten“, beantwortete sie eine entsprechende Frage.

JF

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