Veranstaltungen Erinnern, Erzählen und Identität bei Textland 2019

Am Samstag, 14. September, wurde die zweite Auflage des eintägigen Literaturfestes Textland. Made in Germany in der Evangelischen Akademie Frankfurt eröffnet.

Christian Kaufmann, stellvertretender Direktor der Akademie, begrüßte die Gäste zum von der Faust Kultur Stiftung initiierten und organisierten Fest: „Wir leben in einer Zeit der Veränderung mit Ängsten und populistischen Antworten. Es zeigt sich, dass die Gefahren von Rechts viel zu lange unter den Teppich gekehrt wurden. Ein Kulturkampf ist angesagt.“ Außerdem dankte er den Organisatoren für ihre Arbeit.

Literaturkritikerin Insa Wilke stellte die Teilnehmer des ersten Podiums vor: die Soziologin Irini Siouti, die Autorin und Forscherin Verena Boos, den Autoren und Historiker Doron Rabinovici, den Autoren und Philosophen Senthuran Varatharajah und die Moderatorin der Runde Nassima Sahraoui.

Irini Siouti, Verena Boos

Irini Siouti beschäftigt sich mit Transmigration. Eine neue Identität entsteht in der Bewegung in verschiedenen Räumen, Sprachen, Nationalitäten. „Klassische Theorien von Migration greifen heute nicht mehr“, stellte Siouti fest. Man solle den Raum zwischen den Kulturen positiv betrachten, Mehrfachzugehörigkeiten nutzen. „Transmigration bedeutet harte biografische Arbeit“, bemerkte die Wissenschaftlerin, „Gesellschaften dagegen fordern oft eindeutige geografische Verortungen.“

Doron Rabinovici, Nassima Sahraoui und Senthuran Varatharajah

Doron Rabinovici, der dieses Jahr im Wiener Sonderzahl Verlag das Buch I wie Rabinovici. Zu Sprachen finden veröffentlichte, wandte ein: „Mehrsprachigkeit gerät unter den Verdacht der Doppelzüngigkeit. Aber es ist doch so, dass andere Sprachen dem Deutschen nicht schaden.“ Sein Leben zwischen den Sprachen sei bereichernd: „In mir kommunizieren die Sprachen miteinander.“

Rabinovici bemerkte außerdem zum häufigen Gebrauch des Begriffes Wurzeln in Zusammenhang mit Herkunft: „Bäume haben Wurzeln, Menschen haben Beine.“

Verena Boos schrieb den Essay Nachgehen über Walter Benjamins letzte Flucht, veröffentlicht 2017 in einem Themenheft der Zeithistorischen Forschungen. „Man kann Erinnerungen nicht bewahren, vergessen und erinnern hängen zusammen“, sagte Boos. Inzwischen gibt es von Banyuls über die Pyrenäen bis nach Portbou einen ausgeschilderten Benjamin-Weg mit unglaubhaften Tafeln und Inszenierungen. „Was Wahrheit und Dichtung ist, lässt sich nicht mehr feststellen“, sagte die Autorin.

In ihrem jüngsten Roman Kirchberg, 2017 bei Aufbau veröffentlicht, geht es um die Rückkehr einer Frau an den Ort ihrer Kindheit, um das Spannungsfeld zwischen Stadt und Land, Vergangenheit und Gegenwart. Die Protagonistin findet neue Räume an alten Orten. „So wird aus den Trümmern der Träume eine neue Lebensperspektive“, erklärte Boos.

Von Senthuran Varatharajah erschien 2016 im S. Fischer Verlag Vor der Zunahme der Zeichen. Der Roman wurde mehrfach ausgezeichnet. „Seit wann können wir eigentlich offen über Migration und die damit verbundenen Themen sprechen?“, fragte er. Es gehe nicht um das ständige Erinnern, Vergessen habe auch etwas Tröstliches und Dankbares. „Was aber passiert, wenn der Tod der Sprache vorausgegangen ist? Tamil zu sprechen, bedeutete in Sri Lanka oft den Tod“, wandte Varatharajah, der Tamil, Englisch und Deutsch spricht, ein. Ohne die Todesbedrohung wäre seine Familie nicht nach Deutschland gekommen.

Das Bild „zwischen den Stühlen sitzen“ sei eigentlich falsch, denn zwischen den Stühlen finde Leben statt.

2016 seien vier Romane erschienen, die von transkontinentalen Veränderungen berichten. „Wie kommen wir auf einmal zum Sprechen? Wir stehen dabei auf den Schultern unserer Vorkämpfer, die nicht beachtet wurden, und fragen, wer wir sind und wie wir gesehen werden. Ist Identität Erzählung und Erzählung Biografie?“

Rabinovici reagierte darauf: „Identität ist dort interessant, wo sie verleugnet wird.“ Die politische Auseinandersetzung habe sich verändert. „Die Nationalstaaten funktionieren nicht mehr, damit kommen rechtspopulistische Bewegungen auf.“

Nassima Sahraoui wollte von den Autoren wissen: „Haben Sie ein politisches Verständnis vom Schreiben?“ Boos äußerte: „Ja, in meinen Beiträgen und Büchern geht es auch um die Aufarbeitung von Verbrechen und um eine humanistische Haltung.“

Rabinovici fügte hinzu: „Es ist schon eine politische Entscheidung, überhaupt zu schreiben, das Unerhörte zu Gehör zu bringen.“

„Ich werde in Interviews oft gefragt, was man gegen die AfD tun kann. Darauf habe ich keine Antwort, sonst wäre ich nicht Schriftsteller. Aber ich weiß, wie wichtig der genaue Umgang mit Sprach ist. Sprache und Schreiben sind als kritische Impulse zu betrachten“, erklärte Varatharajah.

Zum Thema Erinnern warnte Rabinovici: „Wenn nicht mehr erinnert wird, werden Dinge ausgeblendet.“ Varatharajah sieht das Erinnern als Fiktion: „Also sind wir alle unzuverlässige Erzähler. Was wir sind, ist im Grunde eine Kompilation oder eine Anthologie.“

Mit Short Cuts (Lesungen und Gesprächen) wurde das Fest am Freitagabend fortgesetzt. Die Autoren-Buchhandlung Marx & Co. übernahm den Büchertisch.

JF

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