Aufbau-Lektorin Nele Holdack im Sonntagsgespräch über eine Wiederentdeckung Ein Populist im Weißen Haus: Sinclair Lewisʼ prophetischer Roman jetzt als Schnellschuss – warum?

Nele Holdack erzählt, was es mit der Wiederentdeckung auf sich hat und warum Bücher wie dieses der Grund dafür sind, dass sie Lektorin ist  (c) Reno Engel

Der Aufbau Verlag hat Sinclair Lewis’ Roman „Das ist bei uns nicht möglich“ aus dem Jahr 1935 als „Schnellschuss“ wieder lieferbar gemacht – seit letzter Woche liegt das Buch nach Jahrzehnten erstmals wieder auf Deutsch vor. Dafür gibt es einen verblüffend aktuellen Anlass. Die Klassik-Lektorin Nele Holdack erzählt, was es mit der Wiederentdeckung auf sich hat und warum Bücher wie dieses der Grund dafür sind, dass sie Lektorin ist.

BuchMarkt: Ich glaube, es ist klar, warum der Aufbau Verlag es jetzt eilig mit der Wiederveröffentlich  von  „Das ist bei uns nicht möglich“ hatte?

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Nele Holdack: Sinclair Lewis schrieb seinen Roman 1935 als Reaktion auf die damaligen Ereignisse: Er hatte in Deutschland den Aufstieg der Nazis miterlebt und wusste darüber hinaus vieles durch seine zweite Frau, Dorothy Thompson. Sie war Auslandskorrespondentin in Berlin und hatte Hitler sogar persönlich interviewt. In den USA beobachtete er zugleich, wie die Populisten immer weiter an Einfluss gewannen. Nach der Wirtschaftskrise und den erst langsam greifenden Sozialreformen des New Deal waren viele von der grassierenden Armut betroffen. In dieser Lage versuchte der radikale Senator Huey Long den amtierenden Präsidenten Roosevelt aus dem Amt zu drängen. Lewis beobachtete all dies mit großer Sorge. Long, der Lewis als Vorbild für den fanatischen Verführer Buzz Windrip in seinem Roman diente, fiel 1935 einem Attentat zum Opfer, ehe er noch die Probe aufs Exempel machen konnte – anders als die Romanfigur: Lewis spielt durch, was passieren könnte, wenn ein Populist Präsident der Vereinigten Staaten wird. Seinen Roman verstand er erklärtermaßen als Warnung vor den möglichen Folgen von Populismus. Heute hat es ein Populist ins Weiße Haus geschafft. Das macht dieses Buch nun leider so aktuell und bitter nötig wie selten zuvor.

Das Buch ist immerhin 80 Jahre alt – was können Buchhändler ihren Kunden sagen,  welche Parallelen man dennoch darin zur heutigen Welt findet?

Das sind erschreckend viele, und das von den ersten Seiten an. Lewis führt uns einen Antihelden vor, der mit seinen Hetzreden die Begeisterung unzufriedener Wähler entfacht, der anstelle von Argumenten mit Lügen, die neuerdings ja „alternative Fakten“ heißen, um sich wirft, die Presse verunglimpft und eine Rhetorik des Populismus und der Ressentiments einsetzt. Der verspricht, aus Amerika wieder ein stolzes Land zu machen, der die Freiheiten der Minderheiten beschneidet, gegen Juden und Schwarze wettert, sich mit Mexiko anlegt und seine Kritiker rabiat verfolgen lässt. In Amerika haben diese frappierenden, geradezu prophetisch anmutenden Ähnlichkeiten dazu geführt, dass der Verkauf innerhalb von einem Jahr um über 1000 Prozent angestiegen ist und sich das Buch wochenlang unter den kommerziell erfolgreichsten befand.

Sie haben eine bestehende Übersetzung verwendet. Hält diese einer heutigen Prüfung stand?

Die Frage kann man ganz klar mit einem Ja beantworten. Die Übersetzung ist bis heute so gut, weil sie den dynamischen Stil von Lewis perfekt wiedergibt. Sie stammt von Hans Meisel, der durch seine eigenen schriftstellerischen Qualitäten und durch seine Vita für diese Aufgabe wie geschaffen war. Der gebürtige Berliner war Politikwissenschaftler, arbeitete als Lokalredakteur der „Vossischen Zeitung“ und erhielt 1927 den Kleist-Preis für seinen Roman „Torstenson. Entstehung einer Diktatur“. Mit diesem Buch sagte er sehr früh literarisch den Aufstieg Hitlers voraus. Nach 1933 musste er ins Exil gehen, 1938 schließlich floh er in die Vereinigten Staaten, wo er als Thomas Manns Sekretär arbeitete, bevor er Professor of Political Science an der University of Michigan wurde. Seine Lewis-Übersetzung erschien erstmals 1936 im Amsterdamer Exilverlag Querido, wurde im Deutschen Reich sofort verboten und konnte erst 1984 im Gustav Kiepenheuer Verlag in Deutschland publiziert werden. Anfang 2017 war kein einziges antiquarisches Exemplar mehr zu haben – das Buch war nun schon zum zweiten Mal seit seiner Erstveröffentlichung zum Phänomen geworden. Über die einzigartige Geschichte dieses Romans und über seine fast schon unheimliche Aktualität im Jahr 2017 berichtet Jan Brandt in seinem klugen und luziden Nachwort.

Sinclair Lewis ist uns offenbar zu Unrecht etwas aus dem Blickwinkel geraten. Was sollten wir noch über ihn wissen?

Sinclair Lewis kannte die Welt, über die er schrieb. Er war ein Bonvivant, weitgereist, hatte als Jack Londons Sekretär gearbeitet, als Journalist und Übersetzer. Vor allem schrieb er aber großartige und gewichtige Romane, am bekanntesten darunter sein „Babbitt“. Für seine scharfsichtigen sozialkritischen Werke erhielt er als erster Amerikaner überhaupt den Nobelpreis für Literatur. Völlig zu Recht hat der aktuelle Literaturnobelpreisträger, Bob Dylan, wie Lewis aus Minnesota stammend, den Schriftsteller schon früh als einen „Meister des absoluten Realismus“ gewürdigt. Lewis hat, das zeigt sein Roman „Das ist bei uns nicht möglich“, die Realität klarer gesehen, als es der Blick der meisten seiner Zeitgenossen vermochte. Er hat erkannt, welche Gefahren die Realität birgt, er erblickte die Realität hinter der Realität, wenn man so will. Diese auch für andere sichtbar zu machen ist die einzigartige Möglichkeit von Kunst – ein wesentlicher Aspekt, der für mich Literatur so unverzichtbar macht und mich meinen Beruf lieben lässt. In Sinclair Lewis’ Roman findet diese Fähigkeit auf besonders verblüffende Weise Ausdruck. Zur „Pflichtlektüre“ erklärte der New Yorker das Buch bereits bei seinem Erscheinen 1935. Das gilt bis heute.

Danke, Sie haben mich neugierig gemacht, das muss ich jetzt unbedingt lesen

Die Fragen stellte Christian von Zittwitz

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